US-Demokraten debattieren über das Klima Keine Angst vorm Fliegen

Umweltpolitik spielte in US-Wahlkämpfen bisher kaum eine Rolle. Jetzt stellten sich die Demokraten-Kandidaten der ersten TV-Klimadebatte - und offenbarten, wie tief die USA bei diesem Thema gespalten sind.

Feuerwerk aus Zahlen, Daten - und Wahlkampf-Rhetorik: Bernie Sanders und Elizabeth Warren (Archivbild)
ZUMA Press/ imago images

Feuerwerk aus Zahlen, Daten - und Wahlkampf-Rhetorik: Bernie Sanders und Elizabeth Warren (Archivbild)

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Wie viel Zeit braucht man, um die globale Klimakrise zu lösen? Knapp eine Dreiviertelstunde, inklusive Werbeblöcke.

So jedenfalls lief das bei CNN, das am Mittwochabend zur ersten - ja, ersten - TV-Klimadebatte im Vorwahlkampf der US-Demokraten bat: Die zehn Kandidaten, die daran teilnahmen, bekamen nacheinander je 40 Minuten Sendezeit zugeteilt, um die Fragen eines kleinen, aber cleveren Studiopublikums zu ihren Umweltplänen zu beantworten. Wie gesagt, minus Werbung.

Die Kandidaten diskutierten also nicht, sie traten einzeln auf die Bühne des CNN-Sendezentrums - keine Debatte, sondern eine insgesamt siebenstündige Abfolge ähnlicher "Townhalls".

Immerhin. Klima und Umwelt spielten in früheren US-Wahlkämpfen kaum eine Rolle, auch nicht bei den Demokraten. Das ist in diesem Vorwahlkampf ganz anders, denn an der Basis rumort es. Eine neue Generation demokratischer Politiker thematisiert den Klimawandel erstmals groß: Besonders im Rampenlicht stand in den vergangenen Monaten die junge Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, die zu einer wichtigen Unterstützerin des "Green New Deal" zählt - jenem umfassenden Gesetzespaket für Klimaschutz und eine Energiewende, zu dem sich inzwischen auch zahlreiche Präsidentschaftsbewerber der Demokraten bekennen.

Auch wenn das Vorhaben erst einmal an den Mehrheitsverhältnissen im Senat gescheitert ist, hat der Funke gezündet. Dass die Partei nun geschlossen den Klimawandel ins Zentrum des Wahlkampfs stellen wird, ist aber alles andere als sicher: Erst Ende August hatte sich die Parteispitze gegen eine offizielle TV-Klimadebatte ausgesprochen. Die absurde Begründung: Man wolle kein einzelnes Thema bevorzugen.

Deshalb gibt es dazu erst mal nur Marathoninterviews wie die am Mittwoch: Einer nach dem anderen referierten die Hoffnungsträger da ihre grünen Ideen, die sie zuvor meist auch schon schriftlich präsentiert hatten.

Es war ein Feuerwerk aus Zahlen, Daten - und Wahlkampf-Rhetorik.

  • Spitzenreiter Joe Biden, der alle CO2-Emissionen bis 2050 eliminieren und dabei zehn Millionen "grüne" Stellen schaffen will, hatte den wohl schwächsten Auftritt: Er kam wegen seiner Kontakte zur Fracking-Industrie unter Beschuss und propagierte eher konventionelle Vorschläge wie Hochgeschwindigkeitszüge.
  • Der linke Senator Bernie Sanders dagegen, der 16 Billionen Dollar (etwa 14,5 Billionen Euro) in den Umstieg auf erneuerbare Energien investieren will, scheute radikalere Ideen nicht, etwa die Verstaatlichung von Kraftwerken. Auch hofft er, dem Problem durch Geburtenkontrolle beizukommen: "Der Planet kann dieses Wachstum nicht tragen."
  • Senatorin Elizabeth Warren schlug eine "grüne Industrie" vor, ohne neue Atomkraftwerke und finanziert von höheren Körperschaftssteuern. Warren hatte nicht nur den detailliertesten Plan von allen, sie argumentierte auch am emotionalsten. Ihre Stimme bebte und brach: "Wir müssen das in 2020 schaffen!"
  • Der texanische Ex-Abgeordnete Beto O'Rourke gelobte, dem Pariser Klimaabkommen "am ersten Tag" wieder beizutreten und ebenfalls alle CO2-Emissionen bis 2050 auf Null zu drosseln.
  • Tech-Unternehmer Andrew Yang propagierte eine CO2-Steuer, Öko-Subventionen - und weniger Fleischkonsum.
  • Senator Cory Booker erkor den Klimaschutz zu seiner obersten Mission als Präsident, samt Offshore-Ölbohrverbot, versicherte aber: "Die Demokraten wollen euch nicht die Hamburger wegnehmen."
  • Pete Buttigieg, Bürgermeister der Stadt South Bend im US-Bundesstaat Indiana, wehrte sich gegen die in Europa gerade so populäre Flugscham, gab zu, Cheeseburger zu lieben, und machte den Klimaschutz zur Glaubensfrage: "Gott schaut uns zu."
  • Ex-Bauminister Julián Castro sprach von "Umweltrassismus", da die Klimakrise Minderheiten und Arme ganz besonders treffe.
  • Senatorin Amy Klobuchar schwor, den Klimawandel gleich in den ersten sieben Tagen ihrer Präsidentschaft anzugehen.
  • Senatorin Kamala Harris, deren Staat Kalifornien von schlimmen Waldbränden heimgesucht wurde, will Umweltsünder gerichtlich verfolgen: "Dies ist ein Kampf gegen machtvolle Interessen." Harris hatte erst abgesagt, doch dann gemerkt, dass sie sich das nicht leisten kann.

Trotzdem hat kaum eine der Initiativen, die die Kandidaten am Mittwoch vorstellten, eine Chance, umgesetzt zu werden: Wenn die Demokraten nicht auch den Senat zurückerobern und dann dort die Mehrheitsregeln ändern, dürften die Republikaner weiter alle Maßnahmen abblocken.

In neuesten Umfragen bezeichneten 67 Prozent der Demokraten, aber nur 21 Prozent der Republikaner die Klimapolitik als Top-Priorität. Andere Studien offenbarten noch einen kurioseren Grund für diese nationale Spaltung: Öko-Verhalten wie Recycling und Spritsparen gilt bei vielen US-Männern als "feminin" oder "schwul".

Vielleicht auch deshalb rudert Donald Trump, Amerikas größter Klimakrisenleugner, seit 2017 in die entgegengesetzte Richtung. Er löste die USA aus dem Pariser Abkommen, höhlte die Umweltbehörde aus, schwänzte die G7-Klimasitzung und nahm Dutzende Umweltvorschriften seines Vorgängers Barack Obama zurück, manche sogar gegen den Willen der Großindustrie. Noch am Mittwoch annullierte die US-Regierung neue Regeln für energiesparende Glühbirnen - bevor sie in Kraft treten konnten.

Unterdessen wälzte sich der Hurrikan "Dorian" an der US-Ostküste entlang, ein Sinnbild für die wachsende Gewalt des Klimawandels. Der CNN-Veranstaltung folgten um Mitternacht die Nachrichten der Stunde: "Dorian" habe sich wieder verstärkt und steuere nun auf South Carolina zu.



insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
weltverbesserer75 05.09.2019
1.
Julian Castro hat recht, wenn er von "Umweltrassismus" spricht. Das geht jedoch nicht weit genug. Luisa Neubauer hat in ihrem Kommentar bei der HuffPost richtigerweise geschrieben, dass die Klimakrise ist auch eine sexistische Krise ist. Hauptsächlich von Männern verursacht, leiden nun Frauen am meisten unter den Folgen. Leider wird dieser Aspekt in der öffentlichen Diskussion noch immer nicht ausreichend berücksichtigt.
vothka 05.09.2019
2.
Naja Sanders ist wenigstens so ehrlich und sagt dass es teuer wird. Oder anders gesagt - Entweder schuldenfrei oder erneuerbare Energien. Das zeigt auch schon wie absurd die Zahl ist.
Ottokar 05.09.2019
3. Klimakrise?
Nach Meinung der meisten US-Bürger sind die USA doch gar nicht von der Klimakrisenbedrohung betroffen. Vor allem die US-Amerikaner die das Trumm gewählt haben und wieder wählen werden.
SaveTimE 05.09.2019
4. So wie dieser Klimawandel
Vom Menschen erzeugt und betrieben wird, braucht es erst einen 'neuen' Menschen um ihn zu stoppen und dessen Mechanismen zu überwinden.
thetruetoday 05.09.2019
5.
"Der linke Senator Bernie Sanders dagegen, der 16 Billionen Dollar (etwa 14,5 Billionen Euro) in den Umstieg auf erneuerbare Energien investieren will" Sind da wirklich Billionen gemeint oder ist das ein Fehler, was bei uns Milliarden wären?
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