Diskussionskultur in der Coronakrise "Empörungswellen treiben die Gesellschaft auseinander"

Die einen befürworten Schutzmaßnahmen, die anderen protestieren vehement: Rhetoriker Olaf Kramer erklärt, warum die Coronakrise für heftige gesellschaftliche Spannungen sorgt - und wie wir miteinander reden sollten.
Ein Interview von Janne Kieselbach
Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Berlin: "Es empfiehlt sich, zunächst nach dem Warum zu fragen"

Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Berlin: "Es empfiehlt sich, zunächst nach dem Warum zu fragen"

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Kay Nietfeld/ dpa

SPIEGEL: Herr Kramer, viele Menschen haben in den vergangenen Wochen die irritierende Erfahrung gemacht, dass sogar enge Freunde oder Verwandte die Bedeutung von Schutzmaßnahmen ganz anders bewerten als sie selbst. Haben Sie das auch schon erlebt?

Kramer: Ja, in der Tat. Im Grunde muss man nur einen Supermarkt betreten und dann sieht man, dass es große Unterschiede in der Art und Weise gibt, wie Menschen mit dieser Krise umgehen. Einige sind alarmiert und vorsichtig, andere sehen es locker. Auch in meinem Familien- und Bekanntenkreis gibt es Diskussionen darüber.

Zur Person

Prof. Dr. Olaf Kramer leitet das Zentrum für Präsentationskompetenz am Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit Wissenskommunikation, Politischer Kommunikation und digitaler Rhetorik.

SPIEGEL: Wie kann ich denn angemessen reagieren, wenn ich mit einer völlig anderen Sichtweise konfrontiert werde?

Kramer: Wenn man merkt, dass es eine große Differenz gibt, ist es ist wichtig, keine Konfliktsituation entstehen zu lassen. Wenn ich dem anderen sofort sage, dass ich es überhaupt nicht verstehe, warum er keine Maske trägt, dann verhärten sich die Fronten. Es empfiehlt sich, zunächst nach dem Warum zu fragen, also die Motivation des anderen zu verstehen. Danach kann man konkrete Informationen anbieten und versuchen, einen Impuls zu setzen, über die Sache noch mal nachzudenken. Wer zu konfrontativ in Diskussionen hineingeht, läuft Gefahr, am Ende genau das Gegenteil zu erreichen von dem, was er eigentlich will.

SPIEGEL: Belehrungen sind also fehl am Platz.

Kramer: Genau. In der Rhetorik sprechen wir davon, dass eine "einladende Rhetorik" nötig ist. Wenn Sie zum Beispiel mit Anhängern rechtspopulistischer Positionen diskutieren, dann merken Sie sehr schnell, dass Sie nicht erfolgreich sind, wenn Sie einem Argument ein anderes Argument entgegensetzen. Sie werden einen Menschen nicht einfach überzeugen können, von Position A auf Position B zu wechseln. Stattdessen kommen Sie leichter voran, wenn Sie anhand von kleinen Beispielen diskutieren. Denken Sie an die Flüchtlingskrise: Wenn man die Problematik damals auf ein Einzelschicksal runterbrach, haben oft auch die Gegner der Zuwanderung eingeräumt, dass der betreffende Mensch in einer schwierigen Situation ist und dass man ihm helfen muss.

"In der Coronakrise gab es zunächst einen starken Zusammenhalt, die Maßnahmen wurden breit akzeptiert und nicht einmal die AfD hat dagegen gestänkert"

SPIEGEL: Seit Wochen beschäftigt die ganze Welt ein einziges Thema, von dem jeder Mensch unmittelbar in seinem Alltag betroffen ist. Sehen Sie Vergleichbares in der Geschichte?

Kramer: Zunächst fallen einem natürlich frühere Pandemien ein, zum Beispiel die Spanische Grippe oder die attische Seuche im antiken Athen. Wenn man sich diese Ereignisse anschaut, erkennt man schnell Muster, die auch heute eine Rolle spielen. Schon in der Antike wird beschrieben, dass die Pandemie grundlegende Strukturen sozialen Miteinanders unterbricht und eine Gesellschaft auflösen kann. Und wenn wir stärker in die Gegenwart schauen, lassen sich Parallelen zwischen der Coronakrise und dem Klimawandel ziehen. In beiden Fällen sind Verhaltensänderungen auf einem globalen Level nötig. Allerdings gelingt uns das in der Pandemie deutlich besser als beim Klimawandel, weil die Menschen ein viel unmittelbareres Risiko wahrnehmen. Die Coronakrise ist den Menschen gefühlt näher als die langfristigen Veränderungen des Klimas.

SPIEGEL: Sie sprachen die Gefahren der Pandemie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt an. Vor Kurzem haben Forscher aus Ilmenau und Bern herausgefunden, dass in der jetzigen Krise neue Bruchlinien in der Gesellschaft entstehen, und zwar zwischen Gegnern und Befürwortern eines strengen Gesundheitsschutzes.

Kramer: Ja, es vollzieht sich gerade etwas, das wir schon seit längerer Zeit in westlichen Gesellschaften beobachten können, nämlich eine starke Polarisierung von politischen Positionen. Sie liegt immer dann vor, wenn eine Spaltung alle anderen Spaltungen überlagert. Wir haben das in Deutschland schon bei der Flüchtlingskrise erlebt. Damals überlagerte der Streit darüber, ob weitere Flüchtlinge aufgenommen werden sollen oder nicht, alles andere und teilte die Gesellschaft in zwei Lager. In der Coronakrise gab es zunächst einen starken Zusammenhalt, die Maßnahmen wurden breit akzeptiert und nicht einmal die AfD hat dagegen gestänkert. Inzwischen hat sich das aber geändert, Befürworter und Gegner der Corona-Maßnahmen stehen sich gegenüber. Und diese Polarisierung zeigt sich auch in der Rhetorik.

SPIEGEL: Wie könnte die Kluft überwunden werden? Braucht die Gesellschaft neue Dialogformen, um wieder Konsens zu bilden?

Kramer: Das ist eine wirklich wichtige, aber auch sehr schwierige Frage. Meine Antwort ist auf jeden Fall: Ja, wir brauchen neue Kommunikationsformen. Denn auch unabhängig von der Coronakrise erleben wir die Tendenz zur Polarisierung. Eine Gesellschaft beruht darauf, dass es eine Art Wertekonsens geben muss. In der Rhetorik sprechen wir von einem "common ground", also einem gemeinsamen Boden, auf dessen Basis man Argumente entwickeln und über politische Maßnahmen entscheiden kann. Wenn sich dieser gemeinsame Boden aber durch eine Teilung in zwei Lager auflöst, dann ist Verständigung schwierig.

"Ich kann den Daumen senken oder heben. Wenn aber eine politische Frage diskutiert wird, führt diese Art der Reaktion schnell zur Skandalisierung, Empörung und Lagerbildung"

SPIEGEL: Tragen die sozialen Medien zu dieser Spaltung bei?

Kramer: In der Tat wird die Polarisierung dadurch begünstigt und vorangetrieben, dass sich einzelne Interessen- und Glaubensgruppen in den sozialen Medien bilden und dort auch Rückhalt finden für ihre Positionen - so merkwürdig sie sein mögen. Im Gegensatz zu einer Zeit, als sich die Nation abends vor der "Tagesschau" versammelte und einen gemeinsamen Wertekonsens vorgelebt bekam, ist es jetzt viel schwieriger, den gemeinsamen Boden zu schaffen. Dazu kommt, dass Kommunikation im Internet sehr dynamisch ist. Es entstehen schnell Empörungswellen, die Gesellschaften auseinandertreiben.

SPIEGEL: Haben Sie eine Idee, was sich ändern ließe, um der Polarisierung entgegenzuwirken?

Kramer: Zum einen sind wir alle gefragt, mehr "einladende Rhetorik" zu praktizieren. Die Motive der Gegenseite zu verstehen, ist auch im Internet wichtig. Zum anderen kann es gerade in den sozialen Medien technische Antworten geben. Plattformen wie Facebook oder Twitter legen emotionale Reaktionen nahe: Ich kann den Daumen senken oder heben. Wenn aber eine politische Frage diskutiert wird, führt diese Art der Reaktion schnell zur Skandalisierung, Empörung und Lagerbildung. Es ist also nötig, andere Reaktionen zu ermöglichen. Außerdem ist es ein Problem, dass Algorithmen ausgerechnet diese emotionalen Postings auch noch sehr hoch "raten", weil sich viele beteiligen.

SPIEGEL: In der Krise sind Menschen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, die dort normalerweise nicht stehen: Virologen, Epidemiologen, Rechtsmediziner. Haben Sie den Eindruck, dass die Forscher ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse gut vermitteln konnten?

Kramer: Tatsächlich findet in der Öffentlichkeit im Moment sehr viel Wissenschaft statt. Forscher spielen eine große Rolle als Ratgeber, sie werden intensiv wahrgenommen und bekommen viel Sendezeit. Dass es diese Wissenschaftsorientierung gibt, halte ich für erfreulich. Allerdings sollten wir uns immer bewusst sein: Virologen sind Virologen und Epidemiologen sind Epidemiologen. Das heißt, wir können von ihnen Informationen erwarten aus ihren jeweiligen Fachgebieten, politische Entscheidung treffen aber andere. Das auseinanderzuhalten, finde ich wichtig. Die Politik muss neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen berücksichtigen.

SPIEGEL: Hat Sie ein bestimmter Forscher mit seiner Kommunikation besonders beeindruckt?

Kramer: Wir sehen viele Wissenschaftler, die gut erklären, was sie machen und warum sie bestimmte Positionen vertreten. Ich denke, der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité ist nicht ohne Grund zu einem Gesicht der Krise geworden. Er ist schon früh mit dem NDR-Podcast auf die Öffentlichkeit zugegangen – übrigens ein sehr zeitgemäßes Format.

"Auch aus der Politik hören wir den Wunsch, die Wissenschaft möge doch endlich mal sagen, wie es jetzt eigentlich ist"
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