Corona und der Klimaschutz Lockdown für die Kohle

Großbritannien ist seit zwei Monaten kohlefrei - das erste Mal seit rund 200 Jahren. Durch Corona nimmt die Bedeutung der Energieform weltweit ab, auch hierzulande.
Das Eggborough Power Station im englischen Yorkshire musste bereits 2018 schließen: Bis 2024 folgen alle anderen britischen Kohlemeiler

Das Eggborough Power Station im englischen Yorkshire musste bereits 2018 schließen: Bis 2024 folgen alle anderen britischen Kohlemeiler

Foto: Scott Masterton/ Westend61/ imago images

Vor 138 Jahren ging  in London das erste Kohlekraftwerk der Welt ans Netz, das Strom für die öffentliche Nutzung erzeugte. Entworfen und gebaut vom berühmten Ingenieur Thomas Edison, der auch die Glühbirne erfand.

Am heutigen Mittwoch hingegen feiert man nicht die Kohle, sondern ihren Abschied: Erstmals kam Großbritannien seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert zwei Monate hintereinander ohne Strom aus Kohlekraftwerken aus, so der britische Übertragungsnetzbetreiber National Grid.

Vor zehn Jahren trugen Kohlekraftwerke noch bis zu 40 Prozent zur Energieversorgung Großbritanniens bei, wie aus älteren Statistiken hervorgeht . Den ersten Tag ohne Kohle gab es im Jahr 2017. Das Land will seine verbleibenden Kohlekraftwerke bis 2024 schließen , um sein Netto-Null-Emissionsziel bis 2050 zu erreichen.

Der Rekord ist teilweise auf die Coronakrise zurückzuführen, da die Nachfrage nach Strom um durchschnittlich 15 bis 20 Prozent einbrach - aber die Kohlekrise hat auch andere Gründe. "In ganz Zentraleuropa wird die Kohle derzeit vom Markt gedrängt", erklärt Frank Peter, stellvertretender Direktor des Thinktanks Agora Energiewende. "Wir haben es hier mit einer sehr ungünstigen Marktlage für die Kohle zu tun, die durch Corona begünstigt wird, aber schon lange vor der Pandemie begonnen hat." In Großbritannien, aber auch in anderen Ländern hätten die guten Wetterlagen - viel Wind und sonnige Tage - die Produktion von erneuerbarem Strom begünstigt. Gleichzeitig hätte es den ganzen Winter über billiges Erdgas gegeben.

"Da fällt die Kohle mit ihren viel höheren Grenzkosten ganz schnell raus", meint Peter. Grund dafür sei das sogenannte Merit-Order-Verfahren. Demnach haben Kraftwerke mit hohen Kosten das Nachsehen und rutschen in der Rangfolge an der Strombörse nach hinten. Die Kohle müsse mittlerweile mit einem höheren CO2-Preis im Emissionshandel kalkulieren, hinzu kommt der teure Einkauf von Steinkohle oder die hohen Betriebskosten der Tagebaue zur Förderung der Braunkohle.

Globale Kohlekrise und der Siegeszug der Erneuerbaren

Laut dem Klimathinktank Climate Action Tracker  übersteigen selbst in Ländern mit einem enormen Energiebedarf wie China und Indien die Investitionen in Solarenergie und Windkraft den Bau neuer Kohlekraftwerke. Dennoch ist der Zubau mit CO2-intensiver Kohle in diesen Ländern extrem hoch: Im vergangenen Jahr waren in Indien Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 200 Gigawatt am Netz, in den kommenden Jahren könnten es mehr als 300 sein. Deutschland hat dagegen bei mehr als 100 Kraftwerken nur rund 38 Gigawatt.

"China baut zwar noch neue Kohlekraftwerke zu - aber nur um alte, besonders dreckige Meiler schneller vom Netz zu nehmen", beobachtet Energieexperte Peter.

Das Vorgehen ähnelt der Argumentation für die Inbetriebnahme des deutschen Kohlemeilers Datteln 4 vor zwei Wochen: Statt alte Dreckschleudern aus dem 20. Jahrhundert weiterlaufen zu lassen, sollten demnach lieber neue Kohlekraftwerke mit besseren Filtern und weniger CO2-Emissionen ans Netz gehen. Diese Rechnung geht allerdings weder klimapolitisch noch aus wirtschaftlicher Sicht auf, wie die aktuellen Entwicklungen zeigen.

Auch in Deutschland ging der Anteil des Kohlestroms seit Anfang des Jahres zurück. Die durch konventionelle Energieträger erzeugte Strommenge sank von Januar bis März deutlich um fast 22 Prozent. Aus Kohle wurde über 30 Prozent weniger Strom produziert, sie hatte insgesamt noch einen Anteil von rund 22 Prozent.

Zum ersten Mal ist damit auch in Deutschland in einem Quartal insgesamt mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt worden als aus den konventionellen Energieträgern Kohle, aber auch aus Gas und Atomkraft. In den ersten drei Monaten steig der Ökostromanteil über 50 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt  laut vorläufigen Ergebnissen mit. Die Werte seien auch weiterhin unverändert hoch, so Frank Peter von Agora Energiewende.

"Wir werden in Deutschland bei der Erzeugung bereits in diesem Jahr fast die Ziele der Kohlekommission für das Jahr 2030 schaffen, so stark ist die Kohle bedingt durch den Markt und die Coronakrise eingebrochen", so Frank Peter.

Vergoldeter Kohleausstieg?

Diese massiven Veränderungen am Strommarkt und der Wertverfall der Kohle könnten auch bei den Entschädigungen eine Rolle spielen, die derzeit beim Kohleausstiegsgesetz verhandelt werden. Aus Expertenkreisen heißt es bereits jetzt, dass beispielsweise in der Lausitz niemand mehr damit rechne, dass die Braunkohle in der Region wirtschaftlich noch bis 2038 - also bis zum endgültigen Kohleausstieg - durchhalte.

Das deutsche Kohleausstiegsgesetz soll noch bis zur Sommerpause im Bundestag verabschiedet werden. Es sieht einen konkreten Fahrplan für das vorzeitige Abschalten von Kohlekraftwerken vor. Mit dem Ausstiegsgesetz will die Regierung mit den Betreibern von Braunkohlekraftwerken, darunter die Lausitzer Leag und RWE, öffentlich-rechtliche Verträge abschließen. Darin einfließen sollen dann auch Entschädigungen in Höhe von 2,6 Milliarden Euro für das Rheinland und von 1,75 Milliarden Euro für die Lausitz.

Steinkohle-Betreiber sollen sich bis 2026 darauf bewerben können, Kraftwerke gegen eine Entschädigung abzuschalten. Danach soll per Ordnungsrecht festgelegt werden, wer wann ohne Entschädigung vom Netz geht - dies stößt auf breite Kritik von Betreibern, weil diese sich im Gegensatz zur Braunkohle benachteiligt fühlen.

In den kommenden Wochen verhandelt die Große Koalition darüber, wie sich die Entschädigungen für Stein- und Braunkohle genau berechnen. Spannend wird es angesichts der schlechten Marktlage für die Kohlekraftwerke - und ob das letztendlich in den Verträgen mit den Betreibern berücksichtigt wird. Umweltorganisationen wie die Klima-Allianz fordern schon länger, die Entschädigungen zu überdenken.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.