Sorglosigkeit in der Coronakrise Jeder Dritte hält Ansteckungsrisiko für gering

Viele Deutsche glauben nicht, sich bei Aktivitäten außer Haus mit dem Coronavirus infizieren zu können. Auch mit den Verhaltensregeln nehmen sie es nicht mehr so ernst, verrät ein wöchentliches Psychogramm.
Feierabendbier auf einer Brücke in München: "Zusammengenommen mehren sich die Ausnahmen"

Feierabendbier auf einer Brücke in München: "Zusammengenommen mehren sich die Ausnahmen"

Foto: Christof Stache/ AFP

Ein Drittel der Menschen in Deutschland hält es für unwahrscheinlich, sich beim Einkaufen, beim Arzt oder bei Treffen mit Freunden mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren. Das geht aus der sogenannten COSMO-Studie  hervor, einer wöchentlichen Umfrage der Universität Erfurt. Demnach schätzen die Befragten ihr persönliches Ansteckungsrisiko sogar niedriger ein, je öfter sie Menschen außerhalb ihres Haushalts treffen.

"Wir wissen nicht, woran das liegt", sagte Studienleiterin Cornelia Betsch dem SPIEGEL. Es sei sowohl denkbar, dass diese Menschen das Risiko bewusst ignorierten, als auch, dass sie die Gefahr gar nicht erst wahrnähmen. Sie selbst zeigte sich von dem Ergebnis überrascht: "Wir hätten schon gedacht: Je häufiger ich das tue, umso eher denke ich, ich könnte mich da anstecken", so die Psychologin.

Die COSMO-Studie wurde zusammen mit dem Robert Koch-Institut entwickelt. Jede Woche wertet Betsch die Antworten von gut 1000 Befragten aus, anhand derer sie die Stimmungslage der Deutschen während der Coronakrise zu ermitteln versucht. Inzwischen ist die Studie zu einem wichtigen Instrument der Seuchenpolitik geworden, etwa 40 andere Länder haben die Erfurter Methode bereits kopiert. 

Empfehlungen der Virologen werden seltener befolgt

Insgesamt beobachtet Betsch, dass sich die Deutschen an die Krise gewöhnt haben. Die Maßnahmen der Politik, zu denen Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren gehören, würden trotz eines leichten Rückgangs der Akzeptanz noch immer von einer großen Mehrheit als richtig und wichtig empfunden. Nur 20 Prozent der Befragten geben demnach an, sich über die Maßnahmen zu ärgern oder sogar Wut zu empfinden. Zu dieser Gruppe zählen vor allem junge Menschen unter 30.

Wochenmarkt in Berlin: 24 Prozent der Befragten bleiben bei Krankheit nicht zu Hause

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Foto: Frank Sorge/ imago images

Beim Verhalten der Menschen lässt sich aus der COSMO-Studie ein leichter Trend herauslesen: Bis auf das Tragen von Atemschutzmasken werden alle anderen Empfehlungen der Virologen von Woche zu Woche weniger streng befolgt. Zwar geben noch immer mehr als drei Viertel der Befragten an, sich an Abstandsregeln und Hygienevorschriften zu halten. Erklärten allerdings Ende März noch 89 Prozent der Studienteilnehmer, öffentliche Orte zu meiden, sind es in dieser Woche nur noch 78 Prozent. Beim 20-sekündigen Händewaschen sank der Wert von 95 auf 87 Prozent.

Psychologin sieht Aufklärungsbedarf

"Das ist im Einzelnen immer nicht viel, aber zusammengenommen mehren sich die Ausnahmen", sagte Betsch. Es sei jetzt besonders wichtig, die Menschen darüber aufzuklären, welche Folgen es haben kann, sich selbst Ausnahmen zu genehmigen: "Was passiert, wenn nicht nur ich mich mit einem Freund treffe, sondern auch andere? Was heißt das dann in der Summe?" Die epidemiologischen Auswirkungen seien vielen nicht klar und müssten besser kommuniziert werden.

Besonders folgenreich könnte die Einstellung der Befragten beim Thema Quarantäne sein: Obwohl 92 Prozent nach eigener Aussage wissen, dass man mit Krankheitssymptomen zu Hause bleiben sollte, tun dies nur 76 Prozent.

Das Tragen von Schutzmasken nimmt derweil deutlich zu und wird von einer Mehrheit als wichtige Maßnahme akzeptiert. In dieser Woche erklärten 34 Prozent, häufig oder immer eine Maske zu tragen, in der vergangenen Woche waren es noch 21 Prozent. Mittlerweile haben alle Bundesländer eine Mund-Nasen-Schutz-Pflicht beschlossen, der Wert dürfte daher weiter steigen. Aufklärungsbedarf sehen Betsch und ihre Kollegen allerdings bei den Nachteilen einer bestimmten Maskenart: Einem Großteil der Befragten sei nicht klar gewesen, dass professionelle Schutzmasken mit einem Ventil nur den Träger, aber nicht die Mitmenschen schützen.