Jörg Römer

Corona-Pandemie Warum wir widersprüchliche Maßnahmen aushalten müssen

Jörg Römer
Ein Kommentar von Jörg Römer
Die Regeln gegen die Corona-Pandemie sind teils ungerecht und erregen die Gemüter. Aber statt sich darüber zu beschweren, sollten wir woanders ansetzen: bei uns selbst.
Am Wochenende kontrollierten Polizisten in der Bergmannstraße in Berlin die Einhaltung der Maskenpflicht

Am Wochenende kontrollierten Polizisten in der Bergmannstraße in Berlin die Einhaltung der Maskenpflicht

Foto: Michele Tantussi / Getty Images

Es ist zum Verrücktwerden. Ständig müssen die Deutschen sich mit neuen Regeln vertraut machen, die die ganz große Corona-Katastrophe noch verhindern sollen. Angesichts steigender Fallzahlen, die zunehmend auch wieder die Krankenhäuser beschäftigen, wurschteln sich die Landesregierungen jeweils durch den Katalog der Maßnahmen und picken sich die heraus, die sie für geeignet halten. Die daraus resultierenden Unterschiede führen allseits zu Verunsicherung bei den Bürgerinnen und Bürgern. In Echtzeit forschende und sich teils zankende Virologen, die das wissenschaftliche Fundament für die Maßnahmen konstruieren sollen, während Politiker oben gewissermaßen schon am Dach bauen, tragen zur Verwirrung bei.   

Der persönliche Verhaltenskodex, der sich daraus für uns alle ergibt, steckt voller Widersprüche. Manche Regeln erscheinen im Vergleich mit anderen schrecklich unlogisch. In Hamburg dürfen derzeit beispielsweise noch Vereine in den Sporthallen trainieren. Bis zu zehn Mannschaftssportler schwitzen im gemeinsamen Aerosol-Nebel. Will das Team nach dem Training bei angemessenem Abstand im Freien den Abend ausklingen lassen, bekommt es ein Problem. Zwar dürfen sich Gruppen mit maximal zehn Personen noch unter freiem Himmel in der Hansestadt treffen. Aber nur dann, wenn sie aus nur zwei Haushalten kommen. Es ist im Breitensport eher unüblich, mit den Mannschaftskameraden und -kameradinnen unter einem Dach zu leben. Beim Keuchen in der Sporthalle dringen die Viren im schlimmsten Fall tief in die Lunge ein, beim wenig schweißtreibenden Beisammensein im Freien könnte man sich hingegen sogar zusätzlich mit einer Maske schützen. Das eine zu erlauben, das andere zu verbieten, ist zwar Unsinn - aber eben geregelter Unsinn.

Nicht der einzige Widerspruch, der derzeit viele Bundesbürger und Bürgerinnen aufregt. Besonders emotional wird es beim Thema Masken in öffentlichen Bereichen - auch hier stößt die Stringenz manchmal an die Grenzen der Logik: In Elmshorn müssen die Menschen jetzt auch auf dem Wochenmarkt Masken tragen. Aber am Wochenende schlenderten Touristen und Einheimische bei schönstem Sonnenschein teils dicht gedrängt durch die Hinterhöfe von Berlin-Mitte. In anderen Straßen Berlins mussten dagegen auch im Freien Masken getragen werden.

Im Vergleich erscheint längst nicht alles gerecht, was zur Eindämmung des Virus beschlossen wurde. Kein Wunder, dass sich viele ärgern und über die Sinnhaftigkeit mancher Maßnahmen diskutieren.

Bei allem berechtigten Ärger gerät dabei aber in Vergessenheit, dass wir nach wie vor in einer nie da gewesenen Situation stecken. Dass deshalb nicht alles logisch und einheitlich zugeht beim Kampf gegen die Corona-Pandemie, ist eine Nebenwirkung des Föderalismus, gegen die es keine Medizin gibt.  

Einheitliche Regeln sind auch nicht die Lösung

Deutschland muss schnell handeln, wenn ein zweiter Lockdown noch verhindert werden soll. Eine Rückkehr zu dem Zustand, den wir im Frühjahr erlebt haben, ist nicht unwahrscheinlich, auch wenn das außer dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach kaum einer laut aussprechen mag. Diesmal wird der Lockdown viele Wirtschaftsbereiche härter treffen, prognostizieren Experten. Vor allem in der Gastronomie und der Kreativbranche ist der Schaden wohl nicht wieder gutzumachen. Wer jetzt Verantwortung trägt, steht unter hohem Druck. Dass bei dieser Dringlichkeit nicht alles glatt und perfekt laufen kann, liegt auf der Hand.

Und wären bundesweit einheitliche Regeln tatsächlich besser als regionale Ansätze? Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher hat sich mit Blick auf die Mitte der Woche anstehende Ministerpräsidentenkonferenz der Länder am Montag im ARD-Morgenmagazin für solche ausgesprochen. Aber selbst wenn es diese gäbe, würden Menschen von Maßnahmen betroffen sein, die sie als unverhältnismäßig empfinden - gerade wenn sie in Landstrichen leben, in denen Fallzahlen und 7-Tage-Inzidenz niedriger sind als in Hotspots. Was das bedeutet, hat man beispielsweise in Spanien beobachten können, wo die Regierung in Madrid kurzerhand auch für von der Pandemie wenig betroffene Landstriche einen Lockdown verhängte. Auch hier haben sich Menschen über die Beschlüsse geärgert.

Gesunden Menschenverstand bemühen

Deshalb werden wir die Widersprüchlichkeit der Maßnahmen wohl vorerst aushalten müssen. Viel hilfreicher, als sich darüber zu erregen, dass Menschen in Bundesland A dieses noch dürfen und in Bundesland B jenes, wäre es, das eigene Verhalten zu reflektieren. Im Grunde bräuchte es in manchen Bereichen des privaten Lebens kaum Regelungen, wenn man nur den gesunden Menschenverstand bemühte.

Doch diese Erkenntnis ist nicht bei jedem angekommen. Immer wieder schlagen manche über die Stränge. Illegale Partys halten die Polizei auf Trab. Am Wochenende haben Beamte in Berlin eine Fetischparty aufgelöst, bei der 600 Leute anwesend waren - immerhin eine Szene, in der gern Masken getragen werden.

Die Maßnahmen, die wir alle ergreifen können, sind bekannt und haben sich seit dem Frühjahr kaum verändert: Hände waschen, Abstand halten und Maske auf. So kurz, so einfach. Besinnt man sich darauf, ist schon viel erreicht. Das gilt auch für den Autor dieser Zeilen, der am Samstag ebenfalls durch Berlin-Mitte lief und sich fragte, wo er da eigentlich reingeraten war und wie lange er wohl die Luft anhalten kann. Es war einfach eine dumme Idee, dort unterwegs zu sein, wo neben voll besetzten Restauranttischen gerade mal ein Meter Platz zum Passieren ist. Wird nicht wieder vorkommen.

Update: Der Berliner Veranstalter der Party hat inzwischen zurückgewiesen, dass es sich um eine Fetischparty gehandelt hätte. Vielmehr seien die Teilnehmer der LGBTIQ-Community zuzuordnen. LGBTIQ steht für Lesbian, Gay, Bisexual,Transgender, intersexuelle sowie queere Personen.

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