Christian Stöcker

CO2 in Produkten Der Konsument kann gar nicht lesen

Die "ADAC Motorwelt" will mit einem Autovergleich SUV-Fahrern Mut machen: Alles gar nicht so schlimm! In dem Test fehlt aber stets die wichtigste Zahl. Das ist ein Symptom: Wir alle sind Klima-Analphabeten.
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In der aktuellen Ausgabe der "ADAC Motorwelt", der auflagenstärksten deutschen Publikumszeitschrift, findet man einen "SUV-Faktencheck". Darin werden aktuelle Automodelle vergleichbaren Stadtgeländewagen der gleichen Marke gegenübergestellt.

Der Text selbst kommt zu dem vernünftigen Schluss, dass man sich überlegen sollte, ob man wirklich ein Auto braucht, das größer ist als das Auto, das man braucht. Und dass man sich fragen solle, ob es wirklich "zwingend ein Modell mit Allradantrieb sein muss". Da kann ich hier kurz aushelfen: Nein, muss es nicht, außer vielleicht, Sie sind Landwirt oder wohnen im Hochgebirge.

Das Interessanteste an dem Text sind die Direktvergleiche. Zum Beispiel BMW 630D GT gegen BMW X5 Xdrive 30D. In praktischen Tabellen hat die Redaktion Kennzahlen zu den jeweiligen Modellen gegenübergestellt: Höhe, Kofferraumvolumen, Preis, "Testverbrauch".

Seltsam: Die wichtigste Kennzahl fehlt

Den SUVs werden in dem Artikel pauschal "praktische Eigenschaften" bescheinigt, Länge und Breite der Fahrzeuge aber teilt der ADAC in der Regel nicht mit. Beides verwundert etwas, wenn man einmal zugesehen hat, wie jemand versucht, einen Volvo XC90 (über zwei Meter breit und fast fünf Meter lang) in einem Parkhaus abzustellen.

Die eigentlich interessanteste Zahl fehlt beim ADAC-SUV-"Faktencheck" seltsamerweise: der CO2-Ausstoß. Der von einem schlechten Gewissen geplagte potenzielle SUV-Käufer muss also selbst ausrechnen, dass zum Beispiel der Mazda CX-3, legt man den ADAC-"Testverbrauch" von 6,6 Liter Super pro 100 Kilometer zugrunde, gut 2,13 Kilogramm CO2 pro 100 Kilometer mehr ausstößt als das Vergleichsmodell, ein Mazda 2. Das macht, legt man eine jährliche Fahrleistung von 20.000 Kilometern zugrunde, satte 426 Kilogramm CO2 pro Jahr aus. 426 Kilogramm MEHR.

Die Basis für die Berechnungen in dieser Kolumne sind die Emissionsfaktoren für Diesel und Benzin, die die Dekra zugrundelegt . Andere setzen diese Faktoren noch deutlich höher an, etwa das österreichische Umweltbundesamt , weil sie auch die CO2-Emissionen bei Förderung, Veredelung und Transport einkalkulieren. Legt man die österreichischen Emissionsfaktoren zugrunde, erzeugt das Mazda-SUV sogar 520 Kilogramm CO2 mehr als der Mazda 2.

Eigentlich darf jeder Erdenbürger nicht mehr als etwa drei Tonnen CO2 pro Jahr produzieren, wenn wir die Klimakatastrophe verhindern wollen. Da sind 426 oder gar 520 Kilogramm mehr oder weniger durchaus relevant.

Das finden Sie komisch? Das hat seine Gründe.

Stellt man die beiden oben genannten BMWs gegenüber, produziert das SUV bei 20.000 Kilometern Fahrleistung im Jahr sogar 900 Kilogramm CO2 mehr als das Vergleichsmodell. Insgesamt erzeugt der X5 bei 20.000 Kilometern im Jahr fast 4,2 Tonnen CO2.

Falls Sie diese Zahlen überraschen: Das ist ganz normal, keine Sorge. Und es hat seine Gründe.

Zunächst einmal sind schon die Herstellerangaben, was den CO2-Ausstoß von Autos angeht, sagen wir mal: optimistisch. Bis vor zwei Jahren maßen die Hersteller den CO2-Ausstoß nach dem sogenannten NEFZ-Verfahren. Man könnte auch sagen: Die Hersteller erzählten ihren Kunden, gedeckt vom Gesetzgeber, fromme Märchen.

Um beim Beispiel BMW X5  zu bleiben: Nach NEFZ stößt das Auto 158 Gramm CO2 pro Kilometer aus, nach dem neuen WLTP-Verfahren laut Herstellerangaben im ADAC-Datenblatt  196 Gramm. Schlägt man diese Differenz innerhalb ein- und desselben Datenblattes wieder auf 20.000 Kilometer im Jahr um, reden wir schon hier von einem Unterschied von einer guten Dreivierteltonne CO2. Pro Jahr. Und nicht einmal dieser Wert stimmt wirklich.

Die Hersteller berechnen den Verbrauch ihrer Autos nämlich immer noch sehr optimistisch - BMW gibt für den X5 Xdrive 30D einen WLTP-Verbrauch von 7,5 Liter auf hundert Kilometer an. Die ADAC-Motorwelt kam im Test auf 7,9 Liter. Und die"Auto, Motor und Sport"  auf 9,2 Liter. Das wären dann, nach österreichischer Berechnungsmethode, mehr als 5,6 Tonnen CO2 auf 20.000 Kilometer. Na, schon verwirrt?

All das ist ein Symptom für ein noch umfassenderes Problem: Wir alle sind in Wahrheit Analphabeten, was unseren eigenen CO2-Ausstoß angeht. Und das hat System.

Fast Fashion mit dem Flugzeug

Dem britischen "Economist"  zufolge verursachen zum Beispiel britische Tomaten auf britischen Tellern mehr CO2 als spanische - weil britische Gewächshäuser so kräftig geheizt werden müssen.

Tatsächlich exportieren wir einen guten Teil unseres eigenen CO2-Verbrauchs. Ehrlich berechnet hat Deutschland beispielsweise im Jahr 2014, dem derzeit letzten, für das solche Zahlen verfügbar sind , 13 Prozent mehr CO2 verbraucht als offiziell angegeben. Wir haben die Emissionen nur exportiert. Nach China für unsere Smartphones, nach Bangladesch oder Vietnam für Kleidung.

Wissen Sie, wie viel CO2 in Ihrem neuen T-Shirt steckt? Kam es per Schiffscontainer, oder ist es ein "Fast Fashion"-Produkt, das im Flugzeug angeliefert wurde? Wussten Sie, dass bei der Produktion einer Kilokalorie in Form von Rindfleisch  ungefähr fünf Mal so viel CO2-Äquivalent entsteht wie bei der gleichen Energiemenge aus Schweinefleisch ?

Der Markt für CO2 ist für den Endverbraucher derzeit nahezu vollständig intransparent. Es ist schlicht unmöglich, ohne größeren Aufwand zu erkennen, wie klimaschädlich ein bestimmtes Produkt ist, von simplen Vergleichen wie "Bahn ist besser als Flugzeug" einmal abgesehen. Das muss sich ändern, flächendeckend und schleunigst.

Groß gedruckte Schilder, ganz einfach

Ich denke an simple, groß gedruckte, an jedem Produkt anzubringende Tafeln, die das bei Herstellung, Verpackung und Transport erzeugte CO2 klar ausweisen. "In diesem T-Shirt stecken jetzt schon drei Kilogramm CO2" (das ist durchaus realistisch ). Bei Produkten, die Energie verbrauchen, also Toaster, Fernseher oder Kühlschränke, sollte eine realistische Verbrauchsangabe in Kilowattstunden pro Jahr ganz oben stehen, keine kryptischen Energielabel von A+ bis A+++. Bei Autos mit Verbrennungsmotor und anderen Gerätschaften, die beim Betrieb unmittelbar selbst CO2 herstellen, muss eine ehrliche CO2-Angabe her, keine Taschenspielerrechnung.

Es wird Zeit, dass wir unseren eigenen CO2-Ausstoß lesen lernen. Bis dahin ist das Gerede davon, dass es "der Markt" schon richten werde, reine Augenwischerei - denn der Konsument kann ja nicht lesen.

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