Chinas Weltraum-Mission Funktionäre fürchten Propaganda-Fiasko

China steht unmittelbar vor dem Beginn seiner ersten bemannten Weltraum-Mission. Die zunächst geplante TV-Übertragung wurde allerdings kurzfristig abgesagt - aus Angst vor einem Propaganda-Fiasko, sollte der Start in der kommenden Nacht in einer Katastrophe enden.

Als die Rakete mit lautem Donner in den Himmel erhob, musste ein ideologischer Klangteppich her. Aus Lautsprechern schallerte "Der Osten ist Rot", die Hymne der chinesischen Kulturrevolution, als China vor 33 Jahren seinen ersten Satelliten ins All schoss. Voraussichtlich in der Nacht zum Mittwoch wird es abermals eine Rakete mit dem bezeichnenden Namen "Langer Marsch" sein, die ein chinesisches Gefährt ins All schießt. Diesmal aber wird ein Mensch in der Raumkapsel "Shenzhou V" ("Göttliches Schiff") hocken - und womöglich um seine Gesundheit bangen.

Live-Übertragung abgesagt

Die Verantwortlichen der Regierung beschleichen ähnliche Zweifel, wie es aussieht. Die offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei berichtete, dass die zunächst geplante Live-Übertragung des Raumschiff-Starts nun doch nicht stattfinden werde. In der Hongkonger "South China Morning Post" hieß es, die Parteiführung habe die politischen Risiken eines Scheiterns als zu groß eingeschätzt. Eine in der Provinzhauptstadt Lansu erscheinende Zeitung meldete, die TV-Übertragung sei auf "Empfehlung von Raumfahrtexperten" abgesagt worden. Nur wenn alles glatt gehe, werde später eine Aufzeichnung zu sehen sein. Der staatliche Fernsehsender CCTV verweigerte jeden Kommentar.

Die Regierung in Peking kennt die Erfahrung einer live übertragenen Katastrophe: 1995 explodierte eine Rakete zwei Minuten nach dem Start, sechs Menschen starben. Bis dahin hatte China alle Satellitenstarts direkt im Fernsehen übertragen. Seit dem Unglück herrscht Sendepause.

"Shenzhou V" wurde am Dienstag nach letzten Tests an der Startrampe am Rande der Wüste Gobi aufgetankt. Lokale Quellen beim Raumfahrtbahnhof nahe der Stadt Jiuquan (Provinz Gansu) berichteten, der Start sei am Mittwochmorgen gegen 3 Uhr MESZ geplant. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua sind bereits drei Taikonauten (benannt nach dem chinesischen Wort für Weltraum) am Weltraumbahnhof eingetroffen. Unter ihnen befinde sich auch "die Nummer eins" - was darauf hindeutet, dass nur ein Mann an Bord der Raumkapsel gehen wird.

"Shenzhou V" basiert auf dem Design der russischen "Sojus"-Kapseln aus den sechziger Jahren, doch sei das "Göttliche Schiff" schwerer, größer und sicherer als sein betagter Vorgänger, beteuerten die chinesischen Ingenieure. Obwohl Peking bereits 50 Satelliten ins All geschossen hat, brachte "Shenzhou V" lediglich vier unbemannte Testflüge hinter sich - "vom wissenschaftlichen Standpunkt her nicht genug", sagte Huang Chunping, Raketenchef und Vizekommandeur des Startzentrums Jiuquan, dem SPIEGEL. Die Russen etwa hatten sieben, die Amerikaner gar 17 Tests absolviert, ehe sie einen Menschen in den Orbit schickten.

"Shenzhou V" nur ein "erster Schritt"

Solcherlei Kleinigkeiten halten die Verantwortlichen nicht davon ab, bereits über künftige Abenteuer zu räsonieren. Der Flug von "Shenzhou V" sei nur ein "erster Schritt" für Chinas ehrgeizige Pläne im All, sagte Gu Yidong, Generaldirektor des bemannten Raumflugprogramms. In der zweiten Phase seien kompliziertere Vorhaben wie ein Rendezvous im All, Andockmanöver oder der Aufbau eines Raumlabors geplant - was einmal mehr die Frage aufwirft, ob die Chinesen sich an der Internationalen Raumstation ISS beteiligen oder im All den Alleingang wagen werden.

Unklar ist auch, welchen Nutzen die chinesischen Militärs aus der Weltraummission ziehen werden. Nach Einschätzung westlicher Fachleute hatte "Shenzhou V" schon bei seinen vier Testflügen Aufklärungssysteme an Bord. Robert Karniol, Verteidigungsexperte vom des Fachmagazins "Jane's Defense Weekly", warnte vor den Ambitionen Pekings: China studiere die Technologie von Anti-Satelliten-Waffen und betreibe "energisch" die Entwicklung von Spionagesatelliten. Chinas Militärs, unter deren Führung das Weltraumprojekt steht, sprechen mittlerweile offen über dessen Notwendigkeit - "sonst wird man von anderen herumgeschubst", zitierte die "Volkszeitung" einen Strategen.

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