Weniger Abstand und Händewaschen "Die Menschen werden sorgloser"

Viele nehmen die Corona-Regeln nicht mehr richtig ernst. Sozialpsychologe Rolf van Dick erklärt, warum es dazu kommt - und welche Folgen das für eine zweite Welle haben könnte.
Ein Interview von Janne Kieselbach
Gedränge in einer Fußgängerzone in Köln: "Viele Menschen wissen nicht mehr, wem sie eigentlich glauben sollen"

Gedränge in einer Fußgängerzone in Köln: "Viele Menschen wissen nicht mehr, wem sie eigentlich glauben sollen"

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Ralph Peters/ imago images

SPIEGEL: Herr van Dick, Hand aufs Herz: Halten Sie beim Einkaufen oder Spazieren immer anderthalb Meter Abstand?

van Dick: Ich bemühe mich jedenfalls. Und ich finde es gut, dass in den meisten Geschäften mit Markierungen daran erinnert wird, sich an die Regeln zu halten. Neulich hat man mich im Baumarkt zum Eingang zurückgeschickt, weil ich mir keinen Einkaufswagen genommen hatte. Das finde ich richtig.

Zur Person

Prof. Dr. Rolf van Dick leitet die Abteilung Sozialpsychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Als Vizepräsident der Universität ist er außerdem zuständig für Internationalisierung, Nachwuchs und Gleichstellung.

SPIEGEL: In vielen Städten kann man in diesen Tagen den Eindruck bekommen, dass große Teile der Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit aus dem Krisen- in einen Sorglos-Modus gewechselt sind: Schutzmasken werden zwar getragen, aber mit den Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen nehmen es erstaunlich viele nicht mehr ernst. Lässt sich dieser Eindruck wissenschaftlich bestätigen?

van Dick: Ja, wir haben eine deutschlandweite Studie durchgeführt, die genau zu diesem Ergebnis kommt. 1000 Menschen wurden von uns unter anderem danach gefragt, ob sie versuchen, soziale Kontakte zu meiden, den Abstand von anderthalb Metern einzuhalten und sich nach den WHO-Richtlinien die Hände zu waschen. Die erste Erhebung fand vor sechs Wochen statt, die zweite folgte mit denselben Teilnehmern in den vergangenen zwei Wochen. Das Ergebnis ist deutlich: Bei allen Fragen ist die Zustimmung etwas gesunken, die Unterschiede sind durchweg signifikant. Das heißt, die Menschen werden sorgloser - und das beunruhigt mich. Die Lockerungen der Corona-Beschränkungen sollten es ermöglichen, dass Menschen wieder öfter Freunde treffen und öffentliche Plätze aufsuchen. Jetzt aber sehen wir, dass die Menschen auch den Mindestabstand seltener einhalten und sich nicht mehr so gründlich die Hände waschen.

SPIEGEL: Warum ist das so?

van Dick: Eine Erklärung könnte darin liegen, dass sich die Menschen durch das Tragen von Masken möglicherweise stärker geschützt fühlen, als sie es eigentlich sind. Deshalb vermeiden oder reduzieren sie andere Sicherheitsmaßnahmen, die deutlich effektiver sein könnten. Auf dieses Problem wurde übrigens von Virologen und Epidemiologen schon hingewiesen, als die Maskenpflicht in Deutschland noch diskutiert wurde.

"Menschen, die in Hochrisikogebieten leben oder die mit älteren oder vorerkrankten Angehörigen zusammenwohnen, halten sich deutlich eher an die Regeln"

SPIEGEL: Im internationalen Vergleich haben sich die Fallzahlen in Deutschland besser entwickelt als befürchtet. Auch das Gesundheitssystem ist nicht überlastet. Liegt auch hierin eine Erklärung für das veränderte Verhalten der Menschen?

van Dick: Das ist möglich, aber wir haben diesen Zusammenhang noch nicht genau untersucht. In der nächsten Auswertungswelle wollen wir schauen, ob es tatsächlich Korrelationen zwischen dem Sinken regionaler Fallzahlen und dem Befolgen der Regeln gibt. Was wir aber schon jetzt sagen können, ist: Die Menschen, die in Hochrisikogebieten leben oder die mit älteren oder vorerkrankten Angehörigen zusammenwohnen, halten sich deutlich eher an die Regeln – und zwar auch nach den Lockerungen. Etwa jeder dritte Befragte gehört zu dieser Gruppe.

SPIEGEL: Inwiefern könnte die öffentliche Debatte über Lockerungen dazu beigetragen haben, dass nun auch solche Regeln nicht mehr befolgt werden, die eigentlich noch gelten?

van Dick: In der Diskussion über Lockerungen wurden viele unterschiedliche, teils widersprüchliche Signale gesendet. Noch vor sechs Wochen, als die Ausgangsbeschränkungen eingeführt wurden, sprachen fast alle Politiker mit einer Stimme: Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten waren sich darüber einig, was nötig ist und in ganz Deutschland gemacht werden muss. Aber in den letzten zwei, drei Wochen ist ein anderes Bild entstanden: Jedes Bundesland hat eigene Regeln beschlossen und die Landespolitiker haben sich – vielleicht aus einem Profilierungsbedürfnis heraus – ganz unterschiedlich geäußert. Viele Menschen wissen nicht mehr, wem sie eigentlich glauben sollen. Und das führt dazu, dass sie die Gefahr unterschätzen und mit den Lockerungen noch lockerer umgehen, als sie eigentlich gemeint waren.

"Im Moment sehen die Menschen, dass wir eine Notklinik in Berlin gebaut und Intensivbetten reserviert haben, die überhaupt nicht gebraucht werden"

SPIEGEL: Bund und Länder haben eine Obergrenze für die Zahl der Neuinfektionen in den Landkreisen und kreisfreien Städten festgelegt. Wird diese überschritten, sollen wieder regionale Corona-Maßnahmen ergriffen werden. Glauben Sie, dass die Menschen in den betroffenen Landkreisen dazu bereit sein werden, sich an verschärfte Regeln zu halten, wenn die Republik um sie herum Lockerungsübungen macht?

van Dick: Ich finde es zunächst einmal gut, dass so ein Kriterium eingeführt wurde, auch wenn Epidemiologen vielleicht sagen, dass man den Grenzwert niedriger hätte ansetzen müssen. Damit ist die Politik der Empfehlung des Ethikrats gefolgt, klar festzulegen, wann gelockert werden darf und wann eine Verschärfung notwendig ist. Außerdem halte ich es für richtig, dass in Landkreisen, deren Fallzahlen steigen, ganz genau hingeschaut wird, woran der Anstieg liegt. Wenn man wie im Landkreis Coesfeld feststellt, dass es zu den meisten Neuinfektionen in einem Schlachthof gekommen ist, dann kann man sofort reagieren, den Schlachthof schließen und die Infizierten wie auch die Kontaktpersonen unter häusliche Quarantäne stellen. Es würde auf erheblichen Widerstand stoßen, die gesamte Bevölkerung des Landkreises, also all jene, die weit verstreut rund um die Stadt Coesfeld wohnen, mit Ausgangsbeschränkungen zu versehen. Wenn sich aber in einem Landkreis herausstellt, dass die Fallzahlen stark ansteigen, ohne dass dafür ein Grund erkennbar wird, dürfte man der Bevölkerung auch überzeugend vermitteln können, dass Ausgangsbeschränkungen wieder nötig sind.

SPIEGEL: Die Lokalpolitiker des Landkreises Greiz in Thüringen haben jedoch an geplanten Lockerungen festgehalten, obwohl dort die Obergrenze der Neuinfektionen überschritten wurde. Überrascht Sie ein solches Verhalten?

van Dick: Ja, das überrascht mich. Ich bin kein Mediziner, aber aus epidemiologischer Sicht ist das vermutlich höchst bedenklich. Und auch aus sozialpsychologischer Sicht ist es problematisch, weil es der Bevölkerung kommuniziert, dass sich die Politiker nicht an Vereinbarungen halten. Wenn die Kanzlerin etwas sagt und die Ministerpräsidenten ausscheren, dann ist das schon schlimm genug. Aber wenn man sich in dieser großen Runde auf ein Kriterium einigt und sich anschließend einzelne Landräte nicht an die Vereinbarung halten, dann signalisiert das dem Bürger, dass auch er die Regeln nicht befolgen muss, weil "die da oben" es ja vormachen.

SPIEGEL: Virologen warnen weiterhin davor, dass es zu einer zweiten Welle von Ansteckungen kommen könnte, die sogar deutschlandweit neue Beschränkungen nötig machen würde. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass die Menschen im ganzen Land erneute strenge Maßnahmen akzeptieren würden?

van Dick: Es kommt darauf an, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln. Im Moment sehen die Menschen, dass wir eine Notklinik in Berlin gebaut und Intensivbetten reserviert haben, die überhaupt nicht gebraucht werden. Wenn das so bleibt, kann man den Menschen vermutlich schlecht vermitteln, dass sie sich an strenge Ausgangsbeschränkungen halten müssen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der medizinische Fortschritt: Bislang haben wir keine Medikamente gegen Covid-19, erst recht keinen Impfstoff und auch noch keine App, mit der man Kontakte nachverfolgen könnte. Sobald wir etwas davon bekommen – und ich bin im Hinblick auf Medikamente und die App vorsichtig optimistisch –, wäre es auch wenig sinnvoll, die Ausgangsbeschränkungen wieder so hochzufahren, wie sie vor den Lockerungen waren. Denn die Maßnahmen haben nicht nur negative Auswirkungen auf die Wirtschaft, sondern nachgewiesenermaßen auch auf unser psychisches Wohlbefinden und die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt. Das heißt, Menschen wehren sich nicht nur gegen starke Ausgangsbeschränkungen, weil sie Lust haben, sich mit anderen Menschen zu treffen, sondern auch, weil sie tatsächlich darunter leiden.

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