Virologe Drosten zu Kritik an Corona-Maßnahmen "Wir müssen Unsinn auch beim Namen nennen"

Christian Drosten hat unabhängige Wissenschaft gegen Propaganda und Falschinformationen in sozialen Medien verteidigt. Forscher wie er müssten "ein realistisches Bild zeichnen und nicht das gewünschte".
Christian Drosten: "Einordnen, was Fakt und was Fiktion ist"

Christian Drosten: "Einordnen, was Fakt und was Fiktion ist"

Foto: Christophe Gateau / dpa

Der Virologe Christian Drosten hat in einer Rede unabhängige Wissenschaft gegen teils harsche Kritik in sozialen Medien verteidigt. In der Corona-Pandemie sei es seine Aufgabe, "die Methoden meines Fachgebietes zu erklären, die Grenzen wissenschaftlicher Studien aufzuzeigen, einzuordnen, was Fakt und was Fiktion ist", sagte Drosten in einer in Marbach am Neckar gehaltenen Rede, mit der er an den Geburtstag des Dichters Friedrich Schiller erinnerte. Forscher müssten "ein realistisches Bild zeichnen und nicht das gewünschte". Daher fühle er sich auch verpflichtet, "korrigierend einzugreifen und ausgemachten Unsinn auch einmal beim Namen zu nennen".

Doch wenn man als Wissenschaftler so agiere, sei man heute sofort "mittendrin im breiten öffentlichen Meinungskampf" um die Corona-Pandemie. "Und das ist für jemanden, dem es um Fakten und gesicherte Erkenntnis geht, eine, sagen wir mal, interessante und lehrreiche Erfahrung." Wissenschaftliche Beiträge würden nicht mehr sachlich und kühl diskutiert, sondern seien Teil einer "ungemein hart geführten" Debatte. "Das Ganze findet rund um die Uhr bei hohen Temperaturen im Schleuderwaschgang der sozialen Medien statt", so Drosten.

Sicht auf neuartige Viren kann sich auch ändern

Drosten warb um Verständnis dafür, dass sich die wissenschaftliche Sicht auf neuartige Viren auch ändern könne, es gelte die Logik des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns. Der Weg sei mit einer Expedition ins Unbekannte zu vergleichen, die Irrungen und Rückschläge mit einschließe. "Ursprüngliche Theorien und Annahmen können sich als falsch erweisen und gleichzeitig wichtige neue Impulse liefern. Für Menschen, die dies nicht gewohnt sind, ist das mitunter schwer nachzuvollziehen." Zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr hatten viele Wissenschaftler zum Beispiel das Tragen von Mund-Nasen-Masken für eher unnötig erachtet – inzwischen werden diese als wichtiges Schutzinstrument empfohlen.

Drosten arbeitet an der Berliner Charité und berät in der Corona-Pandemie auch die Bundesregierung. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach vergibt die Schillerrede jährlich an einen neuen Redner und will damit an den Geburtstag von Friedrich Schiller (1759-1805) erinnern, der in Marbach geboren wurde.

hej/dpa
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