Medienpsychologe über Corona-Demos "Ein Dialog wird zunehmend schwer bis unmöglich"

Gegen Corona demonstrieren Althippies neben Neonazis. Christian Montag erklärt, wie soziale Netzwerke zur Abkoppelung von der Realität führen und die Teilnehmer die Situation vor sich selbst rechtfertigen.
Ein Interview von Julia Merlot
Protest gegen Corona-Maßnahmen: Die Gruppen passen überhaupt nicht zusammen

Protest gegen Corona-Maßnahmen: Die Gruppen passen überhaupt nicht zusammen

Foto: Stefan Zeitz / imago images

SPIEGEL: Herr Montag, vor elf Jahren hat Eli Pariser das Buch "Filter Bubble" veröffentlicht. Seither wird viel darüber diskutiert, inwiefern personalisierte Angebote im Netz dazu beitragen, dass Menschen in abwegigen Weltbildern bestärkt werden. Welche Rolle spielt das Phänomen in der aktuellen Debatte über die Corona-Pandemie?

Montag: Genau quantifizieren können wir das nicht. Die Vorselektion von Informationen durch einen Algorithmus wirkt aber mit großer Wahrscheinlichkeit in verschiedenen Themenbereichen unterschiedlich stark. Wir werden in unserer modernen Gesellschaft jeden Tag mit unglaublich vielen Informationen bombardiert. Insofern ist es gut, dass sie teils auf persönliche Interessen zugeschnitten werden. Wenn es um Politik oder Gesundheitsinformationen geht, kann das aber zu Problemen führen.

Zur Person

Christian Montag ist Professor an der Universität Ulm und leitet dort die Abteilung für Molekulare Psychologie. Er erforscht den Einfluss moderner Medien und sozialer Netzwerke auf die Gesellschaft. Außerdem analysiert er, wie Fake News entstehen und sich verbreiten.

SPIEGEL: Welche sind das?

Montag: Wenn jemand immer nur auf die Inhalte einer bestimmten Partei oder Organisation klickt, die abwegige Ansichten verbreitet, wird er in seinem personalisierten Newsfeed vor allen Dingen Nachrichten aus diesem Spektrum bekommen. Es wird dann immer schwieriger, die eigenen festgefahrenen - und manchmal falschen - Weltanschauungen zu korrigieren.

SPIEGEL: Es gab vor ein paar Jahren eine Untersuchung, laut der Roboter, die den Video-Vorschlägen auf YouTube folgen, verlässlich bei Horror und Verschwörungstheorien landen. Warum lenken uns die Algorithmen vor allem auf diese Inhalte?

Montag: Es liegt im Interesse der Anbieter, die Nutzer möglichst lange auf ihrer Seite zu halten und sie zu immer neuen Klicks zu animieren. Beim Besuch von Social-Media-Plattformen geben die Nutzer Informationen über sich preis, die sich an Werbekunden verkaufen lassen. Das ist das Geschäftsmodell. Lange Verweildauern auf einer Seite lassen sich durch die Personalisierung des Newsfeeds erreichen.

Sicherlich trägt aber auch die Art der Inhalte dazu bei: Unser Gehirn reagiert stark auf ungewöhnliche, neuartige und besonders krasse Informationen. Wir beschäftigen uns mit solchen Inhalten intensiv und klicken immer weiter. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum sich Fake News so schnell verbreiten.

SPIEGEL: Warum springen wir ausgerechnet auf oft unseriöse Sensationsnachrichten besonders an?

Montag: Es gibt die Theorie, dass das einen evolutionären Hintergrund hat. Für unsere Spezies war es schon immer wichtig, besonders neue und damit vielleicht überlebensnotwendige Informationen schnell zu verarbeiten und sich darüber in der Gruppe auszutauschen. Der zweite wichtige Punkt ist, dass Fake News meist so angelegt sind, dass sie starke Emotionen wecken. Diese Emotionalisierung spielt in sozialen Medien nach allem, was wir wissen, eine extrem große Rolle.

SPIEGEL: Können Sie das genauer erklären?

Montag: Emotionen stimulieren sehr alte, reflexhaft arbeitende Teile des menschlichen Gehirns und drängen die Signale des evolutionär jüngeren präfrontalen Kortex, der das Bewusstsein und den Verstand steuert, in den Hintergrund. Anders gesagt: Wenn Wut, Zorn und Ärger sehr stark stimuliert werden, fällt uns die bewusste Regulierung dieser Emotionen zunehmend schwer. Die Emotionen vernebeln dann den Verstand. Das nutzen einige Protagonisten auf perfide Weise aus, um Stimmung zu machen.

SPIEGEL: Lässt sich damit auch erklären, dass zuletzt auf der Corona-Demonstration in Berlin Menschen mit Regenbogenflaggen neben Trägern von Reichsflagge marschiert sind?

Montag: Fest steht, dass diese beiden Gruppen überhaupt nicht zusammenpassen. Die eine steht für Vielfalt und Toleranz, die andere genau für das Gegenteil. Da spielt die Emotionalisierung durch das Thema Coronavirus sicherlich eine Rolle. Die Demonstrationsteilnehmer werden vordergründig alle mit der aktuellen Situation in der Pandemie unzufrieden sein, aber jeder hat auch andere, individuelle Gründe, dort zu demonstrieren.

SPIEGEL: Wie gelingt es den Menschen, einen solchen Auftritt vor sich selbst zu rechtfertigen?

Montag: Da ist meines Erachtens ein lang bekanntes Konstrukt aus der Psychologie von Bedeutung: die sogenannte kognitive Dissonanz. Jeder, der auf dieser Demo unterwegs war, ist dem Phänomen ausgesetzt. Es macht etwas mit einem, wenn man mit seiner Regenbogenflagge dasteht und nach rechts guckt, wo die Reichsbürger marschieren.

SPIEGEL: Was genau passiert dabei?

Montag: Es entsteht Irritation, weil komplett unterschiedliche Weltanschauungen aufeinandertreffen, die das Gehirn nicht sinnvoll vereinbaren kann. Der mit der kognitiven Dissonanz einhergehende Konflikt verursacht ein unangenehmes Gefühl. Um es abzustellen - unser Gehirn möchte Dinge, die sich nicht gut anfühlen, loswerden - machen Menschen sich die Welt in solchen Situationen passend. Sie legen sich zurecht, warum ihr Verhalten in Ordnung ist. Logik spielt da keine Rolle.

SPIEGEL: Was bedeutet das für den gesellschaftlichen Diskurs?

Montag: Es entstehen teils immer neue, abstruse Theorien . Das kann so weit gehen, dass die Leute sich immer weiter in randständigen Ansichten verlieren und wenig bereit sind, sich mit anderen Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Es gilt dann irgendwann nur noch: wir gegen die anderen.

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Ein Dialog wird zunehmend schwer bis unmöglich. Dabei ist Austausch zwischen Menschen ein zentraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Was seit einigen Monaten in sozialen Netzwerken passiert, ist, meiner Einschätzung nach, wirklich gefährlich für unsere Demokratie, auch wenn wir das Ausmaß nicht genau abschätzen können.

SPIEGEL: Ist jeder anfällig, sich die Welt so zu machen, wie sie ihm gefällt?

Montag: Psychische Prozesse wie kognitive Dissonanz kennt sicherlich jeder aus dem Alltag. Sie kommt nicht nur bei den oben beschriebenen Demonstrationen vor, sondern auch, wenn wir beispielsweise soziale Medien intensiv nutzen, obwohl wir wissen, dass wir dabei zunehmend unsere Privatsphäre aufgeben. Kognitive Dissonanz bauen dabei viele ab, indem sie sich sagen, dass sie doch nichts zu verheimlichen haben und alle anderen auch dort unterwegs sind. Sie verharmlosen die Situation.

SPIEGEL: Welche Rolle spielen dabei individuelle Neigungen?

Montag: Eine unserer Studien  zu Fake News hat ergeben, dass Personen, die sich nach eigenen Angaben ausschließlich auf Social Media informieren, eher zu emotionaler Instabilität neigen und etwas weniger gewissenhaft sind als Personen, die auf herkömmliche Medien vertrauen. Diese Gruppe ist wahrscheinlich auch anfälliger für Filterblasen. Es gibt aber noch weitere Faktoren. So haben andere Forscher etwa festgestellt, dass die Fähigkeit zum analytischen Denken  unglaublich wichtig ist, um Falschinformationen zu erkennen.

SPIEGEL: Wie lässt sich die Verbreitung falscher Informationen und die Radikalisierung im Netz eindämmen?

Montag: Da können möglicherweise schon kleine Veränderungen helfen. Vor dem Weiterleiten einer Information wäre es möglicherweise effektiv, wenn ein Nutzer gefragt wird, ob er sicher ist, dass es sich nicht um Fake News handelt - besonders dann, wenn andere Nutzer die Nachricht zuvor bereits als Fake News klassifiziert haben. Eine solche Frage kann das Bewusstsein und den Verstand so weit stimulieren, dass sie wieder die Oberhand über die Emotionen gewinnen.

Außerdem haben Forscher kürzlich gezeigt , dass Leute Fake News leichter identifizieren, wenn in sozialen Netzwerken darauf hingewiesen wird, wie man sie erkennt, etwa an seltsam wirkenden Layouts, Links auf abwegige Seiten und extrem reißerischen Überschriften. Das sollten Jugendliche schon in der Schule lernen. Gleichzeitig müssen wir soziale Netzwerke weiter erforschen, um sie zum Besseren zu verändern.

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