Überschüssige Bestände im Shutdown Klärwerk warnt vor Bierentsorgung über den Abfluss

Fässer, die niemand anzapft, Flaschen, die keiner öffnet: Weil die Kneipen geschlossen sind, stapeln sich dort ungetrunkene Vorräte. Für die Abwasserentsorgung könnte das zum Problem werden.
Gestapelte Bierfässer (Archivbild)

Gestapelte Bierfässer (Archivbild)

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Sebastian Gollnow / dpa

Die Pandemie mag gut für die eine oder andere Leber sein, für Brauer und Gastronomen ist sie es nicht. Im vergangenen Jahr ist der Bierkonsum in Deutschland auf ein historisches Tief gefallen. Das Statistische Bundesamt hat nachgerechnet  und für 2020 einen Rückgang von 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ermittelt. Das bedeutet ein Minus von 508,2 Millionen Litern. Die Gesamtmenge des verkauften Gerstensaftes – alkoholfreies Bier und solches aus Nicht-EU-Ländern taucht in der Statistik nicht auf – war damit so niedrig wie seit mindestens 1993 nicht mehr.

Geld verdienen die Brauereien vor allem mit dem Verkauf von Fassbier. Und wegen zahlloser abgesagter Volksfeste, Musikfestivals und anderer Großveranstaltungen konnten sie davon 2020 für ihren Geschmack deutlich zu wenig absetzen. Zumal die Menge des verkauften Bieres im Land ohnehin seit Jahren zurückgeht. Und auch 2021 gibt es angesichts bisher geschlossener Kneipen erst einmal wenig Grund zur Hoffnung. Bier und andere Getränke werden nach wie vor wenig nachgefragt.

Und das könnte auch in einem anderen Bereich zu Problemen führen: bei der Abwasserentsorgung. »In vielen Gaststätten und auch bei Herstellern überschreiten die Getränkevorräte wegen des Lockdowns das Mindesthaltbarkeitsdatum«, heißt es in einer Pressemitteilung  des Entsorgungs- und Wirtschaftsbetriebs im pfälzischen Landau (EWL). Und das, so ist dort zu lesen, könnte an gleich mehreren Stellen bei der Abwasserentsorgung Schwierigkeiten bereiten. Hintergrund ist der hohe Energiegehalt der Flüssigkeiten, in Form von Alkohol und Zucker.

Werden Bier oder die Konzentrate für Erfrischungsgetränke einfach in den Abfluss geschüttet, können sich Mikroben im Kanalnetz über viel zusätzliche Nahrung freuen. Das sorgt allerdings dafür, dass stinkende – und ab einer bestimmten Konzentration auch giftige und explosive – Gase wie Schwefelwasserstoff und Methan entstehen. Die Abbauprodukte der bakteriellen Prozesse könnten außerdem die Oberfläche von Betonrohren in der Kanalisation zerstören. Und auf der Kläranlage selbst könnte der Sauerstoff für die dort gezielt für die Abwasserreinigung eingesetzten Bakterien knapp werden, wenn diese mit zu viel Zucker und Alkohol in Kontakt kommen.

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In der Weinregion kennt man die Probleme

Nein, sagt EWL-Vorstandschef Bernhard Eck, im Gespräch mit dem SPIEGEL, konkrete Probleme mit weggeschüttetem Bier habe man bisher noch nicht gehabt. »Wir sind ja hier eher eine Weinregion.« Aber genau daher kenne man auch die Schwierigkeiten. In manchen Jahren hätten Weinbauern nicht genutzte Teile der Ernte über die Kanalisation entsorgt, sagt Eck, und dabei ähnliche Probleme verursacht, wie man es jetzt beim Bier befürchte. Als er dann kürzlich einen Fernsehbeitrag gesehen habe, in dem man überschüssiges Bier weggekippt habe, da sei ihm der Kragen geplatzt. »Das kann doch wohl nicht wahr sein.«

Also habe man die Warnung vor dem problematischen Entsorgen der Getränkebestände auch gleich mit einem Angebot verknüpft. Überschüssige Fässer könnten kostenlos zur Entsorgung an einer der beiden Kläranlagen abgegeben werden. In den vergangenen zwei Tagen habe das Angebot allerdings noch niemand genutzt.

Beim Deutschen Brauer-Bund heißt es auf Anfrage des SPIEGEL, eine Einleitung von möglicherweise überschüssigem Bier führe in Kläranlagen gewöhnlich nicht zu Problemen. »Brauereien stehen grundsätzlich in enger Abstimmung mit den örtlichen Kläranlagen und können so eventuelle Sondersituationen vorab klären«, so Sprecher Marc-Oliver Huhnholz. So könnten Überlastungen von vorneherein vermieden werden. Verschiedene Brauereien bereiteten ihr Abwasser auch in eigenen Kläranlagen auf. Dabei könne aus dem Abwasser zusätzlich noch Biogas gewonnen werden.

Brauereien verlängern die Haltbarkeit

Genau das passiert auch in kommunalen Kläranlagen wie der in Landau. Bekomme man in den kommenden Wochen Getränkemengen ab 50 Liter angeliefert, werde man sie direkt in den Faulturm geben, sagt Eck. »Da ist es pure Energie.«

Allerdings haben mehrere Brauereien offenbar noch einen anderen Weg gefunden, nutzbringend mit den überschüssigen Getränken umzugehen. So hat der Branchenführer Radeberger mit Marken wie Jever, Radeberger Pils und Brinkhoff's No. 1 ebenso wie die Warsteiner Brauerei bestätigt, dass man das Mindesthaltbarkeitsdatum für Fassbier nachträglich verlängert hat. Dazu wurden Banderolen für die Bierfässer mit neuem Termin an die Großhändler verschickt. Die Qualität des Bieres sei nicht beeinträchtigt, hieß es.

chs