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12. August 2008, 06:26 Uhr

Cornwall

Hexenkult bis in die fünfziger Jahre

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Waren in Cornwall bis vor kurzem Hexen aktiv? Archäologen haben in Opfergruben am Rande einer alten keltischen Heilquelle Tierkadaver und angebrütete Eier entdeckt, die dort vor Hunderten Jahren vergraben wurden. Laboranalysen ergaben jetzt: Das bizarre Treiben endete erst in den fünfziger Jahren.

Britische Häuser kommen oft mit ihrer eigenen Gruselgeschichte daher. Da heult eine einsame Seele auf dem Dachboden, hier poltert ein unruhiger Geist über den Flur. So manches Gespenst macht eine Immobilie gar erst attraktiv.

Als Jacqui Wood 1983 in Saveock Mill einzog, ahnte sie noch nicht, welch mysteriöses Treiben sich einst in ihrem Garten abspielte.

Saveock Mill ist eine alte Mühle aus dem 17. Jahrhundert. Zu dem Haus gehört ein riesiges Grundstück, inklusive eines kleinen Bächleins namens Tinny Brook. Jacqui Wood ist von Beruf Archäologin. Und so war sie hocherfreut, als sie eines Tages am Ende ihres Gartens, unten am Ufer des Tinny Brook, neolithische Pfostenlöcher entdeckte. Der Fund ist an sich für Cornwall nicht ungewöhnlich. Schließlich ist die attraktive Landzunge in den Armen des Golfstroms schon seit der Altsteinzeit mehr oder weniger dicht besiedelt. Wood machte die Fundstelle zu einer Lehrgrabung, und wühlt sich seitdem gemeinsam mit Schülern und Studenten Meter um Meter durch ihr Grundstück.

Eier mit Küken, Katzen und Hunde

Dort kamen spektakuläre Dinge zutage: ein bronzezeitlicher Kupfer-Brennofen, eine heilige Quelle, Fingernägel, Kleidungsreste – und Gruben, die auf einen alten Hexenkult hinwiesen. Mehr als 35 Löcher fand Wood am Ufer des Tinny Brook, alle etwa 40 mal 35 Zentimeter groß und 17 Zentimeter tief, ausgelegt mit der Haut eines Schwans, die Federn nach innen gedreht, darin Elstern und Eier mit Küken, die kurz vor dem Schlüpfen standen.

Hundekadaver stammt aus den fünfziger Jahren

Die jüngsten Grabung brachte einige Überraschungen zu Tage: In einer Grube fand Wood eine schwarze Katze. Kurze Zeit später einen Hund: Sorgfältig gehäutet, die Grube mit dem schwarzen Fell ausgelegt, darauf zusammengerollt der nackte Kadaver.

Wood reiste von Konferenz zu Konferenz und berichtete von den Funden aus ihrem Garten. Doch kein Kollege hatte je ähnliche Dinge auf seinen Ausgrabungen gesehen: Weder Schwanenkult noch Eierkult noch Haustierkult war ihnen je untergekommen. Auch die Volkskundler konnten nicht weiterhelfen. "Wahrscheinlich ist der Kult so geheim, dass er immer noch in meinem Garten praktiziert wird, und ich bekomme es nur nicht mit", pflegte die Archäologin zu witzeln.

Doch als sie jetzt die Kohlenstoff-14-Datierungen für die toten Vögel, die Katze und den Hund aus dem Labor zugeschickt bekam, stockte ihr das Lachen.

Die Vögel starben um das Jahr 1640. Die Katze wurde um 1740 in die Grube gelegt, sechs Jahre nachdem in England der "Witchcraft Act" die Hexerei quasi legalisiert hatte. Doch als Wood die Daten des Hundes las, musste sie sich erst einmal setzen: Die Knochen waren frühestens in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die Grube gelegt worden - vielleicht auch später.

Eher unwahrscheinlich ist, dass ein Haushund zufällig zwischen den Hexen-Hinterlassenschaften landete. Und der Besitzer hätte ihm wohl auch kaum das Fell abgezogen, um damit die Grube auszulegen – auf die gleiche Art, wie es den Schwänen 300 Jahre zuvor widerfahren war.

Hexengeschichten aus dem Pub

Seit 30 Jahren wohnt Wood in der Saveock Mill - aber von Hexenzauber auf ihrem Grundstück hat sie niemals erfahren. Darauf kam das Gespräch erst, als einer ihrer Studenten am Abend im Red Lion Pub im Nachbarort von den neuen Datierungen erzählte. "Hinter den Bahngleisen lebten die Hexen", berichteten die alten Männer am Tresen. Eine Brücke über die Gleise hatte das Hexen-Grundstück bis in die sechziger Jahre mit dem Garten von Saveock Mill verbunden.

Zu den angeblichen Hexern zählen die Pubbesucher auch Harold Burnett, der kinderlos im Jahr 1945 starb. Seine Hütte vererbte er seinen beiden Nichten, den Burnett Sisters. Den Nachbarn erschienen die beiden Frauen verdächtig, die unter einfachsten Bedingungen lebten. Im Dorf hieß es, die Schwestern tranken nie etwas anderes als Regenwasser vom Dach ihrer Hütte. Geheiratet haben sie nie. Als die letzte der beiden starb, ging das Haus an ihren Neffen.

"Wahrscheinlich waren es die Burnett Sisters, die irgendwann nach 1950 den Hund in die Grube legten", spekuliert Wood im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Da die Eisenbahnbrücke schon nicht mehr stand, als ich hier einzog, habe ich nie Kontakt zu diesen Nachbarn auf der anderen Seite der Gleise gehabt." Jetzt sei sie gespannt, "was ich noch so alles in den Gruben finde".

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