Booster für mRNA-Mittel Forscher sehen Biontech-Vorstoß für Drittimpfungen kritisch

Biontech und sein US-Partner Pfizer plädieren für Booster-Impfungen mit ihrem Mittel gegen Corona. Doch viele Wissenschaftler halten das für verfrüht.
Impfzentrum in Berlin: Nochmal 60 Millionen Menschen impfen?

Impfzentrum in Berlin: Nochmal 60 Millionen Menschen impfen?

Foto: Bloomberg / Getty Images

Die Impfstoffe auf der Grundlage der mRNA-Technik sind ein Glücksfall in dieser Pandemie. Hätten Unternehmen wie Biontech in Mainz oder Moderna in Cambridge nicht schon seit Jahren abseits der ganz großen Medienaufmerksamkeit an der Technik gearbeitet, wäre es sicher nicht möglich gewesen, so schnell so effektive Impfstoffe gegen das Sars-CoV-2-Virus zu entwickeln.

Als Ende vergangenen Jahres die ersten Daten zu diesen Mitteln bekannt wurden, konnte die Welt über die beeindruckend hohe Wirksamkeit der Mittel nur staunen. Comirnaty, die Biontech-Vakzine, verhinderte laut den hoffnungsvollsten Daten aus dem Impfprogramm-Wunderland Israel eine Corona-Erkrankung zu 95,8 Prozent. Typische Symptome wie Fieber und Atembeschwerden werden zu 98 Prozent unterbunden. Krankenhauseinweisungen bei schweren Verläufen und Todesfälle werden sogar zu 99 Prozent verhindert – sicherer geht es eigentlich kaum.

Die Frage ist nun: Wie lange schützen die mRNA-Impfungen – vor allem, wenn Varianten wie Delta sich immer weiter ausbreiten?

Eine Studie aus dem Fachmagazin »Nature« kam dabei jüngst zu hoffnungsvollen Ergebnissen. Demnach könnte das Mittel von Biontech eine lang anhaltende, starke Immunreaktion auslösen, vielleicht sogar über Jahre.  Die Daten sind noch mit Vorsicht zu genießen, denn bisher können Forscherinnen und Forscher nur den Zeitraum untersuchen, in dem die Impfungen verabreicht wurden. Und das ist gerade mal rund ein halbes Jahr.

Aber genauso vorsichtig sollte Biontechs und Pfizers jüngster Vorstoß  eingeordnet werden, nach dem im Herbst angeblich eine dritte Impfung für breite Teile der Bevölkerung notwendig werden könnte. Die Unternehmen teilten am Freitag mit, bald eine Zulassung für die Verabreichung einer dritten Dosis ihres Coronaimpfstoffs bei der US-Behörde FDA und der Europäischen Arzneimittel-Agentur Ema sowie weiteren Zulassungsbehörden beantragen zu wollen. Es sei im Laufe der Zeit mit einer Abnahme der Wirksamkeit zu rechnen, heißt es. Deshalb könnte eine dritte Dosis sechs bis zwölf Monate nach der ersten Impfung erforderlich sein.

Nochmal 60 Millionen Menschen impfen?

Biontech verweist in der Mitteilung zum einen auf eine eigene, derzeit laufende Studie, die die Menge der Antikörper durch eine sogenannte Booster-Impfung um das Fünf- bis Zehnfache erhöhen soll. Allerdings sind die Daten dazu bisher weder veröffentlicht noch wird erklärt, wann sie in einer entsprechenden Fachzeitschrift publiziert werden könnten. »Ich halte es noch für zu früh, um einschätzen zu können, ob wir Booster-Impfungen tatsächlich benötigen«, sagt Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Ob man jetzt oder im Herbst noch einmal 60 Millionen Menschen in Deutschland impfen muss, sei noch völlig offen, solange es dazu keine belastbaren wissenschaftlichen Studien gibt.

Dass langfristig der Antikörperlevel etwas abfällt, hatten Forscher bereits vorher erwartet. Allerdings ist noch völlig offen, ob das auch zu einem schlechteren Impfschutz führt. Manche Forscher vermuten beispielsweise, dass die Anzahl der Antikörper allein nicht entscheidend ist. »Es kann Menschen geben, die haben Antikörper im Blut, aber diese Antikörper schützen gar nicht«, hatte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, kürzlich gesagt. Zudem ist bekannt, dass auch das Immungedächtnis, beispielsweise die sogenannten Gedächtnis-T-Zellen, bei der langfristigen Abwehr des Körpers gegen das Virus eine Rolle spielt.

Einen weiteren Grund für eine Booster-Impfung nennt Biontech mit Verweis auf jüngste Daten vom israelischen Gesundheitsministerium. Wie die praktische Anwendung bereits deutlich gezeigt habe, sinke die Schutzwirkung des Impfstoffs gegenüber Infektionen und symptomatischen Erkrankungen sechs Monate nach der zweiten Impfung. Auf Basis der bisher vorliegenden Daten sei es wahrscheinlich, »dass eine dritte Dosis innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der vollständigen Impfung erforderlich sein wird«.

Doch auch hier äußern sich Fachleute skeptisch. »Noch haben wir aus Israel keine belastbaren wissenschaftlichen Studien«, sagt Zeeb. Die Daten haben bisher eher vorläufigen Charakter, meinten sogar Forscher aus Israel. Zuletzt hatte es Hinweise darauf gegeben, dass die Delta-Variante, die sich in dem Land bereits fast vollständig ausgebreitet hat, die Wirksamkeit des Impfstoffs bei einer Infektion oder Erkrankung wohl auf 64 Prozent drückt – auch wenn der Wirkungsgrad gegen schwere Erkrankungen über 90 Prozent liegt.

»Es ist aber fraglich, ob eine Booster-Impfung den Wert von 64 Prozent erheblich steigern kann«, sagt Zeeb. Letztlich könnten hier nur ordentliche und unabhängige Studien Hinweise geben, die in Fachmagazinen von unabhängigen Forscherinnen und Forscher begutachtet sind. Auch Leif Erik Sander von der Berliner Charité hatte in den Daten aus Israel bisher nicht mehr als vorsichtige Hinweise gesehen. Es sei methodisch schwierig, während niedriger Inzidenzen und lokaler Ausbrüche die genaue Effektivität der Impfung zu bestimmen (Mehr dazu lesen Sie hier). Zudem hatten Daten aus Großbritannien einen viel höheren Impfschutz gegen Delta nahegelegt.

Bisher könnte es selbst mit Blick auf die ansteckendere Delta-Variante, die in Deutschland inzwischen die Mehrheit der Infektionen ausmacht, ausreichen, wenn nur ältere Menschen geimpft werden oder solche, die ein gedrosseltes Immunsystem haben, weil sie beispielsweise Medikamente gegen Autoimmunkrankheiten, nach Organtransplantationen oder bei Krebstherapien einnehmen müssen. Hier ist eine schlechtere Immunantwort zu erwarten, hatten Untersuchungen gezeigt. Aber laut einer vorläufigen Studie von diesem Freitag, die Public Health England veröffentlicht hat, ist selbst in Hochrisikogruppen bei symptomatischen Covid-19-Infektionen noch ein wirksamer Schutz vorhanden. Er liegt etwa bei den über 64-Jährigen bei Biontech nach der zweiten Dosis noch bei rund 89 Prozent, so die Gesundheitsbehörde.

Grundsätzlich ist eine Zulassung einer dritten Impfung, wie sie Biontech und Pfizer nun beantragen wollen, bei den entsprechenden Behörden notwendig, damit diese Menschen eine Booster-Impfung erhalten können. Aber mit Blick auf eine breite Anwendung sehen selbst etliche Behörden und Institutionen den Vorstoß der Pharmariesen noch kritisch. Die Ema vermag noch keine Datengrundlage zu erkennen, die für solche Auffrischungsimpfungen spricht. »Es ist im Moment zu früh, zu bestätigen, ob und wann eine Booster-Dosis bei Coronaimpfstoffen nötig sein wird«, hieß es am Freitag.

Die Daten würden rasch begutachtet, sobald sie zur Verfügung stünden, schrieb die Ema. Man stehe mit Herstellern bezüglich Boostern in Kontakt, um regulatorische Schritte so schnell wie möglich unternehmen zu können, falls dies notwendig sei. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie die US-Behörde FDA bremsen die Erwartungen an mögliche Auffrischungsimpfungen gegen Covid-19. US-Amerikaner, die vollständig geimpft wurden, brauchen zu diesem Zeitpunkt keine Booster-Impfung, so FDA und Seuchenschutzbehörde CDC in einer gemeinsamen Erklärung. Wenn solche zusätzlichen Impfdosen notwendig werden sollten, sei man vorbereitet.

Debatte über Booster-Impfung kann warten

Die Forscherin Natalie Dean von der Emory University in Atlanta plädiert in der »New York Times« : Wenn man sich schon über neue Virusvarianten Sorgen mache, sei der beste Schutz, zuerst den Rest der Welt zu impfen und nicht weitere Dosen zu horten, um den Menschen in den USA eine dritte Dosis zu verpassen.

Die Diskussion über die Drittimpfung kann also vorerst warten.