Coronamutationen Das Virus nutzt die Schwachen aus

Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind offenbar perfekte Wirte für das Coronavirus – und begünstigen dessen Mutation. Muss die Impfpriorisierung für sie geändert werden?
Eine Frau wartet in einem Impfzentrum in Brandenburg

Eine Frau wartet in einem Impfzentrum in Brandenburg

Foto: Patrick Pleul / dpa

Die Mutationen des Coronavirus stellen Deutschland vor eine große Aufgabe, denn mit ihrer Ausbreitung hat der Kampf gegen Sars-CoV-2 eine neue Stufe erreicht. Wenn Infektionen mit der Variante B.1.1.7 derzeit ständig zunehmen und andere Varianten verdrängen, dann folgt das Virus damit gewissermaßen dem Gesetz der Natur.

Es nutzt seinen Vorteil, den es gegenüber den schwächeren Varianten hat. B.1.1.7 ist nicht nur ansteckender als der sogenannte Wildtyp des Coronavirus – nach Angaben des Robert Koch-Instituts finden sich Spuren dieser Variante in rund 46 Prozent aller untersuchten Patientenproben. Es führt entgegen ersten Untersuchungen wohl auch zu schwereren Verläufen und mehr Todesfällen.

Was Forscher bei B.1.1.7 überrascht, ist nicht die Veränderung des Viruserbguts an sich. Ungewöhnlich scheint das Tempo der Veränderungen, Coronaviren mutieren im Vergleich zu anderen Viren eher langsam. Die britische Variante weist fast zwei Dutzend Veränderung zu der Form aus, die erstmals in China identifiziert wurde. 17 davon hätten sich auf das Spike-Protein ausgewirkt, mit dem das Virus an die menschlichen Zellen andockt, berichtete das Genomics UK Consortium aus Großbritannien kürzlich. Wie ist das möglich?

Die wahrscheinlichste Erklärung liegt darin, dass sich das Virus irgendwann im Körper einer Person einnisten konnte, die über ein schwaches Immunsystem verfügte. Die Viren haben dort mehr Zeit sich zu verändern, als bei Menschen, die aufgrund eines intakten Immunsystems die Infektion schneller überstehen. Bleiben mehr Viruspartikel übrig, steigt die Zahl der Mutanten. Manchmal verlaufen Virusinfektionen dann chronisch. Das konnten Forscher auch bei Covid-19 zeigen. Und durch die weniger effiziente Immunantwort steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Mutanten überragen werden.

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Ein Team um Ravindra Gupta von der University of Cambridge hatte beispielsweise einen 70-jährigen Mann behandelt, der an Krebs litt und bei dem die Infektion nach Ansicht der Forscher chronisch verlief. Infolge der Schwächung durch die Erkrankung und die Behandlung war sein Immunsystem nicht in der Lage, gegen das Virus erfolgreich anzukämpfen. Er starb nach über 100 Tagen Covid-19. Vor seinem Tod hatten die Mediziner das Virusgenom mehrfach sequenziert, um es auf genetische Veränderungen zu untersuchen. Wie sie in der Fachzeitschrift »Nature«  berichten, habe sich das Virus in dieser Krankheitsperiode von 100 Tagen mehrmals verändert. Einige Mutanten, die entstanden waren, dominierten am Ende das Infektionsgeschehen im Körper des Mannes, darunter war auch eine, die sich auf das Spike-Protein auswirkte.

Auch Roman Wölfel, der Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München, hat sich mit solchen Mutationen beschäftigt. Er untersuchte Proben von immunsupprimierten Personen mit einer Corona-Infektion. Weil sich bei diesen Lymphdrüsenkrebs-Patienten mit einem B-Zell-Lymphom durch die Behandlung auch gesunde Immunzellen verminderten, konnte sich bei ihnen Sars-CoV-2 deutlich stärker und länger vermehren als bei immungesunden Menschen.

Dabei fand Wölfels Team mehr genetische Veränderungen in den Viren als bei Sars-CoV-2-Infektion von Immungesunden. »Das Virus hat eine besonders gute Gelegenheit, auf Behandlungsversuche durch die Entwicklung von Virusmutationen zu reagieren«, schrieb der Mediziner dem SPIEGEL. Es sei daher sehr plausibel, dass eine langandauernde Infektion bei immunsupprimierten Patienten häufiger zu sogenannten Immune-Escape-Mutationen führen können.

Dabei handelt es sich um Fluchtmutationen , mit ihnen entkommt das Virus den Angriffen des menschlichen Immunsystems. Eine kleine Studie bei Leukämiepatienten  hatte ebenfalls gezeigt, wie das Virus so monatelang im Körper wüten kann.

Wird eine dieser Mutationen durch Übertragung an einen anderen Organismus weitergegeben, kann sie sich schnell vermehren und sich in der Bevölkerung ausbreiten. Wenn die Mutation dann entdeckt wird, kommt sie wie aus dem Nichts. Menschen, die ein schwaches Immunsystem haben, müssen also aus zwei Gründen dringend geschützt und schnell geimpft werden. Denn neben der Gefahr von schweren Verläufen könnte ihre schwache Abwehr mehr Mutanten übrig lassen.

Unklar ist aber, wer besonders gefährdet ist, im Infektionsfall schneller Mutationen hervorzubringen, der Begriff immunschwach ist weit gefasst. Neben Menschen, die beispielsweise an Krankheiten wie Krebs oder Diabetes leiden, könnten auch solche betroffen sein, die Immunsuppressiva nehmen. Diese Medikamente, die die Funktionen des Immunsystems verringern, werden bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen verabreicht. Beispielsweise bei Autoimmunkrankheiten wie der Multiplen Sklerose oder auch bei schwerem Asthma und nach Organtransplantationen, um die Abstoßreaktion des Körpers auf fremdes Gewebe zu unterdrücken.

Keine Folgen für die Impfpriorisierungen

Aber laut Roman Wölfel sei das Risiko bei Lymphdrüsenkrebs-Patienten besonders hoch. »Glücklicherweise ist die Situation von Patienten mit einem B-Zell-Lymphom nicht allgemeingültig für alle Patienten mit einer Immunsuppression«. Eine Verminderung der körpereigenen Abwehr kann bei einer Vielzahl von Krankheiten auftreten und ist nicht immer mit einem so ausgeprägten Problem bei der Bekämpfung einer Sars-CoV-2 Infektion verbunden, fügt er hinzu.

Die Impfpriorisierungen aufgrund der begrenzten Ressourcen muss also nicht unbedingt verändert werden. Aber dennoch ist die weitere Forschung zu dem Thema besonders für Menschen mit einer schwachen Körperabwehr wichtig. Denn möglicherweise helfen sie manchem dabei, eine Entscheidung zugunsten einer Impfung zu fällen und sich aktiv darum zu bemühen. Wenn es gelingt, solche Menschen zu schützen, könnte wohl auch das Risiko für die Verbreitung von Mutationen sinken. Aber die Entscheidung für eine Impfung bleibt eine persönliche.