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Maya-Archäologie: Das Papier aus der Höhle

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Original oder Fälschung? Die mysteriöse Maya-Schrift aus der Höhle

Nur drei Bilderhandschriften der Maya haben die Eroberung der Spanier in Mittelamerika überstanden. Über die Authentizität einer vierten streiten Forscher seit Jahren. Nun scheint der Fall gelöst.

Diego de Landa, im 16. Jahrhundert Bischof auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan, galt nicht gerade als Förderer der kunstvollen Maya-Hieroglyphen. Zu Lebzeiten vernichtete der fanatische Franziskaner sämtliche Maya-Manuskripte, die ihm in die Finger kamen. Legendär ist eine Aktion vor dem Kloster San Miguel Arcángel in Maní aus dem Jahre 1562, als Landa einen ganzen Haufen Dokumente, Bilder und Symbole öffentlich als Teufelszeug geißelte und demonstrativ verbrennen ließ.

Paradoxerweise war es dann ausgerechnet der eifrige Missionar, der der Maya-Forschung einen entscheidenden Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphenschrift hinterlassen hat: In seinen "Relación de las cosas de Yucatán", einer Art Rechtfertigungsschrift, hatte er das Landa-Alphabet aufgezeichnet, das in den Fünfzigerjahren erstmals der russische Forscher Juri Knorosow richtig deutete.

Deshalb können inzwischen die meisten Hieroglyphen des alten Maya-Volkes, die sie an zahlreichen Bauwerken, Vasen oder Masken hinterlassen haben, gelesen werden. Doch inquisitorischen Aktionen wie der von Landa und seinen Helfern ist es zu verdanken, dass heute nur noch drei Manuskripte, sogenannte Codices, aus vorspanischer Zeit erhalten sind. Sie entstanden alle in den Jahrhunderten vor der Ankunft der Conquistadoren und dienten Maya-Priestern wohl als Leitfaden. Die drei gefalteten Bilderhandschriften auf Amatl, einem papierähnlichen Material aus der Rinde des Amatl-Baumes, liegen heute in europäischen Museen. Es handelt sich um den Madrider Codex, den Dresdner Codex und den Pariser Codex.

Nun könnte noch ein weiterer dazukommen - bisher war er als Codex Grolier bekannt. Doch seit Jahren streiten Forscher, ob es sich bei dem unvollständigen Fundstück, das nur aus elf Seiten besteht, um eine Fälschung von cleveren Geschäftemachern oder um ein Original handelt. Immerhin: Das INAH (Instituto Nacional de Antropología e Historia), Mexikos Behörde für Altertümer, hat den Fund nun offiziell als authentisch anerkannt. Damit könnte ein jahrelanger Streit unter Maya-Forschern zu Ende gehen.

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Dass es zu Unstimmigkeiten kam, lag sicher auch an der abenteuerlichen Fundgeschichte des Papiers: Sie begann in den Sechzigerjahren. Damals hörte der US-Maya-Forscher Michael Coe von einer seltsamen Entdeckung: Ein bekannter Maya-Kunstsammler namens Dr. Josué Sáenz soll in den Besitz einer alten Maya-Schrift gelangt sein. Coe kontaktierte den Doktor und reiste nach Mexiko, um das Stück in Augenschein zu nehmen. Was er bei seinem Besuch zu sehen bekam, versetzte den Schriftforscher in Aufregung.

Das Werk war nicht vollständig erhalten und stark beschädigt. Einigen Seiten hatte Feuchtigkeit schwer zugesetzt. Coe hielt das Stück auf den ersten Blick für authentisch, er erkannte das typische Rindenbastpapier. Der Forscher wusste: Die Entdeckung einer erhaltenen Maya-Schrift wäre eine kleine Sensation.

Deshalb wollte er mehr über die Herkunft erfahren. Sáenz erzählte ihm, wie er von Raubgräbern kontaktiert wurde: Wenn er bereit sei, keine Fragen zu stellen und in ein kleines Flugzeug zu steigen, dann würde man ihn zu einem geheimen Ort fliegen und ihm dort exklusive Maya-Stücke anbieten. Dass Raubgräber heiße Ware an erlesene Kundschaft verkauften, die sie direkt zu winzigen Landepisten im Urwald brachten, war durchaus üblich. Deshalb stieg der Sammler angeblich zusammen mit zwei Unbekannten in die Cessna.

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Obwohl der Kompass des Flugzeugs mit einem Kleidungsstück verdeckt gewesen sein soll, war sich Sáenz recht sicher, dass die Maschine irgendwo in der Sierra Madre de Chiapas im Süden Mexikos landete. Dort habe man ihm neben anderen frisch ausgegrabenen Maya-Gegenständen auch den Codex präsentiert, den er dann kaufte. Angeblich sei das Stück in einer Höhle irgendwo in der Gegend gefunden worden.

Zwar hielten einige Experten die Fundgeschichte von Coe für übertrieben. Doch dem Forscher gelang es, von Sáenz die Erlaubnis für eine Ausstellung des Manuskripts zu erhalten. Das Stück wurde im elitären Grolier Club, einem New Yorker Gentlemen's Club für Liebhaber von historischen Büchern und Dokumenten, gezeigt. Daher leitete sich auch der Name ab.

Doch schon nach der Ausstellung zu Beginn der Siebzigerjahre kamen Zweifel an der Authentizität auf. Der Stil unterschied sich von den drei bekannten Codizes - die Darstellungen waren einfacher gehalten, weniger farbenprächtig, weniger Schrift, bemängelten Experten wie der Brite John Eric Sidney Thompson, viele Jahre der dominante Tonangeber der Maya-Schriftforschung.

Zwar ergaben Radiokarbondatierungen später, dass das Papier tatsächlich aus vorspanischer Zeit stammt. Doch das alleine ist noch kein Beleg dafür, dass clevere Fälscher es nicht einfach bemalt haben könnten. Zudem sind falsche Maya-Kunstwerke, die für viel Geld an reiche Sammler verkauft werden, keine Seltenheit. Viele Jahre war sich die Mehrheit der Maya-Forscher sicher: Das Stück ist gefälscht.

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Maya-Archäologie: Das Papier aus der Höhle

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Wohl auch deshalb hofft das INAH mit der offiziellen Anerkennung nun auf das Ende der über 50 Jahre anhaltenden Debatte - und auf einen Paradigmenwechsel. Künftig soll von vier Codices die Rede sein - zahlreiche Lehrbücher müssen umgeschrieben werden. "Der Codex ist authentisch und das älteste bekannte vorspanische Manuskript in Amerika", teilte Behördendirektor Diego Prieto Hernández kürzlich mit. Dem gingen verschiedene naturwissenschaftliche wie stilistische Untersuchungen des Schriftstücks voraus.

Auch der bekannte Schriftforscher Nikolai Grube von der Universität Bonn, einst ein Skeptiker bezüglich der Authentizität des Codex, glaubt inzwischen an ein Original. "Ich habe mich geirrt", sagte er dem SPIEGEL. "Die ikonografische sowie die Materialanalysen zeigen: Es kann eigentlich kein Zweifel mehr bestehen."

Chemische Untersuchungen lieferten Hinweise, dass auch die verwendete Farbe aus vorspanischer Zeit stammt. Tatsächlich hatten Forscher lange gerätselt, wie die Ureinwohner Mittelamerikas einst das für viele Texte und Wandmalereien verwendete Maya-Blau herstellten. Erst ab den Achtzigerjahren gelang es, das Rezept des extrem widerstandsfähigen und haltbaren Pigments zu entschlüsseln. Die Fälscher hätten dieses Wissen schon vor dem angeblichen Fundzeitpunkt in den Sechzigerjahren oder früher haben müssen.

Vermutlich sei der Codex irgendwann zwischen 1000 und 1150 nach Christus entstanden. "Er muss aus dem Tiefland von Tabasco stammen - aus einem Randgebiet der damaligen Maya-Besiedlung", sagt Grube. Ursprünglich hätte das Werk aus etwa 20 Seiten bestanden, sie berichten etwa von Weissagungen, die von Beobachtungen der Venus-Laufbahn abgeleitet wurden - etwa für Klima- oder Ernteprognosen. Der im Vergleich zu den anderen Codices einfach gehaltene Stil erkläre sich daraus, dass das Stück in einer Phase größere Armut in der Region entstanden sei. "Wenn die Dinge knapp sind, benutzt man, was man zur Hand hat", sagte eine INAH-Forscherin.

Schon vor zwei Jahren hatten Forscher stilistische Übereinstimmungen entdeckt und das Papier noch einmal sehr genau untersucht. Auf einer Seite des Codex war eine Gottheit mit gespaltenem Kopf abgebildet. Die Skeptiker gingen davon aus, dass diese eine Erfindung der Fälscher sei. Doch die Figur fand sich auch in neueren archäologischen Funden. Die Untersuchung lieferte schon damals starke Hinweise für die Authentizität des Werks.

Nun hat Mexiko endlich einen eigenen Codex, deshalb soll er einen neuen Namen erhalten: Er lautet Mexiko Maya Codex. Josué Sáenz hat seinen Kauf noch in den Siebzigerjahren dem mexikanischen Staat vermacht, er liegt derzeit im Nationalmuseum in Mexiko-Stadt. Bisher ist der Codex aber nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Im September soll er ausgestellt werden - dann erstmals ohne Fälschungsverdacht.

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