Die fünf bestimmenden Krisentypen Zwischen Masken und Parolen

Psychologen haben untersucht, wie die Menschen die Coronakrise bewältigen. Zwei Verhaltensweisen bereiten ihnen Sorgen.
Fünf Typen der Krisenbewältigung: Unbewusste Verhaltensmuster in Zeiten der Pandemie

Fünf Typen der Krisenbewältigung: Unbewusste Verhaltensmuster in Zeiten der Pandemie

Foto: Bernhard Lang/ Getty Images

Seit Monaten stellt die Coronakrise den Alltag fast aller Menschen in Deutschland auf den Kopf. Überwogen zu Beginn der Pandemie noch Ängste, Verunsicherung und Ohnmachtsgefühle, breiten sich jetzt auch Frust und Ungeduld aus. Viele Menschen halten sich nicht mehr an die Corona-Regeln; und an den vergangenen Wochenenden gingen sogar Tausende auf die Straßen, um aus den verschiedensten Gründen gegen die Schutzmaßnahmen zu demonstrieren.

Wie unterschiedlich die Menschen mit den außergewöhnlichen Herausforderungen der vergangenen Monate umgehen und was sie dabei antreibt, haben jetzt Forscher vom Rheingold-Institut im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung untersucht. "Die derzeitige Coronakrise ist vor allem auch deshalb anders als bisherige Krisen, weil sie tatsächlich jeden trifft", sagt Projektleiterin Yasmin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung. Deshalb offenbare die jetzige Situation die verschiedenen Bewältigungsstrategien besonders deutlich.

Für ihre qualitative Studie befragten die Wissenschaftler in Tiefeninterviews und Onlinechats 135 Menschen im Alter von 25 bis 59 Jahren. Diese Forschungsmethode wird genutzt, um die verborgenen und unbewussten Muster aufzudecken, die dem Verhalten der Menschen zugrunde liegen. Es handelt sich also um ein psychologisches Vorgehen. Die bislang unveröffentlichten Ergebnisse liegen dem SPIEGEL vor.

Hamsterkäufe gegen Ohnmachtsgefühl

Grundsätzlich erkennen die Forscher zwei Phasen der Krisenbewältigung: Am Anfang der Pandemie sei es vielen Menschen darum gegangen, ihr Ohnmachtsgefühl mit Aktionismus zu bekämpfen. "Auffälligstes Beispiel sind sicherlich die Hamsterkäufe, die in Deutschland für Lücken in Nudelregalen und ausverkauftes Toilettenpapier gesorgt haben", schreiben die Forscher. Auch das Befolgen der Hygieneregeln habe vielen Menschen geholfen, ein bisschen Kontrolle zurückzugewinnen.

In einer zweiten Phase sei den meisten Menschen jedoch klar geworden, dass sie der Pandemie trotz des Aktionismus nicht entkommen könnten. Daraus habe sich erneut ein Ohnmachtsgefühl ergeben, das diesmal zusätzlich mit Widerstand beantwortet worden sei. "Dazu gehören beispielsweise Rufe nach einer Lockerung der Kontaktsperre und das Hinterfragen der Angemessenheit von Maßnahmen", heißt es in der Studie.

Wie unterschiedlich sich die einzelnen Menschen in diesen zwei Phasen verhalten, lässt sich nach Einschätzung der Wissenschaftler mit fünf Typen der Krisenbewältigung beschreiben. Alle Typen seien in der Lage, mit ihren Stärken dazu beizutragen, dass die Gesellschaft die aktuellen Herausforderungen meistere. Zwei von ihnen könnten die Krise aber auch verstärken, weil sie emotional agierten und polarisierten. Der Überblick:

Typ 1: Stabile Krisenmanager

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Dieser Verhaltenstyp fühlt sich nach Einschätzung der Forscher krisenfest und lässt die Dinge geschehen, weil er sich und seine Familie gut für die Herausforderungen gerüstet sieht. "Stabile Krisenmanager sind Helfer und Geber - wer kann, engagiert sich für Arme, kauft ein für Risikogruppen, näht Masken, packt Hilfspakete für Obdachlose oder spendet Geld", heißt es in der Studie. Menschen, die zu diesem Typ zählten, vertrauten meist auf die Fähigkeiten des Staates und seien überzeugt, dass alles gut enden werde.

Typ 2: Kreative Vergemeinschafter

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Sportturnier im Keller oder Musikveranstaltung im Netz: Menschen, die zu den "kreativen Vergemeinschaftern" zählen, passen sich laut Studie schnell an die Krisensituation an und machen das Beste daraus. "Sie organisieren ihre Sozialkontakte um und biegen die Regeln so geschmeidig, bis sie für alle passen", schreiben die Forscher. Dieser Verhaltenstyp könne zwar mit seinem kreativen Enthusiasmus andere anstecken und für gute Stimmung sorgen, tue aber wenig für die Lösung der Krise.

Typ 3: Tatkräftige Optimisten

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Sie verdrängen die Konsequenzen der Pandemie so lange, wie es geht: "Tatkräftige Optimisten" sind nach Einschätzung der Wissenschaftler vor allem am Aufrechterhalten des Alltags und ihrer Arbeit interessiert. Stillstand sei für sie schwierig, stattdessen beschwören sie Durchhalteparolen. "Selbst für die Zukunft nach Corona vermuten sie hauptsächlich positive Konsequenzen und nehmen sich selbst nicht so wichtig", so die Forscher. "Diese Haltung wirkt bisweilen angestrengt tapfer."

Typ 4: Sorgenvolle Schutzsuchende

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Ängste treiben sie um, sie hinterfragen vieles und probieren hilflos verschiedene Strategien aus: "Besorgte Schutzsuchende fühlen sich durch die Pandemie zutiefst erschüttert und aufgescheucht", analysieren die Forscher. Sie suchten fleißig nach Informationen - allerdings nicht nur in seriösen Quellen. Positiv sei, dass sie andere zur Vorsicht sensibilisieren könnten. Als problematisch werten die Wissenschaftler jedoch, dass dieser Verhaltenstyp in Panik auch völlig irrationalen Schutzempfehlungen und Fake News folgen könne.

Typ 5: Eigenmächtige Aktivisten

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Dieser Verhaltenstyp hat es in den vergangenen Tagen besonders häufig in die Nachrichten geschafft. Als "eigenmächtige Aktivisten" bezeichnen die Forscher Menschen, die ihre Sicherheit daraus beziehen, dass sie eine Meinung entschieden vertreten und andere Haltungen ablehnen. "Oft glauben sie, die Dinge besser zu durchschauen als die politischen Entscheidungsträger", schreiben die Autoren der Studie. Sie bezögen ihre Informationen aus ihnen passenden Medien und teilten allen anderen gern mit, was ihrer Ansicht nach richtig und was falsch sei.

Insbesondere diesen letzten Verarbeitungstyp machen die Wissenschaftler für eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft verantwortlich. Zwar könne er zum Beispiel in der Diskussion um Lockerungen mit produktiver Kritik dazu beitragen, gute Lösungen zu finden. Seine Tendenz, in Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken und seine eigenen Ideen wenig kompromissbereit zu verteidigen, trage jedoch zu einer gesellschaftlichen Spaltung bei. Besonders problematisch sei es, wenn er Verschwörungstheorien aufsitze und diese verbreite.

Auch wenn die von den Forschern ermittelten Typen individuelle Reaktionen nur sehr grob in Kategorien einordnen, können sie dennoch helfen, neue gesellschaftliche Konfliktlinien besser zu verstehen und zwischen den Interessen zu vermitteln. Einige Forscher vergleichen die jetzige Polarisierung bereits mit anderen Krisen. So sagte der Kommunikationswissenschaftler Jens Wolling, der nicht an der Studie beteiligt war, dem SPIEGEL: "Wie in der Flüchtlings- oder der Klimafrage tun sich Bruchlinien zwischen Gruppen auf, die sich in ihren politischen Einstellungen, ihrer ökonomischen Situation und auch in ihrer Mediennutzung unterscheiden."