Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard wird 75 Am Wochenende ist sie nicht mehr im Büro

Mitte der Neunziger erhielt Christiane Nüsslein-Volhard den Medizin-Nobelpreis - statt des Ruhestands genießt sie noch immer die Forschung. Und ein weiteres Anliegen treibt sie um: die Förderung von Wissenschaftlerinnen.

Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard
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Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard


Ein schwarz-weißes Poster im Büro von Christiane Nüsslein-Volhard könnte als grafischer Kunstdruck durchgehen, zeigt aber Eier der Fruchtfliege. Es zeugt von ihrem größten Erfolg: Die Erkenntnisse zur embryonalen Entwicklung dieses winzigen Tierchens haben Nüsslein-Volhard 1995 den Nobelpreis eingebracht. Spätestens seitdem ist sie eine Forscherin von Weltrang. Am 20. Oktober feiert Nüsslein-Volhard, geboren in Magdeburg, ihren 75. Geburtstag.

Weiter bei der Arbeit

Noch immer kommt sie unter der Woche täglich ins Büro im Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. "Ich bin aber nicht mehr am Wochenende hier."

Ihre Neugier müsse angeboren sein, sagt sie. Sie habe eine Besessenheit für Tiere und Pflanzen, wie sonst niemand in ihrer Familie. Hinter ihrem Schreibtisch hängen Fotos von Zebrafischen. Nüsslein-Volhard strahlt, wenn sie von den farbenprächtigen Mustern in der Tierwelt spricht, über die man noch so wenig wisse. Wie Zebrafische ihre Muster bilden und wie Zellen dafür interagieren, sei eine neue Erkenntnis ihrer jüngsten Forschung.

Seit ihrer Emeritierung nimmt sich Nüsslein-Volhard die Freiheit, wieder ganz bei ihrer eigenen Forschung zu sein. In der Zeit nach der Nobelpreisverleihung - "das war schon ein ganz großes Erlebnis" - raubte ihr die öffentliche Aufmerksamkeit die Zeit dazu. Sie wurde in Kommissionen berufen, zu Vorträgen eingeladen, um Interviews gebeten. "Man wird angehalten, viel über Vergangenes zu sprechen. Da fehlt einem die Zeit und die Muse, wieder neue Ideen zu kriegen", sagt sie.

Immer an Tieren geforscht

Nüsslein-Volhard ist Grundlagenforscherin, Genetikerin. Sie hat immer an Tieren geforscht. Die massiven Proteste gegen Tierversuche mit Affen in Tübingen in den vergangenen Jahren nennt sie eine "tragische Geschichte". Ein Hirnforscher stellte seine Arbeit mit den Primaten daraufhin ein. Sie fühlt mit dem Forscher, der aus ihrer Sicht nach allen Regeln der Kunst gearbeitet habe. Für die Ablösung von Tierversuchen gebe es zwar auf dem Gebiet der Zellbiologie vielversprechende Entwicklungen. Doch in der Neurobiologie werde man weiter am lebenden Organismus von Tieren forschen müssen.

Nüsslein-Volhards genetische Forschungsarbeit hat im Lauf ihrer Karriere von neuen Techniken profitiert, zuletzt von der sogenannten Gen-Schere CRISPR/Cas. Damit können Forscher präziser als bisher Teile der DNA ausschneiden oder einsetzen.

Als langjähriges Mitglied im Deutschen Ethikrat hat sie sich auch mit kritischen Fragen der Genforschung beschäftigt. Sie sieht die Dinge gelassen, pragmatisch. "Da wird immer so getan, als könne man jetzt einfach den Menschen nach Belieben verändern. Das halte ich nach wie vor für eine absolute Illusion." Man wisse überhaupt nicht, welches Gen beim Menschen wofür genau zuständig sei. Daher sei gezielte Manipulation nicht möglich, auch nicht mit neuen Methoden.

CRISPR/Cas könne eventuell besser dabei helfen, Stoffwechselkrankheiten zu heilen, indem bei Menschen Zellen entnommen, das kranke Gen manipuliert und die Zellen dann wieder eingesetzt werden.

Förderung von Wissenschaftlerinnen

Ein persönliches Anliegen der Wissenschaftlerin ist die Förderung von Frauen. Nüsslein-Volhard, die selbst keine Kinder hat, hat eine Stiftung gegründet, mit der sie Wissenschaftlerinnen mit Kind hilft, die nötige Freiheit zu haben, ihre Arbeit in der Forschung weiterzuverfolgen. Sie selbst war bei ihrer Berufung als Direktorin in der Max-Planck-Gesellschaft noch eine Ausnahme. "Und Ausnahme ist anstrengend."

Eine Frauenquote lehnt sie aber ab. "Das verekelt einem den Erfolg, wenn man sich immer fragen muss: Liegt es an der Quote oder hab ich's wirklich selbst verursacht?" Sie wäre froh über ein Ende der Diskussion. "Man möchte eigentlich gemessen werden an dem Wert der Arbeit und nicht an dem Geschlecht."

An ihrem Geburtstag, den sie bei sich zu Hause im Tübinger Stadtteil Bebenhausen mit ihrem Bruder und den drei Schwestern verbringt, will sie Musik machen. Im Trio musiziert sie mit der Flöte, die Geschwister mit Geige und Cello. Und sie werde ein paar Arien singen.

wbr/Lena Müssigmann, dpa



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