Coronaimpfstoff AstraZeneca hat für Studie möglicherweise »veraltete Informationen« verwendet

Schon wieder Zweifel an AstraZeneca: Am Montag veröffentlichte das Unternehmen in den USA eine Studie zur Wirksamkeit seines Coronaimpfstoffs – prompt gibt es Kritik von US-Behörden.
Impfstoff von AstraZeneca

Impfstoff von AstraZeneca

Foto: NEIL HALL / EPA

In den USA ist der Impfstoff von AstraZeneca bislang noch nicht zugelassen. Am Montag legte das Pharmaunternehmen deshalb eine große Studie vor, nach der der Wirkstoff sehr zuverlässig vor Covid-19 schützt.

Doch schon wieder gibt es offenbar Zweifel an den Impfstoffdaten des Unternehmens: Das amerikanische Data Safety Monitoring Board (DSMB), ein unabhängiges Komitee, das die Studie überwacht, hat »Bedenken geäußert, dass AstraZeneca möglicherweise veraltete Informationen einbezogen hat, die ein unvollständiges Bild der Wirksamkeitsdaten vermittelt haben könnten«, so das U.S. National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) in einer Stellungnahme . Das NIAID wird von Anthony Fauci geleitet, einem Experten für Infektionskrankheiten. Es ist Teil der National Institutes of Health.

In der Studie, an der 30.000 Menschen in den USA, Peru und Chile teilnahmen, war der Impfstoff zu 79 Prozent wirksam, um symptomatische Fälle von Covid-19 zu verhindern – auch bei älteren Menschen. Bei den geimpften Probanden traten keine schweren Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte auf, während bei den Teilnehmern, die ein Placebo erhielten, fünf solcher Fälle auftraten. Die geringe Anzahl stimmt mit Erkenntnissen aus Großbritannien und anderen Ländern überein, wonach der Impfstoff vor den schlimmsten Formen der Krankheit schützt.

AstraZeneca gab an, dass auch unabhängige Kontrolleure der Studie keine schwerwiegenden Nebenwirkungen gefunden haben, auch kein erhöhtes Risiko für seltene Blutgerinnsel, wie sie in Europa festgestellt wurden. Dafür ist die Studie allerdings auch zu klein, solche seltenen Nebenwirkungen lassen sich erst bei wesentlich mehr Menschen erkennen, wenn der Impfstoff schon in der Anwendung ist.

Die Firma beabsichtigt, in den kommenden Wochen einen Notfallzulassungsantrag für die USA einzureichen. Allerdings sind die Daten noch nicht in einem Fachblatt publiziert, das soll noch geschehen. Die am Montag präsentierten Information sind also noch nicht von unabhängigen Forscherinnen und Forschern begutachtet worden.

Verzögerungen bei der Datenübermittlung

»Wir fordern das Unternehmen auf, mit dem DSMB zusammenzuarbeiten, um die Wirksamkeitsdaten zu überprüfen und sicherzustellen, dass die genauesten und aktuellsten Daten so schnell wie möglich veröffentlicht werden«, hieß es. Laut eigenen Angaben hat das Data Safety Monitoring Board AstraZeneca über ihre Bedenken informiert. Offenbar hatte es bereits in den letzten Tagen Verzögerungen bei der Datenübermittlung gegeben.

Der renommierte Mediziner Eric Topol vom Scripps Research Institute in San Diego kommentierte laut einem Bericht der »New York Times« , dass eine solche öffentliche Kommunikation höchst ungewöhnlich sei. Normalerweise würden alle Gremien und Institutionen in enger Übereinstimmung arbeiten.

Auf eine Anfrage von der Nachrichtenagentur Reuters mit der Bitte um eine Stellungnahme habe das Unternehmen bisher nicht reagiert. Mehr Details dazu, welche Daten möglicherweise fehlen oder welche Konsequenzen das haben könnte, sind bisher nicht bekannt.

Die Zulassung und die Richtlinien für den Einsatz des Impfstoffs in den Vereinigten Staaten werden von der Food and Drug Administration (FDA) und den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) nach gründlicher Prüfung der Daten durch unabhängige Beratungsgremien festgelegt.

Dem Impfstoff von AstraZeneca kommt bei der Bekämpfung der weltweiten Ausbreitung von Covid-19 eine wichtige Rolle zu, da er günstig ist und leichter zu lagern und zu transportieren als konkurrierende Impfprodukte. Er wurde bereits in mehr als 70 Ländern mit einer bedingten Marktzulassung oder einer Notfallzulassung versehen.

Zuletzt gab es aber Zweifel an dem Impfstoff, weil er im Verdacht stand, seltene Blutgerinnsel im Gehirn, sogenannte Sinusvenenthrombosen, zu verursachen. Vor allem Frauen im Alter unter 55 Jahren waren betroffen. Darauf hatten einige europäische Staaten die Impfung zeitweise gestoppt. Kürzlich teilte die europäische Arzneimittelbehörde Ema mit, dass der Nutzen der Impfung einen möglichen Schaden überwiege. Darauf setzten viele Staaten die Impfungen mit dem Mittel fort, auch Deutschland. Eine Untersuchung von Wissenschaftlern aus Greifswald legt nahe, dass der Impfstoff tatsächlich die Thrombosen verursacht. Zudem schlugen sie eine Behandlungsmöglichkeit für solche Fälle vor.

joe/Reuters/AP