Mehr als 4,7 Millionen Tote bisher Corona drückt Lebenserwartung ähnlich wie Zweiter Weltkrieg

Ein Datenvergleich aus 29 Ländern zeigt, dass die Lebenserwartung während der Pandemie deutlich gesunken ist. Am stärksten betroffen: die USA. Doch es gibt auch Ausnahmen.
Ein Mann mit einer Mund-Nasen-Maske steht vor einem Grab (Symbolbild)

Ein Mann mit einer Mund-Nasen-Maske steht vor einem Grab (Symbolbild)

Foto: Ute Grabowsky / photothek / IMAGO

Geschätzt mehr als 4,7 Millionen Menschen sind bisher laut einer Zählung der Johns Hopkins University  weltweit an Covid-19 gestorben. Wahrscheinlich sind es sogar noch viel mehr, davon gehen zumindest Datenspezialisten aus. So viele verfrüht verstorbene Menschen schlagen sich auch irgendwann in den Statistiken zur Lebenserwartung nieder.

Laut einer aktuellen Studie ist sie durch die Coronapandemie in vielen Ländern so stark gesunken wie seit dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa nicht mehr. In einigen Nationen seien die positiven Trends der vergangenen Jahre in kurzer Zeit aufgehoben worden, berichten Forscher des Leverhulme Centre for Demographic Science an der Universität Oxford im »International Journal of Epidemiology« . Bei Männern war der Rückgang demnach größer als bei Frauen.

Für die Studie untersuchten die Wissenschaftler Daten aus 29 Staaten, die meisten aus Europa, darunter Deutschland, sowie Chile und die USA. In 27 dieser Staaten sank demnach 2020 die Lebenserwartung, in 22 Ländern um mindestens ein halbes Jahr. »In westeuropäischen Ländern wie Spanien, England und Wales, Italien, Belgien wurde ein solcher Rückgang der Lebenserwartung in einem einzigen Jahr zum Zeitpunkt der Geburt zuletzt während des Zweiten Weltkriegs beobachtet«, sagte Co-Autor José Manuel Aburto.

Nur bei Männern und Frauen in Dänemark und Norwegen sowie Frauen in Finnland gab es keinen Rückgang der Lebenserwartung. Das liege möglicherweise daran, so die Forscher, dass diese Länder frühzeitig Maßnahmen ergriffen hätten und es dort starke Gesundheitssysteme gebe.

Am meisten sank die Lebenserwartung von Männern in den USA – um 2,2 Jahre im Vergleich zu 2019. Dort sei vor allem die gestiegene Sterblichkeit im erwerbsfähigen Alter unter 60 Jahren bemerkenswert, sagte Co-Autorin Ridhi Kashyap. In den meisten europäischen Ländern hingegen habe vor allem die Sterblichkeit bei über 60-Jährigen zugelegt. Bereits im Juni hatte eine Studie im »British Medical Journal« auf die drastisch gesunkene Lebenserwartung in den USA hingewiesen. Die Forscher führten das auch auf die Coronapandemie zurück, von der das Land stark betroffen war. Laut der Auswertung waren Schwarze und Latinos deutlich stärker betroffen. Deren prognostizierte Lebenszeit ging der Studie zufolge um 3,25 beziehungsweise 3,88 Jahre zurück.

Folgen halten möglicherweise länger an

Lebenserwartung nennt man das Alter, das ein Neugeborenes vermutlich erreicht, wenn die Todeszahlen sich weiter so entwickeln wie zum Zeitpunkt seiner Geburt. In Deutschland lag die Lebenserwartung im August 2021 nach Angaben des Statistischen Bundesamts für Jungen bei 78,6 Jahren und für Mädchen bei 83,4 Jahren. Bekannt war bereits, dass 2020 die Sterblichkeit im Vergleich zu 2019 insbesondere bei über 75-jährigen Männern und Frauen anstieg. Wie sich die Lage nach dem Ende der Pandemie entwickeln wird, und wie lange es dauern könnte, bis die Lebenserwartung wieder steigt, hat die Studie nicht untersucht.

Allerdings schreiben die Forscher, dass die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesundheit der Bevölkerung möglicherweise länger anhalten. Das liege an schwer vorhersehbaren Faktoren wie Long Covid und den Folgen einer verzögerten Behandlung anderer Krankheiten. Aber auch die zunehmenden Ungleichheiten, die sich aus der sozialen und wirtschaftlichen Zerrüttung durch die Pandemie ergeben, deuten darauf hin.

joe/dpa
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