Corona-Pandemie Wie sinnvoll sind Grenzschließungen?

Deutschland will die Grenzen zu Tschechien und Österreich stärker kontrollieren. Ins Land dürfen nur Menschen mit einem negativen Corona-Test. Was bringen die Maßnahmen?
Mitglieder des österreichischen Bundesheeres führen am Pass Thurn bei Autofahrern Ausreisekontrollen durch

Mitglieder des österreichischen Bundesheeres führen am Pass Thurn bei Autofahrern Ausreisekontrollen durch

Foto: Expa / Jfk / dpa

An vielen deutschen Grenzübergängen gibt es keine Schlagbäume mehr. Aber gäbe es sie, dann würden sie bald vielerorts wieder sinken. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will ab Sonntag an den Grenzen zu Tschechien und Österreich vorübergehende Grenzkontrollen einführen. Nach Deutschland darf nur, wer einen negativen Corona-Test vorlegt, der nicht älter als 48 Stunden ist.

Und auch Österreich reagiert: Für das Bundesland Tirol hat die Regierung in Wien strenge Ausreisebeschränkungen beschlossen. Rund 1200 Polizisten und Soldaten sollen demnach die Grenze zu Deutschland und anderen österreichischen Bundesländern kontrollieren. Ein Verstoß kann bis zu 1450 Euro kosten. Ausgenommen von dieser Vorschrift sind Kinder sowie der Güterverkehr und die Durchreise ohne Zwischenstopp. Auch für medizinisches Personal soll es Sonderregeln geben.

So erhoffen sich die Politiker, die Ausbreitungen der infektiöseren Virusmutationen einzudämmen. In Tirol grassiert die südafrikanische Variante von Sars-CoV-2, die als ansteckender gilt. Hunderte Fälle wurden bereits bestätigt. Auch Tschechien ist stark von der Coronakrise betroffen. In der grenznahen bayerischen Stadt Tirschenreuth beträgt der Anteil der mutierten Variante aus Großbritannien bei positiven Corona-Tests laut Ministerpräsident Markus Söder rund 70 Prozent, im Ort Wunsiedel mehr als 40 Prozent.

Tirol und Tschechien wurden laut Bundesinnenministerium als sogenannte Virusmutationsgebiete eingestuft. Auch Grenzregionen in Frankreich und Luxemburg machen der Politik Sorgen. Wenn es krasse Unterschiede zwischen den Inzidenzen gebe, dann bliebe nichts anderes als Kontrollen übrig, so der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU). Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte diese Option ins Spiel gebracht. Im vergangenen Frühjahr hat es bereits für drei Monate strenge Bestimmungen für Österreich, die Schweiz, Frankreich, Luxemburg und Dänemark gegeben, um das Einschleppen des Virus aus dem Ausland zu unterbinden. Dem Warenverkehr und Berufspendlern standen die Grenzen aber auch weiter offen.

Vom SPIEGEL befragte Experten hatten damals den Sinn solcher Maßnahmen klar bezweifelt. Aus epidemiologischer Sicht könne man wenig damit erreichen, sie taugten eher als Signal, um den Ernst der Lage zu unterstreichen, hatte etwa Sune Lehmann gesagt, Experte für komplexe Netzwerke an der Technischen Universität Dänemark.

Als Argument wurde immer wieder ein Rechenbeispiel genannt, das leicht zu verstehen ist: der Unterschied der beiden Grundrechenarten Addition und Multiplikation. Wenn infizierte Personen über die Grenze eines Landes kommen, dann steigen dort die Fallzahlen. Man kann die Fälle einfach aufaddieren. Aber: Der entscheidende Faktor für den Verlauf einer Pandemie sei die Multiplikation. Denn wenn sich die Bevölkerung im Land nicht an die Corona-Regeln halte, multipliziere sich die Zahl der Fälle. Denn jeder Erkrankte steckt wieder andere an. Kurz: Die Multiplikation fällt wesentlich stärker ins Gewicht als die Addition.

Doch womöglich haben zwei Entwicklungen die Lage inzwischen verändert: das Auftreten der Mutanten und die anlaufende Impfkampagne. Auf letzteren Punkt spielt zum Beispiel der Physiker Benjamin Maier von der Humboldt-Universität zu Berlin an: »Durch den Fakt, dass wir momentan in einem Vaccine-roll-out sind, unterscheidet sich die Situation momentan von der im Frühjahr 2020.« Damals seien Grenzschließungen zwischen Ländern, in denen das Virus ähnlich stark zirkulierte, weniger sinnvoll gewesen.

Jetzt sei das etwas anders: Wenn in einem Land eine Virusvariante weniger präsent sei als in einem anderen, verzögere eine Grenzschließung »die Ankunft ein wenig und dämmt das Entstehen neuer lokaler Infektionsherde ein«. Diese Verzögerung und Eindämmung sei aber gerade von zentraler Bedeutung – da, so hofft Maier, im zweiten Quartal eine höhere Impfrate  erreicht werden könne. So würden schneller mehr Menschen geschützt, hoffentlich auch vor den Mutationen. »Wir als Land kämpfen momentan quasi um jeden Tag«, sagt Maier.

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Grenzschließungen allein bringen es jedenfalls nicht

Moritz Krämer erforscht an der Universität Oxford die räumliche Dynamik von Infektionskrankheiten und ihren Überträgern. Dafür kombiniert er Modelle zur Mobilität mit den Ergebnissen genetischer Analysen des Virus. Davon gibt es in Großbritannien weit mehr  als in Deutschland, weil dort seit Monaten flächendeckend viel mehr Proben des Sars-CoV-2-Erregers sequenziert werden. Hierzulande wird diese Kapazität erst mühevoll aufgebaut . Auch deswegen lässt sich aktuell nur ein unscharfes Bild davon zeichnen, inwieweit die gefährlichen Virusvarianten das Infektionsgeschehen hierzulande bereits bestimmen.

Fragt man Krämer nun nach dem Sinn von Grenzschließungen zur Eindämmung der Mutanten, steht er dem Instrument zumindest nicht gänzlich ablehnend gegenüber. »In der klassischen Epidemiologie macht das vielleicht keinen Unterschied. Doch das ist etwas anders, wenn ich eine sehr heterogene Verbreitung der gefährlichen Virusvarianten habe.«

Hier könne die Verbreitung in weniger betroffene Gebiete durch schnelle Reaktion durchaus eingedämmt werden – wenn bestimmte Bedingungen eingehalten werden: »Eine Grenzschließung allein reicht nicht, ich brauche zum Beispiel auch eine wirksame Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten.« Dazu kämen Anstrengungen zur Sequenzierung, um ein Bild der Infektionslage zu haben.

Was heißt das nun konkret? Im Fall der offensichtlich in Deutschland schon weit verbreiteten britischen Variante ist vielleicht nicht mehr allzu viel zu holen, mit Blick auf die in Tirol grassierende südafrikanische Variante vielleicht aber schon.

Der Infektiologe Clemens Wendtner warnt jedenfalls: Wenn lückenlose Kontrollen nicht funktionierten, bleibe nur eine Schließung der Grenzen. Denn schon jetzt seien Mutanten bei deutlich mehr als zehn Prozent der Infizierten in Bayern festgestellt worden – mehr als doppelt so viele wie insgesamt in Deutschland, so der Chefarzt für Infektiologie an der München Klinik Schwabing. Nach bisherigem Wissen sei die südafrikanische Variante noch einmal gefährlicher als die britische. Sie sei nicht nur infektiöser, sondern ersten Erkenntnissen nach auch tödlicher – und zusätzlich wirkten manche Impfstoffe weniger gut dagegen. Auch wer schon Covid-19 hatte, könne sich damit wahrscheinlich erneut anstecken.

mit Material von dpa
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