Coronapolitik Warum die Inzidenz weiterhin wichtig ist

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs setzen weiter auf die Sieben-Tage-Inzidenz als Pandemie-Kennziffer. Dabei wurde diese Strategie häufig kritisiert – zu Unrecht.
Ausflügler fahren mit einem Boot auf der Spree in Berlin

Ausflügler fahren mit einem Boot auf der Spree in Berlin

Foto: SeanGallup / Getty Images

»Impfen, impfen, impfen – das ist das Gebot der Stunde.« Diese Worte von Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller nach der vergleichsweise kurzen Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) fassen den Kern der Beschlüsse ziemlich gut zusammen. Welche Strategie die digital versammelten Landesfürsten für die wichtigste hielten, um Deutschland sicher durch den zweite Pandemieherbst zu bringen, verdeutlichten auch die Worte von Kanzlerin Angela Merkel: Bereits immunisierte Bürgerinnen und Bürger sollten für das Impfen im Freundes- und Bekanntenkreis werben, so ihr dringender Appell.

Der große Wurf waren die Ergebnisse dieser Ministerpräsidentenkonferenz sicher nicht. Selbst Merkel, der MPK-Vorsitzende Müller und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wirkten bei der anschließenden Pressekonferenz teils verunsichert – und sprachen eher von einem Zwischenergebnis. Dabei steigen die Zahlen der Coronainfektionen in diesem Sommer deutlich früher wieder an als im Vorjahr.

Die Gruppe der Ungeimpften ist hierzulande immer noch groß – derzeit sind rund 55 Prozent der Deutschen zweifach geimpft, mehr als 60 Prozent einmal. Doch selbst bei diesen Impfquoten bestehen Unsicherheiten, wie das RKI am Mittwoch einräumte. Das Impftempo hat zuletzt stark nachgelassen, obwohl es mittlerweile für jeden ein Impfangebot gebe, wie Merkel betonte. Um Druck auf Ungeimpfte auszuüben, sollen laut den Beschlüssen der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten ab dem 11. Oktober Schnelltests in Testzentren kostenpflichtig werden. Ungeimpfte benötigen sie, um beispielsweise ein Schwimmbad besuchen oder im Restaurant sitzen zu dürfen.

Ausnahmen sind für Personen geplant, die nicht geimpft werden können und für die keine allgemeine Impfempfehlung vorliegt, beispielsweise Schwangere oder Kinder. Ein Schritt, der verschmerzbar ist, glaubt der Saarbrücker Pharmazieprofessor und Simulationsexperte Thorsten Lehr. »Diese Tests haben keinen großen Einfluss«, schreibt er dem SPIEGEL. Ähnlich sieht es der Virologe Marco Binder . Die Bürgertests taugten als Monitoring-Instrument der Pandemie nur bedingt. Zudem sei es aus seiner Sicht sinnvoller, etwa in Hausarztpraxen Patienten auf Sars-CoV-2 zu testen, die mit Symptomen von Atemwegserkrankungen den Arzt aufsuchen.

Ab Inzidenz von 35 kann es für Ungeimpfte ungemütlich werden

Angesichts der Delta-Variante könnten aber auch Geimpfte langfristig wieder mit der Notwendigkeit von Tests konfrontiert sein – ob sie dann kostenlos durchgeführt werden, ist bislang noch nicht bekannt. Denn auch sie sind nicht vollständig vor einer Ansteckung geschützt und können das Virus übertragen. Binder warnt zudem davor, dass sich Delta besonders rasant vermehrt und negative Testergebnisse dadurch schneller ihre Aussagekraft verlieren. Es werden also aktuellere und damit eher mehr Tests benötigt als bisher.

Fest steht: Wenn Ungeimpfte künftig zum Friseur gehen wollen, ins Fitnessstudio oder ins Restaurant, dann müssen sie nach den Beschlüssen spätestens ab einer Inzidenz von 35 in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt einen negativen Test vorlegen. Liegt der Wert darunter, können die Länder auf die Tests verzichten. In manchen wie beispielsweise in Hamburg gelten solche Regeln ohnehin schon – hier gibt es also nichts Neues. Aber bemerkenswert ist, dass die Politik sich hier einmal mehr an der Sieben-Tage-Inzidenz orientiert, jener Zahl, die angibt, wie viele Menschen sich pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen Woche neu mit dem Virus infiziert haben.

Denn zuletzt waren verstärkt andere Marker der Pandemie als Kennziffern diskutiert worden, allen voran die Daten zur Auslastung der Krankenhäuser. Das Gesundheitsministerium selbst hatte bereits im Juni verkündet , künftig neben der Inzidenz auch Hospitalisierungsdaten genauer in den Blick nehmen zu wollen. Das wolle man zwar künftig auch in den Bundesländern tun, hieß es am Dienstag aus Berlin. Aber entscheidend ist nach wie vor die Inzidenz. Haben sich die Verantwortlichen in diesem Fall verrannt?

Nicht unbedingt. Klar ist, dass durch die höheren Impfquoten in den älteren Altersgruppen aufgrund der Impfpriorisierung hohe Inzidenzwerte vor allem bei den Jüngeren auftreten, bei denen viele noch nicht geimpft sind. Derzeit liegt der bundesweite Wert bei über 25, er steigt kontinuierlich. In Berlin beispielsweise aber hat der Wert bei den 15 bis 25-Jährigen inzwischen rund hundert erreicht. In den Krankenhäusern verschiebt sich deshalb die Relevanz des Wertes. Verglichen mit dem alten Grenzwert von 50 könne das Gesundheitssystem nun rund eine 200er-Inzidenz aushalten. Kritisch wird es laut den Modellen des Mobilitätsforschers Kai Nagel  erst ab einem Wert von 400 bis 500.

Die Inzidenz bleibt das Frühwarnsystem

Dass die Inzidenz noch lange nicht ausgedient hat, zeigt auch eine Arbeit des Physikers Andreas Schuppert  von der RWTH Aachen sowie der Mediziner Christian Karagiannidis und Steffen Weber-Carstens, die das Divi-Intensivregister leiten. In einer mathematischen Modellierung für diesen Herbst haben sie festgestellt, dass die Sieben-Tage-Inzidenz auch in den kommenden Wochen geeignet ist, um die Belegung von Intensivbetten in den Kliniken einschätzen zu können. Die Menge der belegten Intensivbetten verlaufe proportional zur Inzidenz, heißt es in der im Fachmagazin »Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin« veröffentlichten Arbeit. Steigt die Inzidenz, hat das also Folgen für die Situation an den Krankenhäusern, ergaben die Szenarien, in die auch die Impfquoten mit einbezogen wurden.

Allerdings ist es so, wie es auch Angela Merkel am Dienstag sagte: »Die Inzidenz korreliert jetzt anders«, zum Beispiel mit Krankenhausaufenthalten. Der Faktor für das Verhältnis der beiden Kenngrößen liegt höher als in der Vergangenheit bei starkem Infektionsgeschehen. Je nach Impfquote erreicht er den zwei- bis sechsfachen Wert. Auch die Analyse der Forscher spricht von 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche, ab der eine bedrohliche Belastung für die Intensivstationen erwartet wird. Und die logische Konsequenz aus höheren Impfquoten und Delta ist, dass es diesmal vermehrt Jüngere treffen wird. Denn durch die Variante dürften auch ungeimpfte Menschen ab einem Alter von 35 schwere Verläufe durchmachen, wenn sie sich mit Sars-CoV-2 infizieren.

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Ob Merkel und Co. die Arbeit kannten, ist nicht bekannt. Aber letztlich klingen die Worte der Divi-Experten ähnlich wie die aus der Politik. Denn einen entscheidenden positiven Einfluss auf das ganze Geschehen hat die Impfquote, schreiben sie: Schon eine Steigerung der Geimpften um wenige Prozentpunkte und bei Menschen über 35 sei von großer Bedeutung und trage zur Entlastung der Krankenhäuser bei. Deshalb müsste dringend mehr getan werden, damit sich mehr Menschen impfen lassen.

Long Covid trifft auch jüngere Menschen

Auch Thorsten Lehr hält die Inzidenz weiterhin für ein wichtiges Instrument. »Sie reflektiert das Infektionsgeschehen immer noch sehr gut«, sagt er. Die Bettenbelegung in den Krankenhäusern werde weiter prozentual an die Menge der Fälle gekoppelt sein, wenn auch die Steigung durch die Impfung etwas flacher ist. Problematisch sei aber nach wie vor, dass die Infektionslage in den Krankenhäusern deutlich verzögert ankomme. »Dann ist es für eine Korrektur möglicherweise zu spät«, so Lehr. Dabei haben die Ministerpräsidenten einen erneuten einheitlichen Lockdown für Deutschland ausgeschlossen. Die Einschränkung der Grundrechte sei bei Geimpften gesetzlich nicht möglich, sagte Söder.

Grundsätzlich bestehen durch hohe Inzidenzen weitere Risiken, die teilweise schon jetzt auch bei Menschen eine Rolle spielen, die aufgrund ihres Alters nicht unbedingt einen schweren Verlauf mit einem Krankenhausaufenthalt befürchten müssen. Denn Long Covid, Verläufe, bei denen sich die Betroffenen nur sehr langsam erholen und auch Wochen später unter Symptomen leiden, trifft auch jüngere Menschen. Zudem bedeuten hohe Inzidenzen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Mutationen. Solche Risiken werden die Beschlüsse der Länderchefs nicht minimieren können. Lehr bemängelt darüber hinaus, dass es auch an Konzepten für die Schulen fehle. »Das Infektionsgeschehen im Herbst wird mal wieder auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen«, sagt er.

Auch in den Modellierungen der Forscher aus Saarbrücken zeigt sich, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen durch die Delta-Variante um etwa 80 Prozent gegenüber dem Wildtyp erhöht ist. Zwar werde sich der Wert möglicherweise noch leicht ändern, wenn mehr Daten vorhanden sind. Aber selbst gegenüber der Alpha-Variante, wo der Zuwachs bei rund 40 Prozent lag, ist der Anstieg drastisch. Und dabei haben die Forscher schon Faktoren wie Alter und die bisher erfolgten Impfungen einbezogen. Auch das spreche für eine weitere Verwendung der Inzidenzwerte.

Gute Prognosen für den Herbst sind ohnehin stets mit Unsicherheiten verbunden. Derzeit scheint niemand sagen zu können, wie sich die Lage entwickelt. Immer neue Varianten haben das Virus unkalkulierbar gemacht. Und gerade die Entwicklung der Impfquoten, bei der schon ein paar Prozent mehr oder weniger in den entsprechenden Altersgruppen einen Unterschied machen, sind ein schwer zu bestimmender Faktor, räumt Lehr ein. Eine weitere Schwierigkeit ist stets die Einschätzung des Verhaltens der Bevölkerung. Die AHA-plus-L-Regeln (Abstand, Händehygiene, Atemschutzmaske und regelmäßiges Lüften) gelten bis auf Weiteres und sollen alle vier Wochen überprüft werden. Auch die Frage des Wettereinflusses ist keineswegs geklärt. Dazu, wie sich der kühlere Herbst auf das Virus und die Delta-Variante auswirken wird, bestehen nur teils unterschiedliche Schätzungen: Lange gingen Forscher davon aus, dass das Wetter einen Einfluss von bis zu 20 Prozent auf die Ausbreitung des Virus hat. Zuletzt deuteten Studien darauf hin, dass der Wert höher liegen könnte.

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