Christian Stöcker

Verhalten in der Coronakrise Das böse D-Wort

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Der Begriff "Denunziant" erlebt in Zeiten von Covid-19 eine Wiedergeburt. Ist Deutschland durchsetzt von meldewütigen Hobbypolizisten? Und trifft das Wort dann wirklich zu? Ein Klärungsversuch.
Foto: Simon Potter/ Cultura RF/ Getty Images

Ein im Normalfall selten gebrauchtes Wort erlebt in diesen viral dominierten Zeiten ein erstaunliches Comeback: der Begriff "Denunziant". In gefühlt fünfzig Prozent der Fälle wird er gleich ergänzt um das berühmte Zitat mit dem größten Schuft im ganzen Land, das August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben wird. Das passt: Fallersleben ist ja auch der Textautor des "Liedes der Deutschen". Einigkeit und Recht und Freiheit, Vaterland und Denunziant.

Beim Kurznachrichtendienst Twitter laufen in diesen Tagen Tweets gut, in denen konkrete Anekdoten über vermeintliches Denunziantentum weitergereicht werden. Der Journalist Jochen Bittner etwa landete versehentlich einen viralen Hit, als er berichtete, dass irgendjemand ihm die Polizei nach Hause geschickt hatte, weil an seinem Wohnsitz in Schleswig-Holstein das Auto seiner Freundin mit Berliner Kennzeichen vor der Tür stand.

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Assoziationen: Nazi, Blockwart, Fallersleben

In den Antworten auf den Tweet findet sich sehr oft das Wort "Denunziant", und außerdem tauchen weitere Beispiele für private Versuche der Rechtsdurchsetzung auf. Etwa das Foto eines aggressiven Zettels an der Heckscheibe, der die Autobesitzer drohend auffordert, "an Ihren gemeldeten Wohnsitz" zurückzukehren: "Sie sind hier unerwünscht!". Anderswo wird berichtet, dass ein "Rentner" auf offener Straße die Polizei gerufen habe, weil eine Frau mit ihren beiden Töchtern unterwegs war und er die familiäre Beziehung nicht glauben wollte. Vorher habe er die drei lautstark abgezählt: "Eins, zwei, drei!"

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Sucht man bei Twitter nach dem Revival-Begriff "Denunziant", findet man noch mehr derartige Einzelfallgeschichten. Die Reaktionen sind meist ähnlich: Nazi-Assoziationen, der Begriff "Blockwart" taucht häufig auf, das Fallersleben-Zitat. Dass es einen Unterschied gibt zwischen Denunziantentum, wie man es aus der Nazizeit oder der DDR kennt, und dem möglicherweise ja durchaus kritikwürdigen Verhalten von Leuten in einer freiheitlichen Demokratie, fällt dabei oft unter den Tisch.

Anderswo gilt die Solidarität eher den Meldenden. Beide Seiten, die Fans des Autoritären und seine Kritiker, entdecken in den Geschichten Evidenz für ihre jeweilige Vorstellung von dem, was falsch läuft in Deutschland.

Abstandsregel am Gipfelkreuz

Wie repräsentativ all diese Berichte sind, bleibt unklar, aber um einige wenige Einzelfälle scheint es sich nicht zu handeln: So berichtete die Münchner Polizei diese Woche von 171 Hinweisen , von denen 138 auch tatsächlich zu Anzeigen geführt hätten, alle aufgrund von Verstößen gegen die Abstands- und Ausgangsregeln. Die Berliner Polizei dagegen wies via Twitter kurz nach Einführung der neuen Regeln noch darauf hin, dass eine noch geöffnete Kneipe kein Grund sei, den Notruf zu wählen.

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Meine aktuelle polizeiliche Lieblingsinformation betrifft den Gipfel des Riedberger Horns in den Allgäuer Alpen. Dort hätten sich, so berichtet es der Bayerische Rundfunk, Bergwanderer "dicht gedrängt am Gipfelkreuz aufgehalten und dadurch gegen die festgelegte Abstandsregel von eineinhalb Metern verstoßen". Man fragt sich, wer da die Polizei rief und wie sie schnell genug am Ort des Regelverstoßes eintreffen konnte.

Tief sitzendes Vorurteil der Deutschen sich selbst gegenüber

All das scheint ein tief sitzendes Vorurteil der Deutschen sich selbst gegenüber zu bestätigen: Im Zweifel ist ein Teil der Bevölkerung gern bereit, sich zum verlängerten Arm der Staatsmacht zu machen. Und jetzt, in diesen Zeiten, wo die Dinge so klar zu sein scheinen wie lange nicht mehr, ist die Verlockung, sich so zu verhalten, offenbar besonders groß.

Tatsächlich ist es sehr wichtig, dass die Abstandsregeln eingehalten werden, immerhin geht es ja wirklich um Menschenleben. Bei manchen der beschriebenen Fälle hat man aber doch eher das Gefühl, dass da jemand einfach mal ein bisschen Macht ausüben will.

Gibt es den "autoritären Charakter"?

In der Soziologie und der Sozialpsychologie läuft die Debatte darüber, ob es einen bestimmten, für derartiges Verhalten besonders anfälligen Menschentyp gibt, schon seit den Dreißigerjahren. Erich Fromm erfand damals den "autoritären Charakter", basierend auf dem freudschen Menschenbild. 1950 erschien in den USA eine bis heute so berühmte wie umstrittene Studie von Theodor W. Adorno und drei Kollegen namens "The Authoritarian Personality", in der auch wieder psychoanalytische Konzepte eine zentrale Rolle spielten.

Sie ist deshalb unter empirisch arbeitenden Psychologen nicht sehr populär. Heftig wurde damals auch darüber gestritten, ob die autoritäre Persönlichkeit nun etwas spezifisch Konservatives sei, oder ob man nicht etwa in den stalinistischen Gesellschaften des Ostblocks ähnliche Muster unter ganz anderen politischen Vorzeichen finden könne.

2003 flammte diese Debatte in den USA heftig wieder auf, als vier Sozialpsychologen eine große Metaanalyse zum Thema Autoritarismus veröffentlichten  und Konservativ-Sein unter anderem mit Ängstlichkeit, Engstirnigkeit, Aggression und Pessimismus in Verbindung brachten. Republikanische Politiker fühlten sich durch die auf einem gewaltigen Datenberg basierenden Schlussfolgerungen zutiefst beleidigt. Unpolitisch war die Debatte über die autoritäre Persönlichkeit nie.

Die Bereitschaft, Abweichler zu bestrafen

Gemeinsam haben all die unterschiedlichen Blickwinkel aus unterschiedlichen Forschungstraditionen eines: Sie bringen die autoritäre Persönlichkeit mit einem bestimmten, meist ähnlichen Katalog von Eigenschaften und Verhaltensweisen in Verbindung. Zwei Aspekte tauchen fast überall auf: Die Sehnsucht nach einer autoritären Führung und die Bereitschaft, Menschen, die von der Norm abweichen oder sich den von der Führung verfügten Regeln widersetzen, zu bestrafen.

Viel spricht dafür, dass solche Tendenzen in Zeiten erhöhter Unsicherheit verstärkt zutage treten - das postuliert zum Beispiel die US-amerikanische Verhaltsensökonomin Karen Stenner, die seit vielen Jahren an diesem Thema arbeitet . Die persönliche Prädisposition für diese Art von Verhalten sei zwar relativ stabil, aber tatsächlich nach außen getragene Intoleranz sei wahrscheinlicher, wenn "bedrohliche Bedingungen" wahrgenommen würden.

Das scheint gut zu den Anekdoten über übereifrige Nachbarschaftswächter zu passen: Die Welt fühlt sich unsicherer an als sonst in diesen Tagen. Gleichzeitig tauchen da für die Fans des Autoritären sogar ganz attraktive Züge staatlichen Handelns wieder auf: Zwangsmaßnahmen, polizeiliche Kontrollen, unmittelbare Sanktionen gegen abweichendes Verhalten.

Gleichzeitig aber, und das lässt doch hoffen, scheint ein ganz anderer Trend zu überwiegen: Hilfsbereitschaft, das freundliche Angebot, für die älteren Nachbarn miteinzukaufen, bereitwilliges Abstandhalten im Supermarkt oder im Park, Fremde, die sich plötzlich auf der Straße grüßen. Das hier ist ein schönes Beispiel .

Die Bundesrepublik ist nicht das "Dritte Reich" und nicht die DDR, kein totalitärer Zwangsstaat, kein Paradies für die Freunde des Autoritären. Auch auf den Begriff "Denunziant" sollte man deshalb vielleicht lieber verzichten.