Vergleich nationaler Klimapolitik Deutschland: ungenügend

Die globale Temperatur wird um drei Grad steigen, wenn sich an der aktuellen Politik nichts ändert. So lautet das Urteil eines Forscherteams, das die Klimaschutzziele der Länder bewertet.
Deutscher Tagebau: "Der Kohleausstieg kommt zu spät" (Archivfoto)

Deutscher Tagebau: "Der Kohleausstieg kommt zu spät" (Archivfoto)

Foto: ollo/ E+/ Getty Images

Die Zusagen der Staatengemeinschaft zur Verringerung der CO2-Emissionen reichen bei Weitem nicht aus, um den Klimawandel beherrschbar zu halten. Mit den bisherigen Klimaschutzbemühungen werde sich die Erde bis 2100 um durchschnittlich drei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwärmen. Dies geht aus einer neuen Untersuchung des "Climate Action Tracker" (CAT) hervor, der die Klimapolitik der Länder misst. Im Pariser Klimaabkommen haben sich 2015 knapp 200 Staaten verpflichtet, die Erwärmung bei möglichst 1,5 Grad, maximal jedoch bei zwei Grad zu stabilisieren.

SPIEGEL ONLINE

Deutschland erhielt für seine Klimapolitik ein "hoch ungenügend" vom CAT, der von einem Team internationaler Klimaforscher erarbeitet wird. Der Bundesregierung fehle ein konkreter Plan, wie Deutschland das selbstgesteckte Ziel erreichen solle, bis 2050 klimaneutral zu werden, sagte der Klimaforscher Niklas Höhne dem SPIEGEL: "Der Kohleausstieg kommt zu spät, der CO2-Preis ist zu niedrig. Das ist mehr als ungenügend."

Die Ergebnisse der Untersuchung werden am Dienstag auf der Weltklimakonferenz in Madrid vorgestellt; sie lagen dem SPIEGEL vorab vor. Für den CAT speisen die Wissenschaftler die Selbstverpflichtungen der Staaten für den Klimaschutz in ein von ihnen entwickeltes Computermodell ein. Aus diesen Daten berechnet das Modell die daraus resultierende voraussichtliche Erwärmung bis 2100.

Der CAT hat 36 Nationen individuell analysiert . Sie sind zusammen für mehr als vier Fünftel der globalen Emissionen verantwortlich. Die Bestnoten erhielten Gambia und Marokko: ihre geplanten Emissionen stehen laut der Untersuchung im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel. Sechs weitere Staaten, darunter Indien, sind auf 2-Grad-Kurs. Die EU schneidet eine Stufe besser ab als Deutschland. Sie steuere politisch und bei den Emissionen in die richtige Richtung, aber nicht schnell genug. Den weltgrößten Verschmutzer China bewerten die Forscher wie Deutschland mit "hoch ungenügend". Allerdings sei die Volksrepublik immerhin noch mit ihren politischen Maßnahmen auf Kurs, ihre selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Am Ende des Rankings stehen die USA, mit der Note "kritisch ungenügend" ("critically insufficient").

Vor einem Jahr sagten die Wissenschaftler noch ein Plus von 3,2 Grad voraus. Nun sind es 0,2 Grad weniger. Allerdings gehe die scheinbare Verbesserung vor allem auf Veränderungen der Berechnungsmethode zurück, so Höhne. Von den Staaten seien zuletzt kaum neue Initiativen gekommen. Und: "Die globalen Emissionen wachsen immer weiter." Entscheidend dafür sei vor allem der wachsende CO2-Ausstoß Chinas.

Damit steigt der Druck auf die Teilnehmer der Madrider Konferenz, viel mehr als bisher für den Klimaschutz zu tun. In Deutschland ist die klimapolitisch wichtige Schwelle von plus 1,5 Grad bereits erreicht; weltweit sind es 1,1 Grad. "Wir sehen eine gigantische Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit", sagte Höhne. Um die 1,5 Grad zu schaffen, müssten die weltweiten Emissionen bis 2030 halbiert werden; für das 2-Grad-Ziel müssten sie um mindestens ein Viertel fallen. "Aber legt man die bisherigen Zusagen der Staaten zugrunde, wird der globale Treibhausgasausstoß bis 2030 sogar steigen."

Der deutsche Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth erwartet nicht, dass die laufende Klimakonferenz die Trendwende bringen wird. In Madrid stehe eine Verschärfung der Klimaziele nicht auf der Agenda; dies sei erst für den Gipfel in einem Jahr in Glasgow vorgesehen. Zwar könne es sein, dass "ein Momentum entsteht und sich einige doch hinreißen lassen", sagte Flasbarth. "Ich glaube aber nicht, dass es eine breite Welle geben wird. In vielen Staaten braucht es dafür eine sorgfältige Diskussion, und in der EU auch."

An diesem Mittwoch will die neue Brüsseler Kommissionschefin Ursula von der Leyen das Ziel verkünden, die EU bis 2050 klimaneutral zu machen. Dies hieße: Die Union darf dann nicht mehr Treibhausgase emittieren, als sie unter hohem technologischen Aufwand aus der Atmosphäre holt. Allerdings leisten drei Mitgliedstaaten Widerstand gegen von der Leyens Vorhaben: die großen Kohleverstromer Polen und Tschechien sowie Ungarn.

Die Bundesregierung hat sich bereits zum Ziel gesetzt, Deutschland solle bis 2050 klimaneutral werden. Wie dies erreicht werden soll, sei allerdings völlig unklar, kritisiert Forscher Niklas Höhne. Zudem werde Deutschland nicht nur sein Klimaziel für 2020 verpassen, die Emissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Das Land werde mit den bisher beschlossenen Maßnahmen auch das Versprechen für 2030 brechen: bis dahin sollen es minus 55 Prozent werden.

Vor allem der schleppende Ausbau der Windkraft ist Höhne zufolge ein akutes Problem: "Die Windenergie ist am Boden." Dies schadet Deutschland auch wirtschaftlich: So gingen in der Windenergiebranche in den vergangenen beiden Jahren mehr Arbeitsplätze verloren, als heute noch Menschen in der Braunkohlewirtschaft arbeiten. Dennoch plant Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), dass Windräder künftig mindestens 1000 Meter von Wohnsiedlungen entfernt stehen müssen. "Wenn man diese Abstandsregelung umsetzt", sagt Höhne, "ist die Windenergie an Land tot".

Weltweit sieht es besser aus bei den erneuerbaren Energien. 2018 wurden laut "Climate Action Tracker" regenerative Kraftwerke mit einer Kapazität von 2400 Gigawatt installiert: doppelt so viel wie vor zehn Jahren. In den kommenden fünf Jahren werde diese Zahl nochmals um weitere 50 Prozent steigen, sagen die Experten voraus. Dies aber sei nicht genug. Denn auch die Kohle- und Gasverstromung steige noch immer. Umso wichtiger sei es, dass die Regierungen weltweit nun aufhörten, fossile Brennstoffe zu subventionieren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.