Analyse von Mobilitätsdaten Inzidenzwert von 35 ist vorerst unrealistisch

Kommende Woche beraten Bund und Länder erneut über die Corona-Maßnahmen. Schon jetzt mahnen Forscher: Die als Zielwert gesetzte Sieben-Tage-Inzidenz von 35 ist vielerorts nicht erreichbar.
Tempelhofer Feld in Berlin: Die Temperaturen steigen, die Kontakte auch

Tempelhofer Feld in Berlin: Die Temperaturen steigen, die Kontakte auch

Foto: Christophe Gateau / dpa

Es ist in Deutschland schon fast ein vertrautes Ritual: Kurz vor der Ministerpräsidentenkonferenz, bei der Deutschlands Landesfürsten regelmäßig mit der Kanzlerin um die Corona-Maßnahmen ringen, wächst die Zahl der öffentlich vorgetragenen Forderungen durch unterschiedlichste Interessenvertreter.

So ist es auch dieses Mal: Die nächste Konferenz von Angela Merkel (CDU) mit den Regierungschefs der Bundesländer steht am Mittwoch kommender Woche an. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gelten bis übernächsten Sonntag. Wie es dann weitergeht, ist unklar.

In dieser Situation kollidieren wieder einmal die Forderungen nach konkreten Öffnungsperspektiven einerseits und die Warnungen vor voreiligen Lockerungen andererseits. Auf der einen Seite fordert beispielsweise das Gastgewerbe, Bund und Länder müssten ein realistisches Szenario für die Wiedereröffnung von Restaurants entwickeln. Auch Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, hat einen konkreten Stufenplan für den Weg aus den Corona-Beschränkungen gefordert. Ein solcher Plan müsse an klare Inzidenzwerte, Testmöglichkeiten und die Impfquote gekoppelt werden, sagte sie der »Rheinischen Post«.

Zu den warnenden Stimmen vor einer weiteren Abschwächung der Auflagen gehörten dagegen die Intensivmediziner. Bund und Länder müssten jetzt aufpassen, »das Spiel in der Verlängerung nicht zu verlieren«, hatte Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin, gesagt. Um eine dritte Corona-Welle zu verhindern, solle es vor April keine Rückkehr zu einem nur leichten Shutdown wie im November geben.

Laut dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach rollt die dritte Welle des Virus bereits unaufhaltsam heran. Lauterbach geht davon aus, dass Öffnungen verschoben werden müssen. Die von Bund und Ländern angestrebte Sieben-Tage-Inzidenz von 35 lasse sich an vielen Orten nicht mehr erreichen. Der Wert, der angibt, wie viele Menschen sich pro 100.000 Einwohner neu mit Sars-CoV-2 anstecken, war lange gesunken, zuletzt aber wieder etwas gestiegen.

Vor dem Hintergrund dieser Debatte ist die Untersuchung von Forschern um Kai Nagel von der TU Berlin bemerkenswert. Mit der Ausbreitung der sogenannten britischen, ansteckenderen Corona-Mutante in Deutschland sei die Zielmarke von einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 ohne zusätzliche Maßnahmen unrealistisch, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Gruppe des Leiters des Fachgebiets Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik modelliert das Infektionsgeschehen in Berlin  unter anderem mit anonymisierten Mobilfunkdaten. Nagel zufolge sind die Ergebnisse auf Gesamtdeutschland übertragbar.

»Jede Art von Öffnungen vergrößert diese Welle«

Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) könnte der Anteil der britischen Mutation B.1.1.7 inzwischen rund 22 Prozent betragen . Berücksichtige man die erhöhte Ansteckungswahrscheinlichkeit, sei die Situation laut Modell »deutlich kritischer als bisher von uns vorhergesagt«, erläuterte Nagel. »Bei reiner Beibehaltung der jetzigen Maßnahmen bekommen wir dann laut Modell eine dritte Welle; jede Art von Öffnungen vergrößert diese Welle.«

Nagel betonte: »Wir können dagegenhalten, indem Kontakte in Innenräumen ohne Schutzmaßnahmen generell vermieden werden.« Zu solchen problematischen Begegnungsstätten gehörten neben Schulen auch Mehrpersonenbüros und gegenseitige Besuche. Mögliche Schutzmaßnahmen seien Masken, Schnelltests, Impfungen und eine Verlagerung von Veranstaltungen nach draußen.

In die Modelle der TU-Wissenschaftler fließen auch Kennzahlen zum Virus und Aspekte wie die Temperatur und die davon abhängigen Freizeitaktivitäten ein. Zuletzt sei in den Mobilitätsdaten kein verändertes Verhalten der Menschen zu sehen gewesen, schilderte Nagel – mit Ausnahme der Wochenenden, an denen bei besserem Wetter mehr Leute unterwegs seien. »Solange diese zusätzlichen Aktivitäten allerdings im Freien stattfänden, entstehen daraus laut unseren Modellen aber keine relevanten zusätzlichen Infektionen«, so Nagel.

Die Bundesregierung sieht weitere Lockerungen derzeit ohnehin skeptisch, sagte Sprecher Steffen Seibert. Kanzlerin Merkel fasst einen Stufenplan für den allmählichen Ausstieg aus dem Corona-Lockdown ins Auge. Demnach schlug sie am Montag Paketlösungen für drei gesellschaftliche Bereiche in Kombination mit vermehrten Corona-Tests vor. Merkel nannte demnach die persönlichen Kontakte, Schulen sowie Sport, Restaurants und Kultur. Die Kanzlerin mahnte allerdings auch zu großer Vorsicht bei Öffnungsschritten.

Die gibt es bereits bei Kitas und Schulen in zehn Bundesländern. Lauterbach hält das für verfrüht. Aus seiner Sicht sei es sinnvoll, die Schulen nur aufzumachen, wenn die Testung der Kinder mit Antigen-Selbsttests gewährleistet sei. »Und die sind noch gar nicht zugelassen.«

joe/dpa