Chronik Die Pannenserie des AKW-Betreibers Vattenfall

Ärger beim Atomkraftwerk-Betreiber Vattenfall: Fast täglich werden neue Details der Zwischenfälle in Brunsbüttel und Krümmel sowie neue Störungen bekannt. Der Konzern wird für seine Informationspolitik und Sicherheitskultur gerügt. Nun droht der Entzug der Betreiberlizenz. Eine Chronik.


25.07.2006: Im schwedischen AKW-Block Forsmark-1 gibt es einen Kurzschluss, der zur Trennung des Reaktors vom Stromnetz führt. Dann versagt die Notstromversorgung. Spätere Untersuchungen zeigen, dass die Anlage nur Minuten von einem GAU entfernt war. Vier Meiler werden vom Netz genommen. Experten sprechen vom schwersten Zwischenfall seit Tschernobyl und Harrisburg.

16.08.2006: Die Sicherheitsmängel im deutschen Atomkraftwerk Brunsbüttel seien gravierender als die im schwedischen Pannen-Reaktor Forsmark, erklärt die Deutsche Umwelthilfe.

13.11.2006: Das größte schwedische Atomkraftwerk, Ringhals, wird nach einem "explosionsartigen" Brand an einem der beiden Haupttransformatoren abgeschaltet. Das AKW wird gemeinsam von den Energiekonzernen Vattenfall und E.on betrieben.

30.01.2007: Erstmals nach dem schweren Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark räumt der Vattenfall-Konzern Sicherheitsmängel in der Anlage ein. Sicherheitsfragen seien nicht immer so behandelt worden, "wie es sein sollte".

28.06.2007: In Schleswig-Holstein müssen gleich zwei Atomkraftwerke nach Störfällen heruntergefahren werden: Um 13.10 Uhr kommt es laut AKW-Betreiber Vattenfall in Brunsbüttel zu einem Kurzschluss am Umspannwerk, wo der Strom aus dem Kraftwerk in das Netz übergeben wird. Daraufhin wird die Schnellabschaltung eingeleitet. Keine zwei Stunden später fängt ein Transformator auf dem Gelände des AKW Krümmel Feuer. Nach Angaben der Behörden ist keine Radioaktivität ausgetreten.

29.06.2007: Spannungsschwankungen gelten zunächst als möglicher Auslöser des Brandes im AKW Krümmel. Das erklärte zumindest am Vormittag ein Vattenfall-Sprecher. Am Nachmittag meldet sich ein zweiter Unternehmenssprecher und erklärt die Spannungsschwankungshypthese für falsch. In einer Vattenfall-Mitteilung heißt es: "Die Sicherheitssysteme haben wie vorgesehen funktioniert." Der Konzern hat zu dem Zeitpunkt bereits die Kieler Atomaufsicht informiert, dass die Schnellabschaltung nach dem Brand auch auf den Reaktorbereich Krümmels Auswirkungen hatte. Diese Information wird jedoch nicht an die Öffentlichkeit gegeben, weder von Vattenfall, noch von der Aufsichtsbehörde. Die Zwischenfälle in den beiden Kernkraftwerken entfachen erneut die Sicherheitsdebatte um die Kernenergie.

30.06.2007:Die Kieler Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) versichert in einer Pressemitteilung: "Die Schnellabschaltungen der Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel haben ordnungsgemäß funktioniert." Vattenfall betont in einer Presseinformation: "Die Störungen in Krümmel und Brunsbüttel waren konventioneller Art und standen nicht mit dem Nuklearbereich der Anlagen in Verbindung." Derweil wird das AKW Brunsbüttel wieder hochgefahren, das Kernkraftwerk Krümmel bleibt vorerst außer Betrieb.

02.07.2007: Heute, erst vier Tage nach der Schnellabschaltung im Atomkraftwerk Krümmel, können Gutachter beginnen, den Brand in dem Transformatorgebäude neben dem Meiler zu untersuchen.

03.07.2007: Das Kieler Sozialministerium spricht erstmals von "Auffälligkeiten" - mittlerweile steht fest: Im Krümmel-Reaktor selbst haben sich mehrere Ventile unplanmäßig geöffnet, außerdem fielen mehrere Wasserpumpen aus.

04.07.2007: AKW-Betreiber Vattenfall und die Kieler Landesregierung geraten zunehmend in die Kritik. Greenpeace wirft Firma und Ministerium vor, wichtige Details über die Auswirkungen des Brands auf den Reaktor zurückgehalten zu haben - um den Energiegipfel nicht zu stören.

05.07.2007: Eine Woche nach den Zwischenfällen in den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel werfen sich Aufsichtsbehörde und Vattenfall gegenseitig mangelhafte Informationspolitik vor. Greenpeace behauptet, es gebe Hinweise auf Bedienfehler des Krümmel-Personals.

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Atomkraftwerke in Deutschland


06.07.2007: Neue Details über den Unfall im AKW Krümmel werden bekannt: Bei dem Trafo-Brand ist gefährliches Rauchgas in die Leitwarte des Kernkraftwerks eingedrungen. Ein Mitarbeiter musste eine Gasmaske aufsetzen.

08.07.2007: Erst jetzt wird publik: Auch beim Wiederanfahren des abgeschalteten AKW Brunsbüttel vor einer Woche kam es zu zwei Störungen. Das teilt das in Schleswig-Holstein für Reaktorsicherheit zuständige Landessozialministerium mit. Betreiber Vattenfall habe das meldepflichtige Ereignis trotz expliziter Nachfrage zunächst verschwiegen und erst zwei Tage zuvor das Ministerium unterrichtet.

09.07.2007: Krisensitzung des immer stärker kritisierten AKW-Betreibers Vattenfall mit den Aufsichtsbehörden. Das Kernkraftwerk Krümmel geht bis auf weiteres nicht ans Netz; das Bundesumweltministerium zieht die Entscheidung darüber an sich. Kiels Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) droht Vattenfall mit einem Entzug der Betriebserlaubnis. Derweil die nächste Problemmeldung aus dem AKW Brunsbüttel: In Rohren entstehe zunehmend Wasserstoff - im Jahr 2001 hatte eine Wasserstoffexplosion in einem Rohr in Brunsbüttel schwere Schäden verursacht.

10.07.2007: Erklärungsversuche, Beschwichtungen, neue Panne - und ein Machtwort der Kanzlerin: Europa-Chef Klaus Rauscher räumt Probleme mit "nicht spezifikationsgerecht" angebrachten Dübeln im Kernkraftwerk Krümmel ein. Angela Merkel schaltet sich ein und erklärt: "Das muss aufgeklärt werden. Und zwar striktissimi". Das Bundesumweltministerium wirft dem Krümmel-Personal Fehler vor. Experten warnen: In Deutschland fehlt Atom-Know-how.

12.07.2007: Noch eine Störung: Im Turbinenbereich des AKW Krümmel entdecken Mitarbeiter ein etwa zwei Millimeter großes Loch an einem Entlüftungsstutzen der Vorwärmanlage. Nach Vattenfall-Angaben lagen die "radiologischen Auswirkungen unterhalb der Messgrenze".

16.07.2007: Im Kernkraftwerk Krümmel seien "weitere falsche Dübel entdeckt worden", teilt Vattenfall in einer Presseerklärung mit. Es sind nicht die ersten, deshalb stuft das schleswig-holsteinische Sozialministerium das Ereignis von der Kategorie "N" (Normal) auf "E" (Eilt) hoch. Außerdem kritisiert die Atomaufsicht die Kommunikation im Leitstand des Kraftwerks. Vattenfall zieht unterdessen erste personelle Konsequenzen: Kernkraft-Chef Thomauske muss gehen.

18.07.2007: Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) veröffentlicht Gutachteraussagen über jene Mängelliste des AKW Brunsbüttel, deren Veröffentlichung Vattenfall bislang durch eine Klage verhindert hatte. Nach DUH-Angaben soll die Atomaufsicht 2006 in der Sicherheitsanalyse des Kernkraftwerks 650 offene Punkten gezählt haben. Nur Stunden später stellt die Atomaufsicht aus Kiel eine 141-seitige Mängelliste aus dem Jahr 2006 ins Netz, auf der über 700 Mängel verzeichnet sind. Vattenfall hatte seine Klage gegen die Veröffentlichung zurückgezogen. Ebenfalls am 18. Juli reicht Klaus Rauscher, Vorstandschef von Vattenfall Deutschland seinen Rücktritt ein.

fba



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