"Freiwillige Infektionsgruppen" in Dresden Eintrittskarte fürs Superspreading-Event

"Unethischer Menschenversuch": Das Hygienekonzept einer Musikveranstaltung in Dresden empört Corona-Experten. Auf der Veranstaltung sprach zudem ein Verschwörungstheoretiker.
Bildausschnitt aus einem Video: Kaum Abstand, nahezu keine Masken

Bildausschnitt aus einem Video: Kaum Abstand, nahezu keine Masken

Foto: OstsachsenTV / Youtube

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie erlebt die Unterhaltungsbranche eine schwere Zeit. Vor allem Konzertveranstalter kämpfen mit den Auflagen. Damit Musiker überhaupt noch auftreten dürfen, müssen die Organisatoren nicht nur aufwendige Hygienekonzepte für Liveshows erstellen und sich genehmigen lassen. Aufgrund der Abstandsregeln dürfen die Zuschauer außerdem nicht so nah zusammen sitzen wie üblich. Viele Plätze bleiben also frei - das bedeutet massive Umsatzverluste.

Doch für die Jazztage Dresden 2020, die seit dem vergangenen Mittwoch laufen, scheint das nicht zu gelten. Auf der Videoplattform YouTube tauchten Mitschnitte von einer Anmoderation des Veranstalters im Ostra-Dome, einer Eventlocation nahe der Elbe auf. Darin kündigt er einen Vortrag vor gut gefülltem Saal an. Abstand hält so gut wie niemand, kaum einer trägt Maske und die Menschen sitzen zusammen, als hätte es Corona in Dresden nie gegeben. Der Beitrag aber stammt tatsächlich vom vergangenen Sonntag.

Zur Einordnung: Dresden wies am Montag mit über 461 Corona-Neuinfektionen den zweithöchsten Wert des Bundeslandes Sachsen auf, die 7-Tage-Inzidenz lag bei 83 Fällen pro 100.000 Einwohner und damit deutlich im roten Bereich. Zudem meldete Sachsen einen starken Anstieg von Intensivpatienten.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Entsprechend erntete der Beitrag bei YouTube entrüstete Kommentare. "Warum habt ihr kein Hygienekonzept?", fragt ein Nutzer. Allerdings gibt es sogar eins. Eine regionale Zeitung hatte Jazztage-Chef Kilian Forster sogar dafür gelobt. Er habe ein Konzept ausgeklügelt, dass es ihm erlaube, über 800 Besucher im Ostra-Dome zu empfangen. Erläuterungen zu dem Konzept, die auf der Homepage gegeben werden, werfen aber Fragen auf.

Zwar gibt es im Saal nur personalisierte und nachverfolgbare Sitzplätze. Aber die Platzierung der Zuschauer erfolgt jeweils in Zehnergruppen, die Abstand zu den anderen Gruppen halten sollen. Im Saal werde das durch einen Meter Abstand durch den Gang oder per Platzsperrung möglich. Merkwürdig mutet dann der folgende Satz aus dem Konzept an: "Diese Zehnergruppen sind freiwillige Infektionsgruppen. Mit dem Kauf Ihres Tickets neben anderen Personen erklären Sie sich mit der Platzierung innerhalb der Infektionsgruppe einverstanden." Mit anderen Worten: Wer sich eines dieser Tickets für die Jazztage Dresden kauft, findet es okay, wenn er sich in seiner Zuschauergruppe mit dem Virus anstecken sollte.

Die Idee mag gut gemeint sein. Geht beispielsweise eine zehnköpfige Familie geschlossen zum Konzert, könnte sie gemeinsam und ohne Maske in den Jazzgenuss kommen. Aber das dürfte eher die Ausnahme sein, die meisten Menschen landen beim Ticketkauf zufällig in ihrer Gruppe. Die Veranstaltung gerät damit zu einem orchestrierten Superspreading-Event.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach formuliert es gegenüber der "Bild"-Zeitung, die zuerst über den Vorfall berichtete, noch drastischer. Freiwillige Infektionsgruppen seien ein unethischer Menschenversuch, der die Bemühungen zur Eindämmung des Virus auf unsägliche Art untergräbt, heißt es.

Immerhin hat der Veranstalter auch Plätze für Jazzfans im Angebot, die sich keinem erhöhten Risiko aussetzen wollen. Diese Zuschauer werden dann in Bereichen platziert, in denen das Tragen einer "Mund-Nasen-Maske verpflichtend ist." Dennoch ist der Vorfall für die Stadt Dresden, die das Hygienekonzept der Jazztage durchgewinkt hatte, eine peinliche Panne.

Es sei "bedauerlich, dass das Vorgehen eines Veranstalters eine ganze Branche in die Kritik bringt und damit die sehr guten und durchdachten Hygienekonzepte der Kulturbranche infrage stellt", teilt Dresdens Gesundheitsamt auf Anfrage des SPIEGEL mit. Dazu, warum und unter welchen Auflagen die Genehmigung ursprünglich überhaupt erteilt wurde, äußerte sich das Gesundheitsamt jedoch nicht.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das Gesundheitsamt habe den Veranstalter aufgefordert, unverzüglich sein Vorgehen zu ändern. "Die Bildung sogenannter freiwilliger Infektionsgemeinschaften ist ausdrücklich nicht im Sinne der Landeshauptstadt Dresden." Während der Aufführungen müsse ein Mindestabstand von einem Meter permanent gewährleistet sein. "Ändert der Veranstalter sein Vorgehen nicht, behält sich die Landeshauptstadt Dresden den Entzug der Genehmigung vor", heißt es in der Stellungnahme.

Die Jazztage-Macher reagierten auf SPIEGEL-Anfrage allerdings wenig einsichtig und wiesen die Vorwürfe von Lauterbach als diffamierend und jeglicher Grundlage entbehren zurück. "Wir verbitten uns derartige Anschuldigungen und Äußerungen gegenüber dem Festival, unseren Gästen und der Landeshauptstadt Dresden aufs Schärfste!", so Intendant Forster. Die Platzierung von Gästen in freiwilligen Zehner-Infektionsgruppen sei in Hygienekonzepten verschiedener Veranstalter, ebenso wie bei den Jazztagen, genehmigt und entspreche den gesetzlichen Vorgaben, hieß es. Nachgebessert wurde aber trotzdem. Die Abstände zwischen den Stuhlreihen würden von 84 Zentimeter auf einen Meter erweitert. Und ohnehin müssen ab diesem Dienstag alle Zuschauer auch während der Konzerte Masken tragen.

Dass es keine gute Idee ist, sich freiwillig mit Covid zu infizieren, liegt auf der Hand. Selbst junge Menschen können nicht ausschließen, dass es trotz guter Gesundheit nicht auch bei ihnen zu schweren Verläufen kommt - selbst wenn sie ein geringeres Risiko dafür haben als ältere Menschen. Auch über mögliche Spätfolgen selbst bei harmloseren oder symptomfreien Verläufen können Mediziner aktuell keine Aussagen machen. Das Paul-Ehrlich-Institut hatte erst kürzlich eine britische Studie als zu riskant kritisiert, bei der sich Probanden im Alter zwischen 18 und 30 Jahren freiwillig Coronaviren in die Nase träufeln lassen wollten.

Daniele Ganser bei einer Diskussion in Dresden nach seinem Vortrag

Daniele Ganser bei einer Diskussion in Dresden nach seinem Vortrag

Foto: Andreas Weihs / imago images

Fragwürdig sind die Jazztage Dresden auch noch aus einem anderen Grund. Die oben beschriebene Anmoderation galt nicht irgendwem, sondern Daniele Ganser. Der Schweizer Historiker und Publizist nennt sich selbst Friedensforscher. Doch gilt er manchen Experten als Verbreiter von Verschwörungsmythen. Sein Vortrag in Dresden zum Thema Geostrategie, bei dem Ganser einen "Blick hinter die Kulissen der Macht" versprach, stieß bereits im Vorfeld auf Kritik. Organisator Kilian Forster begründete die Einladung Gansers damit, dass er in einen Dialog treten wolle, da man nur so die drohende gesellschaftliche Spaltung überwinden könne.

Neuerdings vertritt Ganser gerade beim Thema Covid-19 einen fragwürdigen Kurs. Er sei bei den Corona-Skeptikern aufgesprungen und zweifle die offiziellen wissenschaftlichen Erkenntnisse an, hatte der Wissenschaftler Michael Butter von der Universität Tübingen, der zu Verschwörungsmythen forscht, kürzlich in einem Interview  über Ganser gesagt. So soll der Schweizer beispielsweise bei einer Corona-Demonstration in Berlin gewesen sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.