Ausblick auf 2021 »Corona wird bleiben« – was dieser Satz bedeutet

Deutschland blickt mit Zuversicht ins neue Jahr. Dank Impfungen scheint ein Ende der Einschränkungen in Sicht. Aber WHO-Experten warnen vor weiteren Pandemien, die viel schlimmer ausfallen könnten.
Wie geht es mit Corona weiter? Schild eines Testzentrums in Frankfurt am Main

Wie geht es mit Corona weiter? Schild eines Testzentrums in Frankfurt am Main

Foto: Armando Babani / AFP

Zum Jahreswechsel kann Deutschland mit ein wenig Hoffnung in die Zukunft blicken. Endlich wird geimpft, wenn auch langsam und mit manchen Pannen. Aber Zehntausenden wurde bereits eine erste Dosis von dem Mittel gespritzt, das einen guten Schutz vor Covid-19 verspricht. Eine Umfrage bestätigte kürzlich die positive Einstellung der meisten Bürger. Eine knappe Mehrheit (51 Prozent) blickt hoffnungsvoll auf das Jahr 2021, zeigte die Erhebung der Stiftung für Zukunftsfragen.

Auch ein Blick auf die aktuellen Infektionszahlen mag hoffnungsvoll erscheinen. Zuletzt infizierten sich scheinbar weniger Menschen in Deutschland. Freitagfrüh gab das RKI bekannt, dass binnen 24 Stunden 22.924 Neuinfektionen registriert worden waren. In der Vorwoche lag der Wert bei 25.533.

Aber schon bei diesem Punkt trügt der Schein.

Derzeit wird weniger getestet, das erklärt, dass weniger Neuinfektionen registriert werden. Nach Angaben des Vereins Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) ging die Anzahl der Tests in der Weihnachtswoche um rund ein Drittel gegenüber der Vorwoche zurück. Und auch die Gesundheitsämter arbeiten nicht mit voller Besetzung, die Meldeketten verzögern sich, die Statistiken sind entsprechend verzerrt.

Ein gutes Jahr beschäftigt die Pandemie nun die Welt. Corona ist zu einer modernen, globalen Tragödie geworden. Von einem Wildtiermarkt in der zentralchinesischen Stadt Wuhan, wo das Virus sehr wahrscheinlich auf den Menschen überging, verteilte es sich bis in die entferntesten Winkel der Erde. Corona schaffte es sogar bis in die eisige Antarktis.

Zahlen haben im vergangenen Jahr eine ganz besondere Bedeutung bekommen. Mit inzwischen täglicher Routine blicken viele auf Statistiken. Und die zeigen nichts Gutes: 82 Millionen Infizierte weltweit und mehr als 1,7 Millionen Tote.

Das nächste Jahr soll besser werden. Doch was ist zu erwarten?

Vielleicht wird 2021 als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem die Welt das Virus dank Impfungen in den Griff bekam. Aber möglicherweise erinnern wir uns irgendwann an eine Zeit zurück, in der die Welt nur vom vergleichsweise harmlosen Sars-CoV-2 geplagt wurde. Denn schlimmere Pandemien könnten erst noch kommen.

In der letzten Pressekonferenz des Jahres hat die WHO ein eher betrübliches Szenario aufgezeigt. »Diese Pandemie war sehr schwerwiegend. Aber es ist nicht unbedingt die ganz schlimme«, sagte Mark Ryan, der Leiter des WHO-Notfallprogramms. Ganz verschwinden werde Corona nicht. Vielmehr sei zu erwarten, dass das Virus endemisch werde, es also dauerhaft immer wieder in einigen Regionen auftrete. Mit anderen Worten: Die Welt wird lernen müssen, mit dem Coronavirus zu leben – dieser Satz ist im vergangenen Jahr häufiger gefallen.

Immerhin können Impfprogramme diese Koexistenz erheblich leichter gestalten. Aber selbst bei hoher Wirksamkeit der Impfstoffe gebe es keine Garantie für die Ausrottung einer Infektionskrankheit, so Ryan. Das Ziel der WHO ist es derzeit, zuallererst die Schwachen zu schützen und Leben zu retten. Ob die Impfstoffe die Zahl der Infektionen senken oder Neuansteckungen verhindern würden, bleibe abzuwarten, so Soumya Swaminathan, Medizinerin aus Indien und leitende Wissenschaftlerin der WHO.

Auch der Epidemiologe David Heymann sieht es so. »Die Welt hat auf eine Herdenimmunität gehofft, dass die Übertragung irgendwie verringert wird, wenn genügend Personen immun sind«, sagte der Vorsitzende der strategischen und technischen Beratungsgruppe der WHO. Stattdessen wird sich Sars-CoV-2 eher zu anderen Coronaviren gesellen, die für den Menschen problematisch werden können: Mers, das 2012 eine Epidemie auslöste, oder Sars-CoV, das schon 2002/2003 die Welt kurzzeitig in Atem hielt.

Entspannung im Frühsommer?

Auch Mutationen werden weiter auftreten. Derzeit sorgen Experten in Europa vor allem Virusvarianten aus Großbritannien und Südafrika, die unter dem Kürzel B.1.1.7 bekannt geworden sind, weil sie sich schneller verbreiten könnten als die herkömmlichen Varianten. Zuletzt lieferten Studien Hinweise darauf, dass möglicherweise keine schlimmeren Krankheitsverläufe durch diese Veränderungen im Erbgut der Viren zu erwarten sind.

Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, sieht die Mutationen derzeit nicht als große Gefahr. Zwar könne sich das Virus theoretisch so verändern, dass Impfstoffe nicht mehr wirkten. Aber denkbar sei auch eine andere Mutation, die das Virus abschwächt. »Beides ist eher unwahrscheinlich«, sagte Ciesek der Deutschen Presse-Agentur. Insgesamt rechnet sie mit einer Entspannung in Deutschland im Frühsommer, aber mit Blick auf die Entwicklung von Medikamenten gegen die Covid-19 dürfe man keine Wunder erwarten. Eine Pille, die man bei einer Erkrankung einnehme und schwere Verläufe verhindere, werde es ihrer Ansicht nach im nächsten Jahr nicht geben.

Global besteht eine ganz andere Gefahr. Corona gehört zu den sogenannten Zoonosen, Erregern, die aus dem Tierreich stammen  und irgendwann auf den Menschen übergegangen sind. Die Liste dieser Plagen ist lang: HIV, Vogelgrippe, Ebola oder Creutzfeldt-Jakob, um nur einige zu nennen. Und im Grunde könnte jederzeit eine andere Zoonose irgendwo auf der Welt den Menschen befallen.

Gerade erst hatte die Umweltschutzorganisation WWF erneut vor Wildtiermärkten und Wildtierhandel gewarnt und eine Untersuchung präsentiert. In der südostasiatischen Mekong-Region liegen schätzungsweise 500 solche Märkte in größeren Städten, in denen ein potenziell hohes Risiko von einer Übertragung tierischer Erreger auf den Menschen bestehe. »Forscher haben immer wieder vor der Gefahr durch Zoonosen gewarnt«, sagt Alex Greenwood, Leiter der Abteilung Wildtierkrankheiten des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, dem SPIEGEL.

Die Gefahr wurde lange unterschätzt, und sie geht längst nicht nur vom Handel mit Wildtieren aus. Menschen und Tiere rücken an vielen Orten enger zusammen. Die Urbanisierung und das Bevölkerungswachstum sorgen dafür, dass in Afrika, Südamerika und Asien immer mehr Menschen in Ballungsräumen leben, die sich nahe der Habitate von Wildtieren befinden. An den Rändern betreiben sie Landwirtschaft und kommen mit Tieren leichter in Kontakt. Und durch die Globalisierung verbreiten sich Erreger in Windeseile, wenn sie erst einmal auf den Menschen übertragen wurden. Corona hat das so deutlich wie nie bestätigt.

Globale Strategien gegen Viren

Laut Greenwood stellen beispielsweise riesige Geflügelfarmen in Asien Gefahren für leichte Übertragungen dar, hier mischen sich manchmal Zucht- und Wildtiere. Letztere transportieren und übertragen Krankheiten. Der Austausch von immer neuen Erregern birgt Gefahren für Veränderungen, die auch dem Menschen gefährlich werden können. Zwar lässt sich ein wenig gegensteuern, indem das Bewusstsein der Menschen für die Gefahr durch Zoonosen geweckt wird und landwirtschaftliche Betriebe sich besser abschotten. Aber ganz verhindern wird man den Austausch nicht können.

Experten wie Greenwood sehen noch einen anderen Ansatz im Kampf gegen die Ausbreitung von Zoonosen. Bisher seien die Krankheiten in vielen Regionen der Erde zu wenig erforscht – auch weil dort die Mittel fehlten, um diagnostische Verfahren anzuwenden. Deshalb haben die Forscher von den unzähligen Krankheiten aus dem Tierreich, die Menschen gefährlich werden könnten, kaum eine Ahnung. »Wir wissen oft schlicht nicht, was in der Natur passiert«, sagt Greenwood.

Um zu erfassen, was auf den Menschen zukommen könnte, und Gefahren rechtzeitig zu erkennen, muss man systematisches und globales Monitoring betreiben – das fordert auch der Weltbiodiversitätsrat. Datenbanken und Netzwerke von Forschern könnten dabei helfen. Einzelne Forschungseinrichtungen werden das Problem nicht lösen können, glaubt Greenwood. Vielmehr brauche es eine weltweite Strategie – auch um langfristige Finanzierungen sicherzustellen.

Das sieht wohl auch die WHO so. »Wir leben in einer zunehmend komplexen, globalen Gesellschaft«, sagte Mark Ryan. Die Bedrohungen würden sich fortsetzen. »Wenn es eine Sache gibt, die wir aus dieser Pandemie mit all den Tragödien und Verlusten mitnehmen müssen, dann ist es, dass wir uns zusammenreißen müssen. Wir müssen diejenigen ehren, die wir verloren haben, indem wir besser werden in dem, was wir jeden Tag tun.«

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