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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Susanne Götze

SPIEGEL-Klimabericht Warum die nächste Klimakonferenz zum fossilen Gipfel werden könnte

Susanne Götze
Von Susanne Götze, Redakteurin Wissenschaft
Bisher kündigten Politiker auf Uno-Klimakonferenzen neue Schritte für mehr Klimaschutz an. Interne Dokumente zeigen jedoch, dass auf dem nächsten Treffen in Ägypten neue Gas- und Ölprojekte beworben werden sollen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

erinnern Sie sich noch an Glasgow? Richtig, die 26. Uno-Klimakonferenz in Schottland. Gefühlt schon eine Ewigkeit her. Damals gab es wirklich vielversprechende Fortschritte im internationalen Klimaschutz. In der Abschlusserklärung sprachen sich die Staats- und Regierungschefs der rund 200 Staaten zum Beispiel erstmals für einen Abbau fossiler Subventionen aus. Auch die 2015 in Paris getroffene Verabredung, die Erderwärmung »möglichst« nicht über 1,5 Grad ansteigen zu lassen, wurde in Glasgow gestärkt. Man wolle für das Erreichen des Ziels die weltweiten Emissionen um 45 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2010 senken.

Ich weiß, was Sie jetzt denken. Glasgow ist über sieben Monate her. Seitdem haben wir in Europa Krieg, in Asien einen Fast-Krieg, und die Preise für fossile Rohstoffe sind explodiert. Die Welt steckt mittendrin in einer Energiekrise – und leider auch in einer Renaissance klimaschädlicher Energiequellen.

Das könnte sich nun auch auf die kommenden Uno-Klimaverhandlungen auswirken. Dann würde aus der Klimaschutzkonferenz zu einer »Klimasch(m)utzkonferenz«.

So könnte es kommen, wenn sich bewahrheitet, was einige Staats- und Regierungschefs afrikanischer Länder – mit Unterstützung ihrer europäischen Kollegen – vorhaben. Auf einem Treffen der Afrikanischen Union Mitte Juni verabschiedenden Energieminister der Länder ein internes Papier, das der Vorbereitung für die COP27 in Ägypten dient und dem SPIEGEL vorliegt.

Darin heißt es: »Kurz- bis mittelfristig werden fossile Brennstoffe, insbesondere Erdgas, eine entscheidende Rolle bei der Ausweitung des Zugangs zu moderner Energie spielen müssen.« Zwar erwähnt das Papier auch, dass auf der COP26 in Glasgow »Maßnahmen zum schrittweisen Ausstieg aus dem Kohle- und Erdölverbrauch gefordert« wurden. Doch »durch diese Maßnahmen befindet sich Afrika in einer benachteiligten Position«, so das geheime Papier. Afrika benötigt deshalb einen »Raum« um seine Energieproduktion zu entwickeln. Meint: fossile Energieprojekte jetzt, Klimaschutz später.

Fossiler Boom in Afrika: Ölbohrungen im größten Moor der Welt und 4000 Kilometer lange Pipelines

Das Papier der afrikanischen Minister klingt wie eine »Jetzt sind wir dran«-Argumentation, wie sie regelmäßig von Schwellenländern wie Indien vorgebracht wird: Die Industrieländer haben die Atmosphäre bereits 150 Jahre lang verschmutzt. Jetzt haben andere mal ein Recht auf Entwicklung.

Ölpipeline am Victoriasee in Uganda

Ölpipeline am Victoriasee in Uganda

Foto: Esther Ruth Mbabazi / Bloomberg / Getty Images

Tatsächlich sind das nicht nur Worte. Steigende Gaspreise machen Öl- und Gasförderungen derzeit attraktiv, Kredite für deren Ausbeutung sind günstiger und einfacher zu haben. Nur drei eindrückliche Beispiele: Der französische Mineralölkonzern Total will gemeinsam mit Partnern eine Pipeline bauen, die schlummernde Ölreserven vom Albertsee durch Uganda und Tansania bis an die Küste des Indischen Ozeans transportiert. Entstehen soll die »East African Crude Oil Pipeline«  (EACOP), die längste beheizte Rohölpipeline der Welt. Unter dem See ruhen rund 6,5 Milliarden Barrel Öl.

Außerdem gaben die afrikanischen Staaten Algerien, der Niger und Nigeria vor einer Woche bekannt, dass sie eine Erdgaspipeline durch die Sahara bauen wollen. Die 4000 Kilometer lange Röhre war zwar schon länger geplant, soll nun aber in kurzer Zeit fertiggestellt werden. Und in der Demokratischen Republik Kongo werden gerade Öl- und Gaskonzessionen  versteigert. Die Vorkommen liegen zum Teil im größten tropischen Torfgebiet der Welt und auf dem Gebiet des Virunga-Nationalparks, dem weltweit wichtigsten Gorillaschutzgebiet.

Scholz: Gaskanzler statt Klimakanzler?

Doch kann man das den afrikanischen Ländern zum Vorwurf machen? Oder provoziert das nicht letzten Endes eine Verschlimmerung der Klimakrise, dessen Folgen Millionen mittellose Bürger der Afrikanischen Union schutzlos ausgeliefert sind?

In jedem Fall sind an diesem fossilen Rückfall westliche Unternehmen und Regierungen recht aktiv beteiligt. Etwa Bundeskanzler Olaf Scholz. Der warb bereits im Mai im Senegal um eine enge Zusammenarbeit bei einem neuen Gasprojekt. Auch beim G7-Treffen auf Schloss Elmau sprach sich Scholz für eine engere Zusammenarbeit mit internationalen Partnern bei der Finanzierung von Erdgasprojekten – also für Investitionen in fossile Energien – aus.

Das widerspricht eindeutig den Zusagen , die Deutschland auf der Weltklimakonferenz in Glasgow im vergangenen Herbst gemacht hatte: Bis Ende 2022 wollten Deutschland und 38 weitere Akteure »die direkte öffentliche Unterstützung für den internationalen Energiesektor mit unverminderter Nutzung fossiler Brennstoffe einstellen«. Auch die Internationale Energieagentur stellte in ihrem Stufenplan für den globalen Energiesektor  2021 klar, dass es für die Einhaltung der Klimaziele, die die Welt sich gesteckt hat, keine Investitionen in neue Öl- und Gasprojekte geben dürfe.

»Verrat an den Menschen in Afrika«

Das zeigt leider auch, was solche Ankündigungen und Koalitionen auf Uno-Konferenzen wert sind. Sollte es sich bewahrheiten, dass Länder wie Deutschland ihre in Glasgow gemachten Versprechen schon wenige Monate später einfach über Bord werfen – ohne auch nur an die Vereinbarung zu erinnern – wird das Vertrauen in die Verhandlungen geschwächt. Dann könnten auch solche Stimmen sich bestätigt fühlen, die Uno-Konferenzen ohnehin nur für große Kaffeekränzchen halten.

Ölverschmutzung an der Küste von Nigeria – die Ölförderanlagen betreibt dort seit Jahrzehnten Shell

Ölverschmutzung an der Küste von Nigeria – die Ölförderanlagen betreibt dort seit Jahrzehnten Shell

Foto: George Osodi / Bloomberg / Getty Images

Die Zivilgesellschaft spart nicht mit harten Worten: Es sei ein »schändlicher Verrat an den Menschen in Afrika«, wenn die afrikanischen Staats- und Regierungschefs den COP27-Klimagipfel dazu nutzen würden, den Kontinent auf eine Zukunft mit fossilen Brennstoffen festzulegen, erklärte etwa Mohamed Adow, der Leiter von Power Shift Africa.

Die afrikanischen Länder bräuchten dringend eine eigene funktionierende Energieversorgung, Millionen Menschen würden immer noch ohne Zugang zu Strom leben, erklären verschiedene NGO-Vertreter. Allerdings sollte diese aus erneuerbaren Energien stammen. »Afrika hat das Potenzial, eine Supermacht für saubere Energie zu werden, wenn wir die Wind- und Solarressourcen nutzen können, mit denen unser Kontinent gesegnet ist«, sagte Joab Okanda, Pan Africa Senior Advisor von Christian Aid. »Eine saubere Energierevolution wird jedoch denjenigen, die von fossilen Brennstoffen profitieren, nichts bringen«, vermutet Okanda. Er befürchtet, dass nun wertvolle Investitionsgelder in Gas- und Ölprojekte fließen statt in klimafreundliche Technologien.

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Bleiben Sie zuversichtlich,

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