Corona-Spürhunde an Flughäfen "Hunde könnten in der Pandemie helfen"

Der Geruchssinn von Hunden wird in der Pandemie an Flughäfen in Dubai und Helsinki eingesetzt. Tierforscher Holger Volk erklärt, wie man den Tieren beibringt, Viren zu erkennen. Und wo sie an Grenzen stoßen.
Ein Interview von Jörg Römer
Beagle Hündin "Djak" erkennt Proben von coronapositiven Menschen

Beagle Hündin "Djak" erkennt Proben von coronapositiven Menschen

Foto: localpic / imago images

SPIEGEL: Herr Volk, an den Flughäfen in Helsinki und Dubai werden seit Kurzem Corona-Spürhunde eingesetzt. Was tun die Tiere dort?  

Volk: Wir wissen aus Studien, dass Hunde in der Lage sind, Proben von Covid-Infizierten und nicht Infizierten zu unterscheiden. In Finnland werden Tiere eingesetzt, die darauf trainiert sind. Es ist aber nicht so, dass die Hunde durch die Menge laufen und anschlagen, sobald sie einen Infizierten erschnüffeln. Hunde dürfen gar nicht direkt am Menschen eingesetzt werden, das verstößt gegen die Genfer Konventionen.

SPIEGEL: Wie arbeiten die Tiere dann?

Volk: Soweit ich weiß können die Reisenden freiwillig eine Schweißprobe abgeben, sie wird mit einem Tuch gewonnen, mit dem man über die Haut streicht. In einem separaten Raum riechen die Hunde dann an dem Tuch und reagieren bei einer positiven Probe.

Zur Person
Foto: Richard Addison

Der Tierarzt und Neurowissenschaftler Holger Volk forscht an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, einer der wenigen veterinärmedizinischen Lehrstätten in Deutschland. Er ist Direktor der Klinik für Kleintiere und beschäftigte sich mit deren Krankheiten. Volk führte zusammen mit der Bundeswehr, der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf eine Studie durch, in der das Forscherteam zeigen konnte, dass Hunde in der Lage sind Proben von Sars-CoV-2-infizierten Menschen zu erschnüffeln.

SPIEGEL: Hunde können erlernen, Rauschgift oder Sprengstoff zu erkennen. Aber wie trainiert man sie auf Viren?

Volk: Ich habe eine Studie im Fachmagazin "BMC Infectious Diseases"  veröffentlicht, für die wir eine besondere Maschine verwendet haben. Die Tiere stecken ihre Nase in mehrere Öffnungen des Geräts - dort befinden sich jeweils unterschiedliche Duftproben. Eine davon stammt aus dem Auswurf, dem sogenannten Sputum, einer Covid-infizierten Person. Wenn das Tier daran schnüffelte, wurde es nach ein paar Sekunden mit Futter belohnt. So wird der Hund motiviert, sich dieses Geruchsmuster zu merken und später darauf anzuspringen. Diese Konditionierung ist für die Tiere ein Spiel. Bei solchen Studien muss man aufpassen, dass man dem Tier nicht durch unbewusste Signale versehentlich Hinweise auf den Standort der Corona-Proben gibt. Hunde sind da sehr feinfühlig. Deshalb wussten auch wir nicht, wo sich die Probe befindet.

SPIEGEL: Wie lange braucht ein Hund, um dieser Geruchsmuster zu lernen?

Volk: Nach sieben bis zehn Tagen Training konnten die Tiere unter mehr als 1000 Proben zu 94 Prozent Corona korrekt erkennen. Aber die Bundeswehr-Hunde, mit denen wir gearbeitet haben, waren schon vorher auf Gerüche trainiert. Unerfahrene Tiere bräuchten wahrscheinlich länger.

SPIEGEL: Das Virus selbst können Hunde nicht erschnüffeln. Worauf springen sie dann an?

Volk: Das ist gewissermaßen die Millionen-Dollar-Frage. Wir wissen es schlicht noch nicht, denn im Gegensatz zu Bakterien sondern Viren keine Düfte ab. Vermutlich verändert das Virus in den menschlichen Wirtszellen den Stoffwechsel. Das hat Auswirkungen auf die sogenannten VOCs (Volatile Organic Compounds), flüchtige organische Verbindungen. Man findet diese Duftstoffe zum Beispiel in Körperflüssigkeiten wie Schweiß, Urin oder Speichel.

SPIEGEL: Welche Unsicherheiten bestehen bei den Corona-Spürhunden?

Volk: Es ist unklar, ob die Hunde zwischen symptomatischen und asymptomatischen Verläufen unterscheiden können. Wie lange so eine Schweißprobe überhaupt die richtigen Schlüsse für die Hunde zulässt und ob sie nicht irgendwann zu einem falsch positiven Ergebnis führt, wissen wir auch nicht. Und wie und ob sich die verschiedenen Krankheitsphasen auf die Duftstoffe auswirken, ist auch unbekannt. Dazu gibt es bisher nur wenige Untersuchungen, die teils nur vorläufig veröffentlicht sind. Ich gehe aber davon aus, dass in Finnland manche Daten vorliegen, damit die Tiere dort so eingesetzt werden können.

SPIEGEL: Laut den Daten der Finnen kommen die Hunde mit viel kleineren Probemengen aus, als man sie für PCR-Tests benötigt.

Volk: In unserer Studie reichten hundert Mikroliter pro Baumwolltuch aus, damit die Tiere den Duft erkannten. Wir Menschen sind sehr visuell geprägt und können uns nicht vorstellen, was Hunde alles riechen können. Sie kartieren im Grunde ihre Umgebung über Duftstoffe. Der Menschen kann bis zu 10.000 Gerüche erkennen. Hunde unterscheiden über eine Million. Darin liegt aber auch eine Unsicherheit bei Einsätzen wie dem in Helsinki.

SPIEGEL: Inwiefern?

Volk: Hunde können ganz geringe Molekülmengen erschnüffeln. Aber es darf keine Verunreinigungen geben, das könnte die Tiere irritieren. Man muss also ganz sauber arbeiten und jede Probe in einem neuen Gefäß reichen.

"Ein Bloodhound hat bis zu 250 Millionen Zellen in der Riechschleimhaut. Der Mensch nur ungefähr fünf Millionen."

SPIEGEL: Kann mein Hund zu Hause auch lernen, eine Corona-Infektion zu erschnüffeln?

Volk: Prinzipiell ja. Aber bestimmte Rassen tun sich leichter. Vor allem langnasige wie beispielsweise Labrador, Retriever oder Cocker Spaniel. Ein Bloodhound hat bis zu 250 Millionen Zellen in der Riechschleimhaut. Der Mensch nur ungefähr fünf Millionen. Für unsere Studie trainierten wir Beagle.

SPIEGEL: Haben Sie auch untersucht, ob sich die Tiere selbst mit dem Virus anstecken können?

Volk: Aus Sicherheitsgründen arbeiteten wir mit inaktivierten Proben, schließlich sollten im Umfeld der Studie alle gesund bleiben. Wenn dem Hund aktive Proben zum Schnüffeln vor die Nase gehalten werden, sollten erforderliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Laut US-Gesundheitsministerium soll es Nachweise von Corona-Antikörpern bei Hunden gegeben haben, das sind aber eher Einzelfälle und genaueres ist noch nicht erforscht. Es besteht jedoch für Hundehalter kein Grund zur Panik, da bisher nicht vermutetet wird, dass der Mensch sich bei seinem Hund anstecken kann.

SPIEGEL: Welches Potenzial sehen Sie langfristig für Spürhunde in der Corona-Pandemie?

Volk: Obwohl wir in Deutschland einen hohen Entwicklungsstand und ein gut funktionierendes Gesundheitssystem haben, sind wir in der Corona-Krise an Grenzen gekommen, weil sehr viele Menschen getestet werden mussten. Hunde könnten in der Pandemie helfen. Wir könnten sie an Flughäfen, in Fußballstadien oder bei Veranstaltungen einsetzen, aber nur zusätzlich. Wenn die Tiere auf eine Geruchsprobe anspringen, brauchen wir immer noch einen PCR-Test, der sicherer ist. Hunde werden Labore natürlich nicht ersetzen können.

SPIEGEL: Dafür können sie schneller reagieren als Tests.

Volk: Genau. Der Vorteil ist, dass sie innerhalb von Sekunden ein Ergebnis liefern. Auch in Entwicklungsländern, wo Ressourcen begrenzt sind, können die Tiere helfen. Wir hatten bereits entsprechende Anfragen.

Spiegel: Wann werden Hunde an deutschen Flughäfen nach Corona schnüffeln?

Volk: Bis jetzt hatten wir noch keine Anfragen, dem finnischen Beispiel zu folgen. Dort ist der politische Wille für solche Pilotprojekte vielleicht auch größer als in Deutschland. Und wir stehen mit unserer Forschung zu Corona noch am Anfang. Am schwierigsten war es, Proben von asymptomatischen Covid-Patienten zu bekommen. Wer uns also unterstützen möchte, kann sich gerne bei uns melden und eine Probe abgeben. Es gibt noch viele offene Fragen und viel zu erforschen.

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