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SPIEGEL

Covid-19 Durch das Coronavirus sinken die CO2-Emissionen in China um 25 Prozent

Liebe Leserin, lieber Leser,  

das Coronavirus verändert das tägliche Leben in Deutschland so radikal wie keine andere Krise der vergangenen Jahre. Es bedroht nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unsere Freiheit - unsere Art zu leben, miteinander umzugehen, zu arbeiten, zu reisen. Darf ich meinen Sohn noch auf dem Spielplatz herumkrabbeln lassen? Sollten wir nicht mehr U-Bahn fahren? Wie trösten wir einander, wenn wir uns nicht umarmen dürfen? Covid-19 stellt alles infrage, lässt alles brüchig erscheinen. 

Fast zynisch klingt da die Frage, ob sich dieser globalen, für viele Menschen tödlichen Seuche auch etwas Gutes abgewinnen lässt. Doch einen positiven Nebeneffekt hat die Epidemie tatsächlich: Covid-19 schützt das Klima. 

In China, das mehr zur globalen Erwärmung beiträgt als jedes andere Land, seien die Treibhausgasemissionen im Februar um sagenhafte 25 Prozent zurückgegangen, berichten Analysten wie Lauri Myllyvirta vom finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air. Weil die Chinesen deutlich weniger Kohle verfeuerten und weniger reisten, sei zudem die Luftqualität in vielen Städten nicht mehr ganz so miserabel wie sonst.  

Flughafen Haneda in Tokio

Flughafen Haneda in Tokio

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PHILIP FONG/ AFP

China war bekanntlich das erste Land, in dem Covid-19 sich ausbreitete. Nun, da das Virus die Welt umkreist, könnten diese Effekte bald auch anderswo zu beobachten sein.  

Der Rückgang kam überraschend. Denn beim Ausstoß klimaschädlicher Gase hat die Menschheit auch 2019 wieder alle negativen Rekorde gebrochen: Fast 37 Gigatonnen waren es, so viel wie noch nie. Bevor das Virus die Welt stillstehen ließ, gab es keine Anzeichen dafür, dass wir die Erderwärmung in diesem Jahr verlangsamen würden. 

Dazu kommt, dass der weltweite Flugverkehr im Februar im Vergleich zum Vorjahr um 4,3 Prozent zurückgegangen ist. Mehrere Fluggesellschaften kündigten für die kommenden Monate radikal reduzierte Flugpläne an. Mindestens einen Monat lang dürfen Europäer nicht mehr in die USA einreisen, weil Präsident Donald Trump ihnen die Schuld daran gibt, dass das Virus sich auch in seinem Land ausbreitet – was, wie so oft bei diesem Präsidenten, mit der Realität nur wenig zu tun hat.  

Noch relevanter fürs Klima ist die Prognose der Internationalen Energieagentur und der OPEC-Staaten, dass die globale Nachfrage nach Erdöl im laufenden Jahr um bis zu 0,7 Prozent schrumpfen könnte.

So scheint auf einmal möglich, was vor Kurzem kaum realistisch schien: dass die weltweiten Treibhausgasemissionen sinken könnten. Es wäre das erste Mal seit der Wirtschaftskrise von 2008, als in den USA das Bruttoinlandsprodukt um 4,3 Prozent schrumpfte, der Anteil der Arbeitslosen sich verdoppelte, Immobilienpreise und Aktienmarkt kollabierten. Auch damals sanken die globalen Emissionen – allerdings nur um 450 Millionen Tonnen oder 1,4 Prozent, und auch nur vorübergehend. Dann sorgten wir alle mit vereinten Kräften dafür, dass sie wieder drastisch anstiegen. 

Auch die Coronakrise dürfte dem Klima nur eine Verschnaufpause verschaffen. Kaum ein Experte geht davon aus, dass der Rückgang der CO2-Emissionen nachhaltig sein wird. Eines aber zeigt die Epidemie eben doch: dass Staaten und ihre Bürger durchaus schnell und entschlossen reagieren können, wenn sie sich einer existenziellen Bedrohung gegenübersehen. 

Herzlich
Ihre Samiha Shafy  

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen dieser Woche 

  • Eine so unwahrscheinliche wie hoffnungsvolle Reportage darüber, wie ein Mann ein tödliches Virus besiegte:  Der mysteriöse "London-Patient", der als zweiter Mensch nach einer Stammzelltherapie von seiner HIV-Infektion geheilt wurde, hat in der "New York Times" seine Identität offengelegt und seine Geschichte erzählt.

  • Ist es eine traumatische Erfahrung, einem Wolf über den Weg zu laufen? Das wollten Forscher um Ugo Arbieu vom Senckenberg Biodiversity and Climate Research Centre in Frankfurt wissen und führten deshalb eine Umfrage in ganz Deutschland und eine weitere in Görlitz, wo besonders viele Wölfe leben, durch. Die frohe Botschaft lautet: Begegnungen zwischen Menschen und Wölfen  sind überraschend häufig, und die meisten verlaufen - zumindest aus Sicht der Bundesbürger - positiv.

  • Wer raucht, sich ungesund ernährt und keinen Sport treibt, verkürzt seine Lebenserwartung; das dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. In einer groß angelegten Studie hat nun ein finnisches Forschungsteam herausgefunden, dass auch ein stressiger Alltag  zu einem verfrühten Tod führen kann: durchschnittlich 2,8 Jahre zu früh, um genau zu sein. Wenn das kein Grund ist, es dieses Wochenende etwas entspannter angehen zu lassen!

  • Allerdings bedeutet das nicht, dass man auf der Couch herumlümmeln sollte, denn: Wer sich aufrafft und ein intensives Trainingsprogramm beginnt, dem fällt es mit der Zeit offenbar leichter, auf kalorienreiche, fettige Nahrungsmittel zu verzichten - und somit gleich doppelt gesund zu leben . Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie britischer und dänischer Wissenschaftler.

  • Finden Sie es auch unheimlich, wie moderne Technik die Privatsphäre mehr und mehr schwinden lässt – bis hin zur totalen Überwachung? Ein Reporter des "New Yorker" hat recherchiert und ausprobiert, mit welchen Mitteln man sich gegen Gesichtserkennung und andere Formen der Überwachung zur Wehr setzen kann.  

Quiz* 

1. Wie schwer ist ein Giraffenherz?

2. Wie viel Schokolade ist tödlich?

3. Was verbindet Schwäne, Wölfe und Präriewühlmäuse?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter. 

Bild der Woche 

Zerfurcht und frostig kalt sieht die Oberfläche des Mars auf dieser Aufnahme der Nasa-Raumsonde "Mars Reconnaissance Orbiter" aus. Derartige Erosionsrinnen entstehen meist im Winter, vermutlich wenn Sediment durch Trockeneis in Bewegung gerät. Um nach Wasser zu suchen, kartografiert die Forschungssonde das ganze Jahr über die Oberfläche des Wüstenplaneten.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten:  

1. Im Durchschnitt wiegt das Herz einer Giraffe 14 Kilogramm. Es muss schwer arbeiten, um entlegene Körperregionen wie das Gehirn, das sich rund 2,5 Meter über ihm befindet, mit Blut zu versorgen.     

2. Verspeiste ein 70 Kilogramm schwerer Mensch 116 Tafeln oder 11,6 Kilogramm dunkle Schokolade, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er daran stürbe. 

3. Sie alle leben monogam.