Coronakrise und Luftfahrt Was der leere Himmel über die Wirtschaft verrät

Wegen Corona sind nur noch wenige Jets unterwegs. Forscher haben untersucht, wie sich Flugdaten als Indikator für die Wirtschaftsforschung nutzen lassen. Allerdings ist die Luftfahrt viel stärker betroffen als andere Branchen.
Geparkte Boeing 737 Max in Seattle (Archivbild): Diese Jets wären wegen des Flugverbots wohl auch so am Boden

Geparkte Boeing 737 Max in Seattle (Archivbild): Diese Jets wären wegen des Flugverbots wohl auch so am Boden

Foto: Lindsey Wasson/ REUTERS

Es ist noch nicht lange her, da hatte sich Tobias Preis etwas vorgenommen. Sein Plan: In Zukunft weniger fliegen, wegen des Klimas, seine Frau hatte ihn ermahnt. "Das war mein Vorsatz für das Jahr 2020", sagt der aus Deutschland stammende Experte für Verhaltenswissenschaften und Finanzen, der an der University of Warwick und am Alan Turing Institute in London forscht. Also sei er zuletzt viel mit dem Zug unterwegs gewesen.

Doch inzwischen, so sagt es Preis, komme es auch dazu nicht mehr. Wegen der Coronakrise bleibe er zu Hause.

Fliegen könnte der Wissenschaftler de facto auch gar nicht mehr. Wegen der Pandemie sind kaum noch Passagierjets unterwegs. Nach den Statistiken der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt (Eurocontrol) ist der Flugverkehr in ihren 41 Mitgliedstaaten im vergangenen Monat um rund 90 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Während es etwa am 18. April 2019 knapp 31.700 Flüge über Europa gab, waren es am gleichen Tag dieses Jahres noch nicht einmal 2300.

Zusammen mit zwei Kollegen hat sich Preis die Flugstatistiken aus der Zeit angesehen, als am Himmel noch alles in Ordnung schien. Die internationale Luftfahrt eilte von Wachstumsziel zu Wachstumsziel. Allein Klimaschützer zeigten sich genervt und wiesen auf den besonders schädlichen Einfluss der Jetabgase hin, die hoch in der Atmosphäre ausgestoßen werden. Zumal die Branche von den internationalen Abkommen zum Klimaschutz nicht erfasst wird.

Die Wirtschaftsforscher analysierten die Daten von 67 Millionen Flügen zwischen Juli 2016 und Dezember 2018. Ihr Ziel: Sie wollten die Flugbewegungen als Echtzeitindikator dafür nutzen, wie es der Luftverkehrsbranche geht und damit die Wirtschaftsprognosen verbessern. Im Fachmagazin "Scientific Reports"  berichten sie nun, dass ihnen das aus ihrer Sicht gelungen ist.

Geparkte Jets in München: "Man fährt dann nicht auf Sicht, man fährt mit Daten aus der Vergangenheit"

Geparkte Jets in München: "Man fährt dann nicht auf Sicht, man fährt mit Daten aus der Vergangenheit"

Foto: Michaela Handrek-Rehle/ Bloomberg/ Getty Images

Das Team hatte sich spezifisch Großbritannien und die USA angesehen. Dort macht der Luftfahrtsektor den Angaben der Forschenden zufolge mehr als drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus. In Deutschland, zum Vergleich, liegt der Wert bei unter einem Prozent. "Die Wirtschaftsdaten aus dem Luftfahrtsektor werden normalerweise mit einer Verzögerung von bis zu drei Monaten veröffentlicht", sagt Preis. Gerade in Krisenzeiten sei das ein Problem, zum Beispiel für die Politik: "Man fährt dann nicht auf Sicht, man fährt mit Daten aus der Vergangenheit." Wenn es aber zum Beispiel in der Coronakrise um die Frage von staatlichen Hilfen für die Luftfahrtbranche geht, sind aktuelle Informationen als Entscheidungsgrundlage unerlässlich.

Mithilfe des Flugsicherheitssystems ADS-B, so die Forscher, könnten Entscheidungsträger aber viel frischere Daten erhalten. Die Technik funktioniert so: Ein Sender im Flugzeug strahlt kontinuierlich Informationen wie Position, Flugnummer, Flugzeugtyp und anderes ab. Empfangen werden die Signale durch Stationen am Boden und Satelliten. Flugkontrolleure wissen dadurch viel besser Bescheid, auch Apps wie Flightradar24 nutzen die Informationen. Alle kommerziellen Flugzeuge in Europa und den USA müssen das System mittlerweile nutzen.

Die Forschenden arbeiten mit diesen Daten und rekonstruierten aus 25 Milliarden einzelner Positionsmeldungen die jeweiligen Flugrouten. Die Veränderungen über die Zeit setzten sie mit den gemeldeten Wirtschaftsdaten der Luftfahrtbranche in Bezug. Dabei konnten sie zeigen, dass die Flugdaten tatsächlich sehr gut abbilden, wie es der Branche gerade geht. Schnell verfügbare Informationen über den Standort von Flugzeugen könnten besonders hilfreich sein, um die Konjukturschätzungen während Wirtschaftskrisen zu verbessern, so Preis. "Die Krise, die wir derzeit bekämpfen, hat unterstrichen, wie entscheidend schnelle Indikatoren für eine gute Entscheidungsfindung sind."

Die Branche ist besonders gebeutelt

Das sieht auch Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft im Grundsatz so, der nicht an der Studie beteiligt war. Vom SPIEGEL um eine Einschätzung gebeten, lobt er die Arbeit als "einen interessanten Beitrag zur derzeit viel beachteten Literatur über die Verwendung neuer technischer Möglichkeiten zur Echtzeiterfassung ökonomischer Aktivität in der Konjunkturprognose".

Tatsächlich suchen Wirtschaftsforscher gerade in vielen Bereichen nach Daten, mit denen sie den Puls der Wirtschaft fühlen können. Ein sinkender Stromverbrauch in Fabriken zum Beispiel kann zeitnahe Hinweise auf einen Konjunktureinbruch liefern. Auch die Mautdaten in Deutschland zeigen schnell, wenn sich der Lkw-Verkehr abschwächt, was ebenfalls ein Krisensignal wäre.

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Schwierig ist allerdings, dass der jeweilige Echtzeitindikator nur einen winzigen Bruchteil des gesamten Wirtschaftslebens betrachtet. Und das sei auch das Problem bei der aktuellen Luftfahrtstudie, sagt Boysen-Hogrefe: "Zur Einschätzung der aktuellen Krisenfolgen für die Konjunktur ist der Nutzen der empirischen Studie begrenzt." Schließlich werde nur ein einzelner Wirtschaftssektor betrachtet. Und der, so der Forscher, sei gerade auch noch "überproportional und in einem historisch nicht vergleichbarem Ausmaß von der Krise betroffen".

Was das bedeutet, zeigt sich bei einem Blick auf die Unternehmensmeldungen der vergangenen Tage und Wochen: Die Airlines haben einen Großteil ihrer Flotten stillgelegt. Besonders groß ist die Zahl der geparkten Modelle des Typs Airbus A320 und Boeing 737, die in großer Zahl bei Billigfliegern im Einsatz waren.

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Ein paar eigentlich für Passagiere gedachte Maschinen sind derzeit für den Frachttransport im Einsatz. Doch bei vielen Flugzeugen, zum Beispiel den riesigen A380-Jets, ist nicht klar, ob sie jemals wieder fliegen werden.

An diesen Flughäfen parken Europas Jets

Madrid Barajas

Spanien

172

Istanbul Grand

Türkei

158

Paris Charles de Gaulle

Frankreich

145

Amsterdam Schiphol

Niederlande

138

Wien

Österreich

132

München

Deutschland

113

London Gatwick

Großbritannien

112

Istanbul Sabiha Gökçen

Türkei

108

Frankfurt

Deutschland

97

Paris Orly

Frankreich

90

London Stansted

Großbritannien

87

Berlin Schönefeld

Deutschland

87

Istanbul Atatürk

Türkei

85

London Heathrow

Großbritannien

77

Düsseldorf

Deutschland

76

Quelle: Eurocontrul PRU, Stand: 04. Mai 2020

Der Branchenverband IATA geht davon aus , dass die Einnahmen der Fluggesellschaften in diesem Jahr um die Hälfte zurückgehen werden. Oder anders ausgedrückt: Die Airlines dürften der Schätzung zufolge beim Ticketverkauf 314 Milliarden Dollar weniger verdienen als im vergangenen Jahr. Und das ist eine Prognose, die womöglich trotzdem noch optimistisch ist.

Viele Fluggesellschaften wie Ryanair, British Airways, SAS oder Icelandair entlassen gerade Personal, Technikunternehmen wie Boeing, General Electric oder Rolls-Royce ebenso. Airbus sagt, man könne sich dazu noch nicht äußern. Die Firma kläre gerade, "wie die Situation 2020 und 2021 aussehen könnte", so Airbus-Chef Guillaume Faury im SPIEGEL-Interview .

Leerer Flughafen Berlin-Tegel (am 29. April 2020): Wann kommen die Passagiere zurück?

Leerer Flughafen Berlin-Tegel (am 29. April 2020): Wann kommen die Passagiere zurück?

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Der Sektor werde mehrere Jahre brauchen, um die Krise zu verdauen, warnen Branchenvertreter. Manch einem sind die Aussichten zu ungewiss: Starinvestor Warren Buffett hat jedenfalls gerade seine ganzen Beteiligungen an den vier größten US-Airlines komplett verkauft.

Frankreich knüpft Unterstützung an Bedingungen

Viele Fluggesellschaften verhandeln derzeit über staatliche Unterstützung. Bei der Rettung der Lufthansa durch den deutschen Staat soll es nach SPIEGEL-Informationen um Hilfen in Höhe von rund zehn Milliarden Euro  gehen. In Frankreich zeichnet sich in der Frage der Hilfen eine interessante Entwicklung ab: Dort soll Air France nur dann Geld von der Regierung bekommen, wenn sich die Fluglinie zu strengen Klimazielen verpflichtet. Dazu gehört der Verzicht auf viele Inlandsflüge und eine Senkung der Emissionen auf Lang- und Mittelstrecken bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent pro Passagier und Kilometer.

So würde die Fliegerei durch die Krise womöglich tatsächlich etwas grüner. Vielleicht aber auch nicht, weil klamme Fluggesellschaften die Anschaffung neuer, spritsparender Jets lange aufschieben könnten. Wirtschaftsforscher Preis sagt jedenfalls, er denke immer wieder einmal daran, wie es war, in einem Jet zu sitzen. Die Fliegerei fehle ihm mittlerweile doch ein bisschen.

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