Brennpunkt Wuhan Coronavirus könnte schon im Herbst in China ausgebrochen sein

US-Forscher wollen Hinweise darauf gefunden haben, dass das Coronavirus bereits Monate früher als bislang gedacht in Wuhan zirkulierte. Um das zu belegen, griffen sie auf Satellitenbilder und besondere Methoden zurück.
Wuhan von oben: Die Stadt, aus der das Virus stammt

Wuhan von oben: Die Stadt, aus der das Virus stammt

Foto: Maxar Technologies/ AFP

Die leer gefegten Straßen des Basars von Kabul, der kaum bevölkerte Sandstrand an der Copacabana in Rio, das Feldlazarett im New Yorker Central Park: Auf Satellitenbildern  der vergangenen Wochen und Monate lässt sich die weltweite Coronakrise eindrücklich nachvollziehen.

Die Folgen von Ausgangsbeschränkungen, wirtschaftlichem Stillstand und dem - oft improvisierten - Kampf gegen das Virus waren aus vielen Hundert Kilometer Höhe gut zu fotografieren. Andere Instrumente von Satelliten zeigten außerdem, wie die Luft durch weniger Verkehr und stillgelegte Fabriken sauberer wurde oder wie kaum mehr Flugzeuge Kondensstreifen in den Himmel malten .

Forscher um John Brownstein vom Boston Children's Hospital haben Satelliten nun aber nicht nur für einen Blick auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie genutzt. Sie glauben, mithilfe der Technik auch bestimmen zu können, wann das Infektionsgeschehen in der chinesischen Stadt Wuhan seinen Anfang nahm. In einer noch nicht von Fachkollegen begutachteten Arbeit , die auf dem Preprint-Server der Harvard University veröffentlicht wurde, kommen sie dabei zu einer spektakulären Schlussfolgerung: Der mittlerweile Sars-CoV-2 getaufte Erreger hatte die Stadt womöglich bereits im Herbst des vergangenen Jahres im Griff.

Krankenhausparkplatz in Wuhan, Autos sind auf dem Satellitenbild rot markiert

Krankenhausparkplatz in Wuhan, Autos sind auf dem Satellitenbild rot markiert

Foto: RS Metrics

Wann China von dem Ausbruch der damals neuartigen Lungenkrankheit in der Provinz Hubei wusste, ob es womöglich die internationale Gemeinschaft zu spät informiert hat, um diese Frage wird seit Wochen erbittert gestritten. Vor allem US-Präsident Donald Trump greift die Regierung in Peking immer wieder auf das Schärfste an. Womöglich auch, um von eigenen Fehlern abzulenken. Aber selbst bei der öffentlich eher chinafreundlichen Weltgesundheitsorganisation (WHO), so ist zu lesen, gab es massive Frustration über die Informationspolitik des Landes.

Nach einem Bericht der "South China Morning Post"  aus Hongkong haben die chinesischen Behörden Erkenntnisse zu einem Mann aus Hubei, der sich zumindest schon am 17. November 2019 mit dem Erreger infiziert haben soll. Offiziell  erstattete China dann am 31. Dezember dem WHO-Landesbüro Bericht über mehrere Fälle einer "Lungenentzündung unbekannter Ursache", die in Wuhan aufgetreten sei. Bei einer deswegen ins Krankenhaus eingelieferten Person sei dabei ein neuartiges Coronavirus identifiziert worden. Wenig später erklärten die Behörden, ein Großmarkt in der Stadt, auf dem Fisch und Geflügel verkauft worden seien, habe eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Erregers gespielt. Er wurde am 1. Januar 2020 "zwecks Sanierung und Desinfektion" geschlossen.

Bis zu 70 Zentimeter kleine Objekte lassen sich erkennen

Doch bis heute ist nicht klar, wie der Corona-Ausbruch ablief. Die Forscher um Brownstein haben sich für ihre Studie nun mehr als hundert Satellitenbilder aus der Zeit weit vor dem offiziellen Bekanntwerden angesehen. Die Aufnahmen stammen von einem kommerziellen Anbieter und sind so hochauflösend, dass sich auf ihnen bis zu 70 Zentimeter kleine Objekte erkennen lassen. Spezifisch in den Blick nahm das Team die Parkplätze vor sechs Krankenhäusern in Wuhan.

Dabei konnten sie auf den Fotos aus dem Spätsommer und Herbst deutlich mehr Autos an den Hospitälern zählen als an Vergleichstagen im Vorjahr. Beginnend im August 2019 sei die Zahl der Fahrzeuge im Mittelwert angestiegen. Der Höchststand sei dann im Dezember erreicht worden, so die Wissenschaftler. Ein Beispiel: Auf einem Satellitenbild aus dem Oktober 2018 identifizierten die Forscher 171 Autos auf dem Außengelände des Tianyou Hospital, des größten Krankenhauses von Wuhan. Ein Jahr später seien es dann 285 Fahrzeuge gewesen, also 67 Prozent mehr.

Die Forscher schauten sich neben den Satellitenbildern noch einen weiteren möglichen Frühindikator für das Infektionsgeschehen an. Dafür analysierten sie die Anfragen bei der chinesischen Suchmaschine Baidu spezifisch nach den Begriffen "Durchfall" und "Husten". Aus ihrer Sicht gibt es eine Korrelation zwischen vollen Krankenhausparkplätzen und verstärkten Internetrecherchen zu den möglichen Symptomen der neuen Krankheit.

"Ein kompliziertes Puzzle"

"Hier geht es darum zu versuchen, ein kompliziertes Puzzle dessen zusammenzusetzen, was sich zu dieser Zeit abspielte", hat Studienautor Brownstein im Gespräch mit CNN  erklärt. Der Epidemiologe ist Chief Innovation Officer am Bostoner Kinderkrankenhaus und hat nach eigenen Angaben neben der WHO auch verschiedene US-Ministerien und auch das Weiße Haus beraten . "Wir haben vor Jahren eine Publikation darüber veröffentlicht, in der wir zeigten, dass die Krankenhäuser in Lateinamerika während der Grippesaison sehr voll waren. Man konnte die Grippesaison allein durch einen Blick auf die Parkplätze vorhersagen", sagt er.

Die Frage ist nun, ob der Ansatz in Wuhan auch funktioniert. Ein hieb- und stichfester Beweis für einen Ausbruch des Virus bereits im Spätsommer ist die neue Studie nicht. Die Autoren schreiben, dass sie "nicht bestätigen" können, ob die erhöhte Zahl von Autos "in direktem Zusammenhang mit dem neuen Virus stand". Man liefere aber zusätzliche Belege, die andere Arbeiten ergänzten, wonach der Erreger bereits vor seinem Nachweis auf dem Tiermarkt aufgetreten sein dürfte.

Das Team will seine Erkenntnisse im Fachmagazin "Nature Digital Medicine" veröffentlichen. Im Moment werden sie im sogenannten Peer-Review-Prozess von Fachkollegen begutachtet. Sie werden sich einige methodische Fragen genau ansehen müssen.

So gibt es laut den Forschern von mindestens einem Krankenhaus gar keine Satellitenaufnahmen. Und von den anderen ist die Zahl auch vergleichsweise überschaubar. Das dürfte zum einen damit zu tun haben, dass manchmal einfach das Wetter nicht gepasst hat. Durch Wolken können optische Satelliten keine Bilder machen. Zum anderen sind kommerzielle Satellitenbilder auch schlicht teuer.

Womöglich war das auch ein Grund dafür, dass Brownstein und seine Kollegen nur eine kurze Zeitreihe mit wenigen Datenpunkten als Beleg für ihre Hypothese anführen. "Das präsentierte Signal ist dadurch nicht besonders stark", sagt Stefan Dech, Direktor des Deutschen Fernerkundungsdatenzentrums am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem SPIEGEL. Auch sei die Streuung bei der Zahl der Autos recht hoch: Mal ist bei demselben Krankenhaus der Parkplatz leer, mal ist er wenige Tage später voll.

Dech war an der Studie nicht beteiligt. Im Gespräch weist er darauf hin, dass Satellitenfotos stets Momentaufnahmen sind. Sie bilden eine Situation in einem Augenblick ab, die kurze Zeit später ganz anders aussehen kann. Das Team hat aber nicht angegeben, zu welcher Zeit die Aufnahmen jeweils gemacht wurden.

"Man muss sicherstellen, dass man weiß, was im Krankenhaus zu dem Zeitpunkt passiert, an dem die Bilder gemacht werden", sagt Dech. Vor, während und nach einer Mittagspause sehe der Parkplatz womöglich ganz anders aus. Das Gleiche gelte für die Besuchszeit. Über die Vergleichbarkeiten der Aufnahmen machen die Forscher aber keine Angaben.

Mittlerweile mehr als 400.000 Tote

Dass Wuhan also tatsächlich früher als bisher bekannt war, belegt die neue Studie nicht. Sie weist aber in eine Richtung, die Präsident Trump womöglich gefallen dürfte: China könnte nicht rechtzeitig reagiert haben. Auch wenn das Forscherteam klargestellt hat, dass ein Ausbruch zu dieser Zeit vielleicht auch in den USA nicht bemerkt worden wäre. Die Forscher sehen übrigens keinen Hinweis darauf, dass das Virus aus einem Labor entwichen sein könnte. Chinas Regierung hat das ohnehin stets dementiert. Ihre Erkenntnisse, so schreiben die Forscher nun, stützten die These, dass der Erreger auf natürliche Weise im Süden des Landes zirkulierte.

Was auch immer in Wuhan oder Umgebung passiert ist, wann auch immer es passiert ist: Mittlerweile  wurde der Erreger weltweit bei mehr als 7,1 Millionen Menschen nachgewiesen, mehr als 400.000 von ihnen sind gestorben.

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