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06. November 2013, 18:17 Uhr

Umweltgifte in China

Krebserkrankung eines Kindes schürt Angst vor Smog

Rapide wachsender Straßenverkehr, massiver Anstieg des Kohleverbrauchs - die Chinesen leiden immer häufiger unter Smog-Rekordwerten. Jetzt soll ein achtjähriges Mädchen wegen der Luftverschmutzung an Lungenkrebs erkrankt sein. Die Nachricht sorgt für neue Empörung.

Shanghai - Das Lungenkrebsleiden eines achtjährigen chinesischen Mädchens hat der Debatte über den Umgang mit der starken Umweltverschmutzung im Land neue Schärfe gegeben. Die Schülerin, deren Namen nicht bekannt wurde, soll nahe einer viel benutzen Straße in der Provinz Jiangsu leben. Ihr Arzt machte die Luftverschmutzung für ihre Erkrankung verantwortlich, berichteten chinesische Medien, darunter auch die staatliche Tageszeitung "Daily News".

Eine Nachrichtenagentur zitiert den Leiter eines Krebskrankenhauses in Nanjing mit der Erklärung, die große Menge an Schmutzpartikeln in der Luft sei Auslöser der Krankheit. Allerdings gelten andere Auslöser, etwa ein genetischer Effekt, unter Experten als mindestens ebenso wahrscheinlich. Der behandelnde Arzt war für SPIEGEL ONLINE telefonisch nicht zu erreichen.

Der Fall hat nun neue Empörung hervorgerufen. Bereits im vergangenen Winter, als die Regierung Fabriken dichtmachte und Fahrverbote für Autos ausrief und das Feinstaub-Problem dennoch nicht in den Griff bekam, waren Rufe nach einem Luftreinhaltegesetz laut geworden.

Energieproduktion mehr als verdreifacht

Doch das wird so schnell nicht kommen. Smog gebe es nicht erst seit ein paar Tagen, sagte Vizepremier Li Keqiang, eine Lösung brauche nun mal Zeit. Die Behörden müssten die Luftwerte zeitgemäß und transparent veröffentlichen, um die Menschen zu warnen, damit sie Schutzmaßnahmen ergreifen könnten. Auch müssten Umweltvorschriften energischer umgesetzt werden.

Bei schwerem Smog sollen Fabriken künftig Produktionspausen einlegen und Arbeitszeiten verkürzen. Auch der Straßenverkehr solle in solchen Phasen eingeschränkt werden, heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten Leitfaden des Umweltministeriums in Peking. Auch sollen Schulen in den Städten geschlossen bleiben, und auf Freizeitaktivitäten soll verzichtet werden. "Jede nur mögliche Zwangsmaßnahme" müsse bei besonders hoher Luftverschmutzung ergriffen werden, um etwa den Ausstoß von Abgasen zu senken.

Eine Hauptursache für den Smog ist neben dem wachsenden Straßenverkehr und dem Wetter der massive Anstieg des Kohlekonsums. China verbraucht heute fast so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammengenommen, wie das amerikanische Energie-Informationsamt (EIA) im Oktober berichtete. Seit 2000 habe sich die Energieproduktion der aufstrebenden Wirtschaftsmacht mehr als verdreifacht.

In Peking sind jetzt erste konkrete Maßnahmen gegen den Umweltdreck geplant. Auf der Internetseite der Stadt war zu lesen, dass ab kommenden Jahr weniger Fahrerlaubnisse erteilt werden. So sollen statt bislang 240.000 Genehmigungen nur noch 120.000 zugeteilt werden. Umweltfreundliche Autos sollen bevorzugt werden.

Fahrerlaubnisse per Lotterie

Auch für Shanghai, Guangzhou und Guiyang seien eingeschränkte Fahrgenehmigungen geplant, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Wer fahren darf, soll per Auktion oder Lotterie ermittelt werden.

Doch mit dem nahenden Winter drohen neue Smogprobleme, vor allem für den Norden in China. Bereits Ende Oktober brachte die dicke Luft das alltägliche Leben in Harbin, einer Wirtschaftsmetropole mit elf Millionen Einwohnern, zum Erliegen. Fabriken und Schulen mussten geschlossen werden. Im vergangenen Januar war Peking wochenlang unter einer dichten Staubwolke versunken. Die Feinstaubwerte erreichten nie zuvor gemessene Werte. Krankenhäuser waren überfüllt mit Patienten, die über Probleme mit den Atemwegen und dem Herz-Kreislauf-System klagen. Hunderte Fabriken der 20-Millionen-Stadt mussten vorübergehend geschlossen werden.

Die Rußpartikel sorgen jedoch nicht allein für schlechte Sicht und Atemwegsbeschwerden. Im Oktober wurden die Ergebnisse einerinternationalen Studie bekannt, wonach die Lebenserwartung im smoggeplagten Norden Chinas im Schnitt fünf Jahre kürzer ist als im Süden des Landes. Die 500 Millionen Bewohner Nordchinas hätten seit Beginn der neunziger Jahre zusammen 2,5 Milliarden Jahre an Lebenserwartung verloren, schrieben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

nik

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