Geschlechterdiskriminierung Noch immer auf den Bäumen

Der mächtige alte Mann, die wehrlose junge Frau: In der Causa Brüderle scheinen die Rollen fest vergeben. Dabei ist es an der Zeit, die Sexismus-Debatte vom Denken des 19. Jahrhunderts zu befreien.
Von Christoph Kucklick
FDP-Politiker Brüderle: Sexismus-Debatte mit festgefügten Rollen

FDP-Politiker Brüderle: Sexismus-Debatte mit festgefügten Rollen

Foto: dapd

Es war einer der aufschlussreichsten Momente der Sexismus-Debatte, als sich die Bloggerin Anne Wizorek bei Günther Jauch mit einem wunderbaren Bild empörte. "Wir sind doch nicht von den Bäumen gekommen, um uns jetzt dahin zurückzuziehen", sagte sie mit ehrlicher Abscheu.

Schwupps, zurück in die Steinzeit. Seither, das war die Botschaft von Wizorek, sei nichts wirklich Neues unter der Sonne passiert. Und das bisschen Neue - immerhin haben wenigstens Frauen den Boden erreicht - ist jederzeit bedroht vom ewig notgeilen Mann, der rastlos über den Savannenboden streift bis zum nächsten Hotelbar-Tresen.

Rainer Brüderles Dirndl-Hirnriss hat eine Debatte ausgelöst, die alle sattsam bekannten Deutungsversuche, die wir um Männer und Frauen spinnen, wieder hochschwemmt. Allerdings verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass sie uns nicht mehr viel über die Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts verraten.

Nicht die Naturzustands-Beschwörung von Wizorek, nicht der Evergreen, vom Manne mehr Reflexion, Selbstreflexion oder Besinnung zu fordern. Das hört er seit 200 Jahren, als man den Gedanken erfunden hat, dass vornehmlich der Mann an den Miseren der modernen Gesellschaft schuld sei. Der Vorwurf wird regelmäßig mit dem Wunsch nach dem "Neuen Mann" kombiniert, inzwischen ein Staubfänger im Gender-Regal.

Neue Geschlechterwelt in altem Geschlechterdenken

Neu ist immerhin der Versuch, in der Brüderle-Debatte das Ende der Macht des weißen Mannes zu sehen. Die Argumentation von SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jakob Augstein läuft in etwa so: Brüderle = weiß = ewiggestrig = bislang Herrscher = bald nicht mehr.

Den Gedanken vom maskulinen Machtverfall hat sich Augstein erkennbar bei der US-Autorin Hanna Rosin geborgt, die sich allerdings mit ethnischen Feinheiten nicht aufhält und gleich "Das Ende der Männer" ausruft. Es wäre ein vernachlässigenswertes Buch und hätte mit der Brüderle- und #aufschrei -Debatte nichts zu tun, würde es nicht zeigen, wie eine neue Geschlechterwelt in ein altes Geschlechterdenken gepresst wird.

Rosin beschreibt in klaren Worten den Aufstieg der Frauen und den Fall der Männer in den USA. Frauen sind gebildeter und machen mehr College-Abschlüsse, dringen mit Macht ins Management vor, ernähren zunehmend ihre Familien und arbeiten in zukunftsträchtigen Branchen. Nicht alle dieser Zahlen lassen sich auf Deutschland übertragen, aber einige der Phänomene sind auch hier zu beobachten.

Das könnte zu allerhand interessanten Fragen verleiten:

  • Wenn früher die geringere Quote von Abitur-Mädchen als Ausweis von Diskriminierung galt - wie haben wir die geringere Quote von Abitur-Jungen zu deuten?
  • Wenn (wie jüngst in Österreich) das Volk bestimmt, dass junge Männer weiterhin ihre Wehrpflicht zu absolvieren haben, junge Frauen davon aber verschont bleiben - wie fügen wir das in unser Geschlechter-Gefüge ein?
  • Wenn alle Erziehungsexperten darauf hinweisen, dass wir Jungen in der Kindheit ein extrem behinderndes Verhaltenskorsett überstülpen - was machen wir daraus für die Gesamtrechnung der Gender-Gerechtigkeit?
  • Wenn Forscher konstatieren, dass Frauen in Beziehungen ebenso oft gewalttätig werden wie Männer?

Diskriminierungsbegriff für beide Geschlechter

So könnte eine Debatte beginnen, die nicht mehr in Kategorien des 19. Jahrhunderts denkt, sondern das Thema in die Gegenwart bringt. Wir müssten dann von gegenläufigen, vielfältigen Sexismen sprechen, die nach wie vor Frauen, aber eben auch Männer treffen können. Wir würden einen Diskriminierungsbegriff finden, der beide Geschlechter umfasst. Und daher bräuchten wir auch eine Soziologie der Geschlechter, die nicht bei männlicher Macht und Gier ansetzt, sondern komplexere Beschreibungen erlaubt.

Die Ironie wäre natürlich, dass ausgerechnet die Erfolge des Feminismus die Umstellung des feministisch inspirierten Diskurses mitbewirken. Aber dies zu ertragen, gehört dazu.

Nichts davon findet sich bei Rosin. Sie weicht in jene Denkwelten aus, in denen auch die Brüderle-Debatte zu verhallen droht - und präsentiert einen der sexistischsten Texte der jüngeren Vergangenheit. Denn ihren Aufstieg verdanken die Frauen laut Rosin und ihren Anhängerinnen allein ihrer naturgegebenen Flexibilität, ihrem Fleiß und ihrer Durchsetzungskraft. Und der Fall der Männer ist allein deren Idiotie, Faulheit und Verantwortungslosigkeit geschuldet. Männer kommen in dieser Gedankenwelt nur als pornoglotzende, videospielende und emotional restlos verkümmerte Grenzdebile vor, die nicht einmal eine Mikrowelle bedienen können.

Auch Frauen beklagen sich über den Opferstatus

Die krasse Männerkritik ist keine Folge des Feminismus, sondern hat um das Jahr 1800 angefangen. Aber brauchbare Aussagen über unsere Gesellschaft hat sie nie erlaubt. Und spätestens mit vielschichtigen Geschlechterverhältnissen, die sich nicht einer linear überlegenen Männlichkeit fügen, drückt sich darin nur noch Ratlosigkeit aus. An seine Grenzen stößt der Gender-Diskurs dieser Art spätestens dann, wenn es um die Beschreibung der Benachteiligung von Männern geht. Die sind dann entweder selbst schuld oder - wie bei Rosin - einfach dumm.

Parallel zum Unbehagen an Männlichkeit nähren wir spätestens seit der ersten Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts die Hoffnung, mehr Macht für Frauen könnte die Welt besser machen. Dafür gibt es keine Anzeichen, was nicht gegen Machtzuwachs für Frauen spricht, aber deutlich dagegen, weiterhin in diesen Kategorien zu denken.

Die Brüderle-Debatte und der #aufschrei bei Twitter belegen zwar, dass sich zahlreiche Frauen von Männern belästigt fühlen. Und man muss Männern nicht in schöner Tradition eine Denkschwäche unterstellen, um ihnen zu empfehlen, diese Beschwerden so ernst zu nehmen wie die zunehmenden Nachteile ihres Geschlechts insgesamt.

Doch der #aufschrei enthält keineswegs, wie Marc Felix Serrao in der "Süddeutschen Zeitung" richtig beobachtet, eine homogene Botschaft. In zahlreichen Tweets beklagen sich Frauen auch über den universalen Opferstatus, in den sie der #aufschrei tunkt. Andere weisen auf sexistische, gewalttätige und ihre Macht missbrauchende Frauen, Schwulen und Lesben hin. Die gibt's schließlich auch. So könnte die Vorstellung von dem einen Sexismus seine Beschreibungskraft für das Ganze der Gesellschaft endgültig verlieren - wenn er sie je besessen hat.