Computer-Simulation Atomkrieg in Asien würde globale Klimakatastrophe auslösen

Welche Folgen für das Weltklima hätte ein Atomkrieg zwischen Israel und Iran, zwischen Pakistan und Indien? Forscher haben erstmals einen solchen Konflikt am Computer simuliert. Die Ergebnisse überraschten selbst die Experten.

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Im Kalten Krieg war der atomare Weltuntergang das Schreckenszenario Nummer eins - und von Forschern weltweit bis ins Letzte durchgerechnet. Heute ist die Lage anders: Die größte Gefahr ist ein begrenzter Atomkrieg zwischen Staaten wie Indien und Pakistan. Oder ein atomarer Angriff von Iran und Nordkorea, die auf dem besten Wege zur Bombe sind. Welche Folgen ein solcher Konflikt für den Rest der Welt hätte, war bisher nicht klar. Nun bringt eine US-Studie erste Schätzungen.

Pakistanischer Atomraketen-Test (2005): Es drohen totale Verwüstung in den Kriegsländern - und der Kollaps des Weltklimas
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Pakistanischer Atomraketen-Test (2005): Es drohen totale Verwüstung in den Kriegsländern - und der Kollaps des Weltklimas

Forscher von vier US-Universitäten haben mit modernen Klimamodellen errechnet, welchen Schaden der Rauch aus brennenden Städten, die Verschmutzung der Atmosphäre und der radioaktive Fallout eines solchen begrenzten Atomkriegs hätten. Die Wissenschaftler haben einen Schlagabtausch vorausgesetzt, bei dem insgesamt 100 Atomwaffen mit einer Sprengkraft von 15 Kilotonnen TNT - was in etwa der Hiroshima-Bombe entspricht - zum Einsatz kommen.

Das Team um Owen Toon von der University of Colorado in Boulder hat zunächst den Schaden der nuklearen Detonationen in den Städten und die anschließende Freisetzung von Schmutzpartikeln in die Atmosphäre berechnet. Demnach würden fünf Millionen Tonnen Dreck in die Luft gelangen, schreiben Toon und seine Kollegen im Fachblatt "Atmospheric Chemistry and Physics Discussions".

Verheerende Klima-Anomalien

Wissenschaftler um Alan Robock von der Rutgers University in New Jersey haben anschließend mit diesen Daten ihre Klimarechner gefüttert. "In großen Teilen Nordamerikas und Eurasiens würde die Temperatur um mehrere Grad fallen", sagt Robock. In den betroffenen Regionen liege auch der größte Teil der Getreideanbauflächen. Das Ergebnis erinnere an die Berechnungen zum nuklearen Winter aus den achtziger und neunziger Jahren. Robock: "Selbst in Weltgegenden, die weitab vom Ort des Atomkriegs liegen, gäbe es große klimatische Folgen."

Eine ähnliche Katastrophe, wenn auch eine wesentlich kleinere, hat es in modernen Zeiten bereits gegeben: Als 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien ausbrach und gewaltige Mengen an Asche und Gasen in die Erdatmosphäre blies, sanken die Temperaturen in Europa und Nordamerika deutlich. Im sogenannten Jahr ohne Sommer vernichteten Kälte und Frost die Ernten, in vielen Ländern folgten Hungersnöte.

Die Folgen des Tambora-Ausbruchs blieben jedoch hauptsächlich auf das Jahr 1816 beschränkt - die eines regionalen Atomkriegs könnten laut Robock bis zu zehn Jahre anhalten. "Nach dem Einsatz von 100 Atomwaffen mit 15 Kilotonnen Sprengkraft könnten die geschätzten Rauchmengen globale Klima-Anomalien verursachen, die alles in der Geschichte der Menschheit in den Schatten stellen."

Klein, aber tödlich

Diese Ergebnisse hatten die Wissenschaftler selbst nicht erwartet: Angesichts der relativ kleinen Anzahl und der geringen Sprengkraft der Waffen seien die globalen Folgen überraschend groß, lautet ihr Fazit. "Solch kleine Waffen sind sehr effektiv im Töten und Freisetzen von Rauch", sagt Toon zu SPIEGEL ONLINE. Im Zentrum einer Metropole gezündet, könne eine kleine Atombombe pro Kilotonne Sprengkraft bis zu 100 Mal mehr Opfer und Rauch verursachen als eine Waffe mit großer Sprengkraft.

Der Ansatz von Toon und Robock geht auf die Theorie vom "nuklearen Winter" zurück. Diese hatte Carl Sagan 1983 mit vier Kollegen entwickelt, um die Folgen eines Atomkriegs zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion abzuschätzen. In der nuklearen Eiszeit kämen demnach 90 Prozent der Weltbevölkerung um. 100 Atombomben der Hiroshima-Klasse könnten zwar keinen nuklearen Winter verursachen, sagt Toon. Aber das Klima und die Ozonschicht könnten sich auf verheerende Weise verändern. "Die ganze Welt wäre von den Folgen betroffen."

Der Atmosphärenforscher Steve Ghan, der nicht an den Studien beteiligt war, kritisierte die Ergebnisse dagegen verhalten: In dem Klimamodell werde die Rolle von Rauch und Ruß übertrieben. Dennoch sei die Untersuchung wichtig, weil sie auf das unkalkulierbare Risiko eines Atomwaffen-Einsatzes hinweise.

Schätzung: 20 Millionen Tote in Indien und Pakistan

Fraglich ist, ob das von Toon und Robock gewählte Szenario - der Einsatz von insgesamt 100 Atombomben - plausibel ist. Die Forscher zitieren in ihren Fachartikeln Schätzungen, denen zufolge beispielsweise Pakistan rund 52 und Indien etwa 85 Atomwaffen besitze. Deren Sprengkraft sei wahrscheinlich gering, da die Technologie auf der Kernspaltung beruhe und es auf diese Art schwierig sei, mehr als die Sprengkraft von 20 Kilotonnen TNT zu erreichen. Thermonukleare Waffen haben zwar eine wesentlich größere Wucht, sind aber auch viel komplexer. "Es ist nicht plausibel, dass Indien oder Pakistan solche Waffen besitzen", meint Toon.

Sollten diese beiden Staaten mit ihrem nuklearen Arsenal aufeinander losgehen, erwartet Toon mehr als 20 Millionen Tote unmittelbar durch die Atombomben. "In einem Krieg zwischen Indien und Pakistan könnten fast halb so viele Menschen umkommen wie im Zweiten Weltkrieg", sagt er. Würden aber zwei Staaten gleich 100 Atomwaffen aufeinander abfeuern? "Das ist nicht sehr plausibel", sagt Gebhard Geiger, Experte für internationale Sicherheit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Robock kontert schlicht: "Im ersten Atomkrieg wurde das ganze nukleare Arsenal des Planeten eingesetzt."

Allerdings war es auch nicht das Ziel von Toon und Robock, ein möglichst realistisches Szenario eines regionalen Atomkriegs zu entwerfen, sondern die Klimafolgen eines solchen Waffengangs zu simulieren. "Dafür braucht man feste Annahmen, mit denen man rechnen kann", sagt Geiger. In dieser Hinsicht bescheinigt er den US-Wissenschaftlern eine "neue, eigenständige und erstklassige Arbeit".



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