CO2-Lagerung Koalition plant unterirdische Abgas-Entsorgung

Die Bundesregierung will einer neuen Technologie den Weg ebnen, um Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken im Untergrund zu entsorgen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wollen Umwelt- und Wirtschaftsministerium die Energieversorger aber für alle Risiken haften lassen.
Von Christian Schwägerl

Berlin - Die Regierung hat es eilig damit, die Entsorgung des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) im Untergrund voranzutreiben. Im März soll ein Gesetzentwurf ins Kabinett, der die rechtlichen Voraussetzungen dafür schafft, CO2-Speicher anzulegen. Auf entsprechende Regeln haben sich die Fachleute von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in der Nacht zum Donnerstag geeinigt. Die Energieversorger sollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE für alle Risiken der CO2-Speicherung haften.

Kohlekraftwerk: Hohlräume im Untergrund mit CO2 füllen

Kohlekraftwerk: Hohlräume im Untergrund mit CO2 füllen

Foto: AP

Die Regierung will darauf vorbereitet sein, dass immer weniger CO2 in der Atmosphäre landen darf. Denn auch wenn in Zukunft 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energieträgern stammen sollten, bleiben fossile Energieträger enorm wichtig. Wird der Atomausstieg durchgezogen, läge der Anteil von Kohle und Gas bei 70 Prozent.

Aber wohin mit den Abgasen? Das Kohlendioxid einfach in die Atmosphäre zu pumpen wie bisher verbietet sich zusehends. Bis 2050 müssen Wissenschaftlern zufolge die weltweiten CO2-Emissionen um bis zu 80 Prozent sinken, um einen gefährlichen Klimawandel abzubremsen.

Besonders die vier großen Energieversorger verfolgen daher Pläne, leere Öl- und Gasfelder sowie natürliche Hohlräume im Untergrund mit dem Kohlendioxid aus Kraftwerken zu füllen. Vattenfall treibt Forschungsvorhaben in Brandenburg voran, Eon kündigte am Donnerstag an, am hessische Großkraftwerk Staudinger CO2 abzuscheiden und RWE plant bereits eine 500 Kilometer lange "Klimaschutzpipeline" von einem Kraftwerk bei Köln nach Schleswig-Holstein.

Nach Einschätzung des Bundesumweltministeriums ist in Deutschland unterirdisch Platz für alle Abgase aus insgesamt zehn neuen Kohlekraftwerken. Das Wirtschaftsministerium und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sehen sogar ein noch größeres Potential.

Doch wer entscheidet, wo Kohlendioxid gespeichert werden darf? Wer haftet, wenn das Hochdruckgas den Untergrund durcheinander bringt und es zu Schäden kommt? Und wer ist für die Langzeitsicherheit der Lager verantwortlich?

Solche Fragen waren bisher offen. Ein neues "Gesetz zur Regelung von Abscheidung, Transport und dauerhafter Speicherung von Kohlendioxid" soll nun für Klarheit sorgen. Der Entwurf, der bereits im März ins Kabinett soll, liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Der Entwurf zeigt, wie wichtig die Regierung die CO2-Lagerung findet. Vorhaben sollen nach einem beschleunigten Zulassungsverfahren genehmigt werden, bei dem die Rechte der Öffentlichkeit gegenüber anderen Planungsprozessen eingeschränkt sind.

Der Entwurf sieht es als Aufgabe des Bundes vor, im ganzen Land geeignete Lagerstätten zu analysieren und in einem Register zu führen. In die Hoheit der Länder würde es fallen, die Speicher zu genehmigen. Unter der Regie des Umweltbundesamts würden umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfungen erfolgen.

Zentral sind zwei Regelungen: Speicher würden nicht einfach für immer genehmigt, sondern es bestünde eine Pflicht für ihre Betreiber, sie ständig dem neuen Stand von Wissenschaft und Technik anzupassen. Zudem müssen die Betreiber finanziell dafür vorsorgen, dass durch das Gas oberirdisch Schäden entstehen, etwa wenn Häuser Risse bekommen oder Areale absacken sollten. Dafür müssen sie während des Befüllens einen Fonds oder Versicherungen vorweisen können und für die Langfristhaftung ebenfalls Rücklagen bilden.

Geologen erkunden den Untergrund

Die Haftung liegt also vollständig bei den Betreibern. Erst 20 Jahre nach Stilllegung der Speicher würde die Verantwortung dann auf die Länder übergehen, sofern die Anlagen sicher zu betreiben sind und entsprechende Geldrücklagen bestehen.

Für die Energieversorger könnten sich Kohlendioxid-Speicher trotz dieser Auflagen lohnen: Denn für Treibhausgase, die gemäß des Gesetzes im Untergrund entsorgt werden, müssen sie keine teuren CO2-Zertifikate kaufen.Die börsennotierten Erlaubnisscheine müssen sie nur für das CO2 erwerben, das in die Luft entweicht. Das kann je nach Preis der Emissionszertifikate bei jedem Kraftwerk Einsparungen von vielen Millionen Euro bedeuten.

Noch freilich steht die CO2-Speicherung erst am Anfang. Geologen erkunden derzeit, wie dicht der Untergrund eigentlich ist und wie gut er das CO2 von der Atmosphäre fernhalten könnte. Ingenieure arbeiten an der Abscheidungstechnik und versuchen, den Aufwand gering zu halten.

Nach heutigem Stand würde der Wirkungsgrad der Kraftwerke nämlich deutlich zurückgehen, wenn das Gas abgetrennt, gekühlt und in komprimiert werden müsste. Der Energiebedarf dafür ist heute noch sehr hoch. Zudem müsste ein neues Pipelinenetz entstehen, in dem das CO2 von den Kraftwerken zu den Speichern transportiert wird - kein leichtes Unterfangen in Deutschland, wo gegen neue Infrastrukturmaßnahmen gerne geklagt wird.

Exportchancen für Deutschland

Zudem stellen sich regionalpolitische Fragen. Nennenswerte Speicher bieten vor allem die drei Nordländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Sie würden damit zu Entsorgungszentren der Nation. In Niedersachsen aber überwiegt das Gefühl, mit dem potentiellen Atomendlager Gorleben schon genug für die Energieversorgung des Landes getan zu haben. Und aus Schleswig-Holstein war schon zu hören, man wolle eigentlich nur CO2 aus Kraftwerken im eigenen Bundesland entsorgen.

Das Gesetz eröffnet für die Länder allerdings eine interessante Möglichkeit: Sie könnten für das CO2 Abfallgebühren verlangen. Damit wäre die Entsorgung des Klimagases vielleicht sogar ein lukratives Geschäft.

Und auch die Technologieanbieter, die sich auf das CO2-Speichern verstehen, könnten verdienen. Die beiden Großmächte Indien und China setzen für ihre Stromversorgung stark auf Kohle, in China ging in den vergangenen Jahren rechnerisch jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz.

Wenn Deutschland bei der Speichertechnologie als Pionier vorangeht, kalkuliert die Bundesregierung, ergeben sich für die Zukunft erhebliche Exportchancen.

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