Ungenutzte Corona-Testkapazitäten Gefährlicher Geiz

Tests gelten als bestes Mittel zur Einschätzung der Coronagefahr und der Effizienz von Gegenmaßnahmen. In Deutschland bleiben große Testkapazitäten aber ungenutzt - vor allem aus finanziellen Gründen.
Foto: Britta Pedersen/ DPA

Der Corona-Test gehört am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz fast schon zum Alltag. Seit zweieinhalb Wochen gehen Schüler und Lehrer montags und freitags in das Testzelt auf dem Schulhof, ziehen ihre Mund-Nasen-Masken herunter, schieben sich ein Abstrichstäbchen tief in den Rachen, verschließen die Probe in einem Röhrchen und kennzeichnen sie. Spätestens am Tag danach erhalten die freiwilligen Testpersonen eine Mail vom Rostocker Biotech-Unternehmen Centogene mit dem Ergebnis. Und das war bei bislang rund 3000 Proben aus dem Carolinum immer negativ.

"Wir brauchen neue Ideen", sagt Schulleiter Henry Tesch. "Intensives Testen könnte uns ermöglichen, den Schulalltag etwas zu normalisieren." In seinem Gymnasium ist Abstandhalten das oberste Gebot, Mund-Nasen-Schutz Pflicht, alle Wege sind vorgegeben und markiert, die Schüler sitzen weit auseinander. "Aber das Reglement hier drinnen kann nicht verhindern, dass Schüler draußen alles miteinander machen", sagt Tesch. "Es ist eine Illusion, die Kinder dauerhaft zu trennen." Viel sinnvoller sei es, herauszubekommen, wer infiziert ist und wer nicht.

Und so hat Tesch, 57, einst CDU-Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns, zusammen mit dem Centogene-Chef Arndt Rolfs dieses Projekt ersonnen. Niemand muss mitmachen, aber rund drei Viertel der Schüler und 80 Prozent der Lehrer und Angestellten tun es. Die Kosten von rund 40 Euro pro Test trägt das Unternehmen. Und: "An den Kapazitätsgrenzen", sagt Tesch, "scheitert es in Deutschland nicht".

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Denn ungenutzte Testmöglichkeiten gibt es hierzulande gerade im Überfluss. Fast 965.000 Tests hätten die Labors in der vergangenen Woche analysieren können. Tatsächlich durchgeführt wurden aber nur gut 382.000 Proben; neuere Daten liegen nicht vor. Damit wurde die Kapazität nicht einmal zu 40 Prozent genutzt.

Testen, testen, testen - so lautet das Credo von Regierungen rund um die Welt. Dänemark hat am Dienstag eine "Test, track and trace"-Strategie verkündet: Die Kapazitäten sollen massiv ausgebaut werden, um Infizierte zu entdecken, ihre Kontaktpersonen schnell zu überprüfen und mögliche Infektionsherde einzudämmen. Frankreich will ein ähnliches Testprogramm aufziehen. Und Chinas Regierung hat angekündigt, alle 11 Millionen Bewohner von Wuhan durchzutesten.

In Deutschland hingegen sind schon seit Wochen viele Labors unausgelastet. Hierfür gibt es mehrere Gründe: die Zahl der Menschen mit Atemwegsinfektionen sinkt im Frühling. Patienten ohne Symptome müssen noch immer damit rechnen, dass sie den Test selbst bezahlen. Und die Bundesregierung hat scheinbar noch immer keinen Plan, wie sie die Testmöglichkeiten nutzen will.

Wichtigster Indikator für das Infektionsgeschehen

"Es ist falsch, die Testkapazitäten ungenutzt zu lassen", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem SPIEGEL . "Gerade jetzt in dieser kritischen Phase, wo wir viele Lockerungen zulassen, müssen wir mehr testen. Nur so behalten wir die Kontrolle über das Infektionsgeschehen. Wir müssen neue Ausbrüche jetzt so schnell wie möglich entdecken und eindämmen."

Auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit setzt sich für mehr Tests ein. "Es gibt viele Möglichkeiten, die ungenutzten Kapazitäten sinnvoll einzusetzen. Schlachthöfe etwa sind Corona-Hotspots, deren Mitarbeiter sollte man jetzt bundesweit durchtesten. Auch andere Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, sollen wir jetzt gezielt überprüfen, denn hier verbreitet sich das Virus schnell. Und natürlich ist es sinnvoll, Pflegepersonal in Krankenhäusern oder Altenheimen immer wieder durchzutesten."

Zu Anfang der Pandemie waren die Testkapazitäten noch sehr klein, Materialien wie Abstrichtupfer oder Reagenzien oft knapp. Entsprechend streng waren die Kriterien des Robert Koch-Instituts (RKI). Aber nun, da derlei Engpässe selten geworden sind, spricht sich das RKI für umfassende Testungen aus. So sollen unabhängig von Risikofaktoren oder Kontakt zu Infizierten alle Patienten mit akuten Atemwegssymptomen oder dem Verlust von Geruchs- oder Geschmackssinn überprüft werden. Und für alte Menschen und andere Risikogruppen empfiehlt das RKI "in Absprache mit dem Gesundheitsamt ein umfassendes Screening auf SARS-CoV-2" – also Massentests.

Gezerre um die Finanzierung

Doch die gesetzlichen Krankenversicherer wollen Tests von Patienten ohne Symptome nicht bezahlen. "Wir unterstützen prinzipiell diese Idee und können bei der Umsetzung helfen", sagt eine Sprecherin des Spitzenverbandes KGV. "Aber wenn wir über die Testung von symptomlosen Personen sprechen, reden wir über Bevölkerungsschutz. Das ist die Aufgabe des Staates."

Es geht um viel Geld: rund 250 bis 300 Millionen Euro pro Monat. Ursprünglich wollte Bundesgesundheitsmininster Jens Spahn die gesetzlichen Krankenversicherer im neuen Pandemiegesetz, das der Bundestag an diesem Donnerstag beschlossen hat, dazu verpflichten, Tests auf das Coronavirus auch bei Patienten ohne Symptome grundsätzlich zu bezahlen. Vor der Abstimmung brachten die Koalitionsfraktionen einen Änderungsantrag ein. Demnach kommt das Geld nicht direkt von den gesetzlichen Krankenkassen, sondern aus dem Gesundheitsfonds. Aus dem Fonds finanzieren die Kassen die Leistungen für ihre Versicherten. Gespeist wird er aus den Beiträgen der Kassenmitglieder und ihrer Arbeitgeber sowie durch einen Zuschuss des Bundes. Die Kassen wehren sich auch gegen dieses Modell. "Damit sind zunächst mal wieder die Beitragszahler dran und nicht die Steuerzahler", sagt AOK-Chef Martin Litsch. Zudem sei es unausgewogen, weil die gesetzlichen Kassen dann auch für privat Versicherte zahlen müssten.

Lauterbach bereitet die Verzögerung Sorgen. "Das Pandemiegesetz wird frühestens Mitte Juni wirken. Das ist viel zu spät", sagt der Gesundheitsexperte. "Es darf nicht passieren, dass wir jetzt noch einmal einen Monat verlieren, in dem zu wenig getestet wird."

Einzelne Bundesländer haben schon auf eigene Rechnung begonnen, symptomfreie Angehörige von Risikogruppen zu testen. In Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen werden Mitarbeiter aller Schlachthöfe überprüft. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wollen Mitarbeiter, Patienten und Bewohner von Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gemeinschaftsunterkünften verstärkt durchchecken. Und Sachsen-Anhalt will neben diesen Einrichtungen auch Kindertagesstätten und Schulen stichprobenartig testen. "Es geht jetzt erst mal um Gesundheitsschutz, da ist die Finanzierung nachrangig", sagt Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD).

Virologe Schmidt-Chanasit macht sich für breite Testungen von Kindergartenkindern, Schülern und Lehrern stark: "Je umfassender und ausgefeilter die Tests sind, desto mehr Lockerungen kann man in diesen Bereichen verantworten" - und so "mehr Freiheit ermöglichen".

Am Gymnasium Carolinum sollen die Tests weitergehen – auch über dieses Schuljahr hinaus. Wir werden versuchen, das Testzelt schon am Ende der Ferien wieder aufzumachen", sagt Schulleiter Tesch. "Wir müssen es erreichen, dass alle Schüler einer Klasse eines Tages wieder sicher in einem Raum zusammen lernen können. Das geht nur über Testen. Alles andere ist illusorisch."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.