Computer-Orakel Simulation prophezeit Ende von Irans Atom-Ambitionen

Wird Iran sein Atomprogramm demnächst einfrieren und die Macht von Präsident Mahmud Ahmadinedschad bröckeln? Falls ein Computermodell Recht behält, wird genau das passieren. Und der Urheber der Simulation ist nicht irgendwer.


Bruce Bueno de Mesquita ist einer der bekanntesten Politikwissenschaftler der USA - und er versucht gern, die Welt in Zahlen zu fassen, selbst wenn es um so komplexe Dinge wie politische Verhandlungen geht. Damit war er bisher durchaus erfolgreich: Er berät unter anderem das Pentagon und den US-Auslandsgeheimdienst CIA. Letzterer soll zu dem Ergebnis gekommen sein, dass Bueno de Mesquitas computerbasierte Vorhersagen in etwa 90 Prozent aller Fälle richtig liegen.

Waffenausstellung in Iran: Zügelt Teheran schon bald seinen nuklearen Ehrgeiz?
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Jetzt hat der Forscher sein Modell nun auf Iran angewandt - und kam zu einem Ergebnis, von dem man nur allzu gern hoffen würde, dass es eintrifft. Bis zum Jahresende werde Iran sein Atomprogramm zurückfahren, sagte Bueno de Mesquita auf der "Technology, Entertainment, Design"-Konferenz in Long Beach (US-Bundesstaat Kalifornien), einem jährlichen Treffen von Technologie-Größen, führenden Politikern und anderen Prominenten. Iran werde bis dahin so viel waffenfähiges Uran produziert haben, dass es die grundsätzliche Fähigkeit zur Beherrschung der Technologie bewiesen habe - aber noch nicht genug, um Atomwaffen herzustellen.

Das ähnelt der Einschätzung anderer Experten, die vor Hysterie bei der Beurteilung der Teheraner Politik warnen. Der Beweis, dass man nuklear autark sein könnte, wenn man nur wollte, sei enorm wichtig für das nationale Selbstwertgefühl Irans, sagte kürzlich der Berliner Iran-Experte Johannes Reissner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Deshalb solle man die technologischen Fortschritte Irans trotz der teils lautstarken Propaganda Teherans differenziert betrachten.

Bueno de Mesquita prophezeite auch, dass der Einfluss religiöser Führer im Iran sinken und der von wirtschaftlichen Interessengruppen wachsen werde. Präsident Mahmud Ahmadinedschad befinde sich bereits "auf dem absteigenden Ast", sagte der Wissenschaftler. "Sein Durchsetzungsvermögen wird geringer."

Mesquitas Modell basiert auf der Spieltheorie und der sogenannten Theorie der rationalen Entscheidung. Mathematische Modelle dieser Art versuchen, das Verhalten von Verhandlungsparteien vorherzusagen, indem Parameter wie die Interessen und der Einfluss der einzelnen Akteure berücksichtigt werden. Diese Theorien werden vor allem in den Politik- und Wirtschaftswissenschaften, in der Biologie, der Psychologie und der Soziologie eingesetzt. Unumstritten ist das allerdings nicht: Kritiker bezweifeln etwa, ob das Primat der rationalen Entscheidung ohne weiteres von ökonomischen Modellen auf Politik und Gesellschaft übertragbar ist.

"Nicht alles ist vorhersagbar", sagte Bueno de Mesquita, "aber die meisten komplexen Verhandlungen sind es." Das sei nicht nur wichtig, um Kapital abzusichern. "Was man vorhersagen kann, kann man beeinflussen", meint der Forscher. "Man kann die Welt verändern."

mbe/AFP

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