Coronapandemie Helfen Impfungen auch gegen »Long Covid«?

Viele Coronapatienten leiden noch lange nach der Erkrankung unter Spätfolgen. Sie können nun auf Linderung hoffen, möglicherweise wirkt die Impfung bei ihnen wie ein Medikament – zuweilen verschwinden die Symptome.
Griff zur Impfung in Nürnberg: Helfen die Vakzinen auch gegen Corona-Langzeitbeschwerden?

Griff zur Impfung in Nürnberg: Helfen die Vakzinen auch gegen Corona-Langzeitbeschwerden?

Foto: Daniel Karmann / dpa

Wie tückisch das Coronavirus ist, zeigt sich bei manchen Patienten erst dann, wenn die Krankheit eigentlich überstanden ist. Sie leiden über Monate unter Langzeitfolgen – laut einer Studie hatten drei Viertel der Teilnehmer auch ein halbes Jahr nach der Erkrankung noch mit Symptomen wie Müdigkeit, Schlafstörungen, Depressionen zu kämpfen.

Eine neuere Untersuchung der University of Washington  kommt zu einem noch beunruhigenderen Ergebnis. Demnach berichten 30 Prozent der Patienten auch neun Monate nach der Infektion noch über Folgebeschwerden: heftige Erschöpfung bei kleinsten Belastungen, Kopf- sowie Gliederschmerzen und Kurzatmigkeit oder Konzentrations- und Gedächtnisschwächen.

»Long Covid«, wie das Phänomen genannt wird, erwischt nicht jeden, der Covid-19 durchgemacht hat. Aber für die Erkrankten ist es eine Qual. Die Betroffenen organisieren sich im Netz, in den sozialen Medien und tauschen sich aus. Dort tauchen nun zunehmend Berichte auf, die in der derzeit eher trüben Coronalage mit Impfstopps und der schnellen Ausbreitung der Mutanten Anlass zur Hoffnung geben. Denn möglicherweise helfen die Impfungen dabei, die Folgen von »Long Covid« zu lindern.

So schrieb ein User auf Twitter  kürzlich, dass er nur sechs Tage nach einer Impfung frei von allen Symptomen sei. Mara Gay, eine Redakteurin der »New York Times«, äußerte sich ähnlich . »Viele fühlen sich nach einer Impfung besser, ich eingeschlossen. Faszinierend«, schrieb sie. Auch die »Washington Post«  berichtete über eine 34 Jahre alte Frau, die seit einem Monat, kurz nachdem sie ihre zweite Impfung erhielt, keine Symptome von »Long Covid« mehr hat.

Solche Nachrichten lassen sich schwer wissenschaftlich überprüfen. Sie basierten zunächst eher auf Anekdoten, die meisten dieser Eindrücke stammen aus den USA, wo schon sehr viele Menschen geimpft worden sind. Aber längst interessieren sich auch anerkannte Virologen für den Effekt. Dass die Impfstoffe nicht nur vor Krankheit schützen, sondern auch wie ein Medikament gegen Symptome wirken, wäre ein ausgesprochen hoffnungsvolle Nachricht. Auch wenn man noch nicht genau weiß, warum.

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Der Mediziner und Wissenschaftler Daniel Griffin schätzt , dass die beiden Impfungen bei etwa 40 Prozent der Langzeitpatienten Beschwerden lindern könnten. Gern würde er dies mit Daten unterfüttern, aber die sind noch rar.

Die Immunologin Akiko Iwasaki von der Yale University beschäftigt sich schon länger mit der Frage, warum manche Patienten lange an Spätfolgen leiden. Sie hat zumindest eine Theorie, die bei dem Effekt eine Rolle spielen könnte. Die Symptome bei »Long Covid« könnten entstehen, weil sich das Virus oder auch nur winzige Fragmente davon irgendwo im Körper einnisten, beispielsweise in den Nervenzellen oder im Dünndarm, wie eine Studie zeigte .

Wird nun so jemand geimpft, springt das Immunsystem eben besonders auf diese Viren an. In der Folge könnte die Körperabwehr auch die verborgenen Virenreste erreichen und eliminieren. Iwasaki weist noch auf eine weitere Möglichkeit hin, nach der »Long Covid« eine Autoimmunreaktion ist, bei der das Immunsystem die körpereigenen Zellen angreift. Auch hier hätte eine Impfung möglicherweise einen Effekt, denn das Mittel könnte die Immunzellen gewissermaßen ablenken, die sich nun auf den neuen Eindringling stürzen. Theoretisch ist auch eine Kombination beider Möglichkeiten denkbar.

Es gibt jedoch kaum Erkenntnisse zu Impffolgen bei Menschen, die unter Corona-Langzeitfolgen leiden. Survivor Corps, eine Organisation in den USA für Menschen mit langfristigen Covid-19-Symptomen, hatte kürzlich seine Mitglieder dazu befragt. Laut einem Bericht fühlten sich 216 Personen genau wie vorher, 171 fühlten sich besser und 63 gaben an, dass sie sich schlechter fühlten.

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Nur bei etwa fünf Prozent trat Linderung ein

Studien zu dem Thema sind noch rar. Eine kleine Untersuchung  von Forschern aus Bristol in Großbritannien, die noch nicht von unabhängigen Kollegen begutachtet wurde, legt nahe, dass Impfungen tatsächlich einen positiven Effekt bei »Long Covid« haben könnten. Allerdings war die Gruppe der Probanden sehr klein. Und noch dazu war der Effekt sehr gering. Nur etwa fünf Prozent berichteten über eine leichte Verbesserung der Symptome.

Unterschiede zwischen dem mRNA-Impstoff von Biontech oder dem vektorbasierten Mittel von AstraZeneca konnten die Forscher nicht feststellen. Sie schließen allerdings nicht aus, dass bei den berichteten Linderungen auch ein gewisser Placeboeffekt eine Rolle spielen könnte. Dass Menschen sich besser fühlen, wenn sie ein Medikament erhalten haben, dass gar keine Wirkung zeigen kann, ist ein altbekannter Mechanismus.

Um diesen auszuschließen, braucht es entsprechende Studien, in denen die Probanden nicht erfahren, ob sie eine Impfung bekommen haben oder nicht. So lange bleibt vieles zu dem berichteten Effekt spekulativ.

Erst seit einigen Wochen sollen in Deutschland auch Menschen geimpft werden, die zuvor eine Infektion mit Sars-CoV-2 durchgemacht haben . Wenn sich die Theorien zu den Linderungen bestätigen sollten, könnte die Änderung der Impfstrategie auch manchem, der an Langzeitfolgen leidet, bei der Bewältigung der Beschwerden helfen.

Allerdings fällt die Impfreaktion bei solchen Personen manchmal heftiger aus, weshalb erwogen wird, ihnen nur eine Dosis zu verabreichen. Welche Auswirkungen das wiederum bei »Long Covid«-Patienten hätte, ist noch völlig offen. Möglicherweise sind es gerade solche Menschen, die aus Angst vor einer heftigen Reaktion ihres Körpers vor einer Impfung zurückschrecken. Dabei könnte sie ihnen vielleicht helfen, die Krankheit endgültig hinter sich zu lassen.

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