Ungleiche Impfstoffverteilung »Das Virus schert sich nicht um Grenzen«

Ärmere Länder haben keine Chance bei der Verteilung der Impfstoffe. Tropenmediziner Maximilian Gertler warnt vor fatalen Folgen – auch für Europa.
Ein Interview von Susanne Götze
Künstliche Beatmung in einem Krankenhaus in der südafrikanischen Stadt Pretoria: Sauerstoffgeräte gibt es kaum in afrikanischen Ländern

Künstliche Beatmung in einem Krankenhaus in der südafrikanischen Stadt Pretoria: Sauerstoffgeräte gibt es kaum in afrikanischen Ländern

Foto: Themba Hadebe / AP

SPIEGEL: In den Ländern Afrikas wurden bisher nur wenige Menschen gegen Covid-19 geimpft – allein in Deutschland sind es schon 1,8 Millionen. Hat die internationale Gemeinschaft hier versagt?

Maximilian Gertler: Der Impfstart in armen Ländern ist enttäuschend. Es läuft leider nach dem Prinzip des Stärkeren: Die reicheren Länder wie die USA, Kanada, aber auch viele Länder der EU sichern sich in bilateralen Verhandlungen die Impfstoffe. In einer globalen Pandemie ist solch ein Verhalten rücksichtslos.

Foto: Sebastian Bolesch

Maximilian Gertler arbeitet am Institut für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit der Berliner Charité. Seit 2006 ist er neben seiner Arbeit an der Charité auch für Ärzte ohne Grenzen in ärmeren Ländern im Einsatz. In afrikanischen Staaten wie Guinea kämpfte er bereits gegen die Ebola-Pandemie.

SPIEGEL: Aber die Zahlen aus Afrika sind relativ niedrig. Bei Ansteckungen mit Covid-19 geht es meist um Horrormeldungen aus den USA, europäischen Ländern oder Südamerika .

Gertler: Das täuscht. Es wird generell kaum über Afrika berichtet und die Dunkelziffer von Covid-19-Infektionen ist extrem hoch. Das liegt daran, dass in vielen Ländern sehr wenig getestet wird. Seit Wochen beobachten wir, dass es bei den wenigen Tests immer mehr positive Ergebnisse gibt. In vielen afrikanischen Ländern, vor allem in Zentral- aber auch in Ost- und Westafrika, gibt es eine extrem schlechte Gesundheitsversorgung. Es fehlt an allem. Mancherorts ist die Lage dort schon unter normalen Nicht-Pandemiebedingungen katastrophal.

»Wenn sich das Virus ungehindert ausbreitet, dann gibt es auch mehr Mutationen und die kommen dann auch nach Europa.«

Maximilian Gertler, Tropenmediziner und bei Ärzte ohne Grenzen aktiv

SPIEGEL: Es gibt also keine Daten, wie viele der 1,3 Milliarden Menschen sich in afrikanischen Ländern angesteckt haben?

Gertler: Die Datenlage ist sehr dünn. Vereinzelt wurden Antikörperstudien durchgeführt, etwa für Nigeria. Dort kamen Wissenschaftler in einer Studie zu dem Ergebnis, dass rund 20 Prozent der Probanden das Virus bereits hatten. In manchen Townships in Südafrika geht man mittlerweile von einer Art von Herdenimmunität aus. Aber genaue und verlässliche Zahlen gibt es nicht.

SPIEGEL: Was bedeutet es für Europa, wenn in Afrika nicht genügend geimpft wird?

Gertler: Wo sich das Virus ungehindert ausbreiten kann, gibt es nicht nur mehr Tote, sondern auch mehr Möglichkeiten für Mutationen. Die kommen dann auch nach Europa. Das Coronavirus muss weltweit unter Kontrolle gebracht werden, auch in Afrika. Sonst nützen letztendlich auch Schutzmaßnahmen in Europa nichts. Es wird zu sehr national gedacht – als ob sich das Virus um Grenzen scheren würde.

SPIEGEL: Aber die Impfstoffe wurden im Globalen Norden entwickelt. Ist es da nicht nur logisch, dass auch Europäer zuerst geimpft werden?

Gertler: Jein. Denn den privaten Impfkonzernen wurden die Entwicklungskosten mit Steuergeldern bezahlt. Deshalb sollten die Dosen jetzt nicht zu Höchstpreisen an den Bestbietenden verhökert werden. Eigentlich müssten die Baupläne der Impfstoffe frei zur Verfügung gestellt werden. Dann könnte auch in ärmeren Ländern sofort mit der Impfstoffproduktion begonnen werden.

SPIEGEL: Über die Initiative Covax der Weltgesundheitsorganisation sollten Impfstoffe an ärmere Länder verteilt werden. Laut Ankündigung gibt es mittlerweile sogar einen Vorvertrag von 40 Millionen Impfdosen. Gibt das nicht Hoffnung?

Gertler: Die Industriestaaten haben mit ihrem Verhalten die Covax-Initiative unterlaufen. Die Initiative hat sich derzeit zu wenig Dosen über konkrete Verträge mit Konzernen gesichert. Und sie hat auch nichts zu verteilen. Wir wissen auch nicht, wann das der Fall sein wird. Die Impfschere zwischen armen und reichen Ländern wird immer größer. Im Norden fangen wir irgendwann an, die jüngere Bevölkerung zu impfen, die nur ein geringes Risiko für einen schweren Verlauf hat. In den meisten afrikanischen Ländern sind noch nicht einmal die Krankenhausmitarbeiter und -mitarbeiterinnen geimpft. Das ist fatal, denn das ohnehin knappe medizinische Personal in Afrika sollte unterstützt und geschützt werden. Wenn die Krankenpfleger ungeschützt sind, können sie ihre Aufgaben schlechter wahrnehmen und im schlimmsten Falle wiederum Patienten infizieren.

SPIEGEL: Sie waren selbst im vergangenen Sommer in Ruanda. Welche Auswirkungen hat das Virus dort?

Gertler: Die Lage in Ländern wie Ruanda ist fatal. Um Covid-19 zu behandeln, fehlt es an so gut wie allem. In ganz Ruanda gibt es ungefähr 100 Beatmungsplätze und immer mehr schwere Covid-Fälle. Der Druck auf das Gesundheitssystem steigt. Durch die Epidemie mussten Kapazitäten beispielsweise für die Versorgung von Malaria-Patienten oder bei der Geburtshilfe reduziert werden. 

»Da geht es nicht um ein verpasstes Konzert oder Homeoffice ohne Kinderbetreuung, sondern um Hunger.«

Maximilian Gertler, Tropenmediziner an der Charité

SPIEGEL: In Afrika sind Epidemien an der Tagesordnung. Sie waren selbst in Westafrika und haben dort bei der Ebola-Bekämpfung geholfen. Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt? 

Gertler: In vielen afrikanischen Ländern sind Epidemien nur ein Risikofaktor. Oftmals leben die Menschen in Angst vor bewaffneten Milizen oder Rebellen. Bei der Zusammenarbeit mit afrikanischen Ärztinnen und Ärzten, Schwestern und Pflegern ist vor allem eines deprimierend: Ich kann jederzeit wieder zurück in mein sicheres Zuhause. Sie stecken aber mittendrin. Besonders tragisch war das beim Ebola-Ausbruch. Ich habe von den Kollegen vor Ort viel gelernt und wusste dabei immer, dass Ärzte ohne Grenzen (fast) alles für mich tun würde, sollte ich krank werden. Diese Zusicherung hatten meine Kolleginnen in Guinea nicht.

SPIEGEL: Kann man die Situation mit Covid-19 damit vergleichen? 

Gertler: Bei Ebola entwickeln Infizierte zuerst Symptome und sind dann ansteckend. Bei Covid-19 ist es genau umgekehrt. Zwar ist Ebola weitaus tödlicher und gefährlicher als das Coronavirus, aber man kann es besser eindämmen. Bei Covid-19 haben wir das Problem der Symptomfreiheit an den ersten Tagen und eine dadurch sehr schnelle Verbreitung, weil die Menschen nicht wissen, dass sie sich bereits infiziert haben.

SPIEGEL: Das Problem ist demnach auch in Afrika die Kontrolle?

Gertler: Genau. Eindämmung und Prävention sind noch wichtiger, weil für Erkrankte keine vergleichbare Behandlung vorhanden ist. Und ein Lockdown trifft arme Menschen besonders hart. Da geht es nicht um ein verpasstes Konzert oder Homeoffice ohne Kinderbetreuung, sondern um Hunger.