Corona-Pandemie über Weihnachten Lücke in der Kurve

Im Januar ist der Shutdown vorbei – das hoffen viele Deutsche. Aber möglicherweise geben die Zahlen Anfang kommenden Monats gar nicht preis, ob die Maßnahmen wirken.
Frau vor einem Testzentrum in Berlin

Frau vor einem Testzentrum in Berlin

Foto: Markus Schreiber / AP

Wann immer Menschen große Disziplin aufbringen müssen, hilft es ihnen, wenn die Mühen mit einem Ziel verknüpft sind. Ganz Deutschland hat sich jetzt ein solches Ziel gesetzt: Bis zum 10. Januar soll das Land den Corona-Lockdown durchhalten. Die Bürgerinnen und Bürger sollen zu Hause bleiben, auf ein großes Weihnachtsfest verzichten und auch Silvester im kleinen Kreis verbringen. Wenn alle genug Disziplin aufbringen und sich an die vereinbarten Regeln halten, ist im Anschluss wieder mehr Normalität möglich – so hieß es jedenfalls.

Zuletzt haben sich jedoch Hinweise darauf gehäuft, dass die Zeit nicht reichen wird, um das Lockdown-Ziel zu erreichen: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen drastisch zu reduzieren und den Inzidenzwert unter 50 pro 100.000 Einwohner zu senken, damit die Behörden bei der Nachverfolgung der Fälle wieder hinterherkommen. Schon beim Shutdown im November hatten die Ministerpräsidenten Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen) oder Markus Söder (Bayern) das Versprechen nicht halten können, die Maßnahmen würden nur bis in Ende November  gelten.

Simulationen von Forschern zeigen schon jetzt, dass allenfalls theoretisch die Möglichkeit besteht, bis zum 10. Januar bei den angestrebten Inzidenzwerten zu liegen.

Mit Blick auf die Feiertage stehen die Experten wohl noch vor einem weiteren Problem. Sie könnten Anfang Januar möglicherweise gar nicht in der Lage sein, die Wirksamkeit der aktuellen Lockdown-Maßnahmen richtig zu beurteilen. Denn sehr wahrscheinlich wird es bei den Testketten zu Unterbrechungen kommen. Nach den Wochenend- und Feiertagen führt das ab dem 4. Januar zu Verzerrungen. Etwa in dieser Woche werden sich die deutschen Länderchefs zusammensetzen müssen und mit der Kanzlerin über eine Lockerung der Maßnahmen beraten.

Doch ist das realistisch? Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne schrieb kürzlich einen Brief an Eltern von Schulkindern. Darin heißt es, dass man sich nach »Einschätzung des Landesgesundheitsamtes im Januar aller Voraussicht nach mit einer Situation konfrontiert sehen wird, die keine gesicherte Aussage über den tatsächlichen Inzidenzwert zulässt«. Diese Unsicherheit liege darin begründet, dass durch die Schließung von Arztpraxen und Labors weniger getestet wird.

»Im Verlauf der Pandemie hat sich gezeigt, dass gerade die Fallzahlen nach Wochenenden und Feiertagen eher eine Unterschätzung darstellen und mit Vorsicht interpretiert werden müssen. Dies gilt auch für den Jahresbeginn«, teilte das Landesgesundheitsamt dem SPIEGEL mit.

Die Labors scheinen allerdings weniger das Problem zu sein. Rund 200 solcher Einrichtungen werten für das Robert Koch-Institut derzeit PCR-Tests aus. In den letzten fünf Wochen waren es 1,3 und 1,4 Millionen Tests pro Woche. Die Rate der positiven Tests ist dabei stetig gestiegen und liegt derzeit bei rund 11,5 Prozent.

Laut dem Verband der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) werde auch an den Feiertagen gearbeitet. »Wie in jedem Jahr werden wir selbstverständlich auch an Weihnachten, Silvester und den Tagen dazwischen unsere Infrastruktur für alle medizinisch relevanten Fragestellungen aufrechthalten«, so Nina Beikert vom ALM. Das gelte sowohl für die SARS-CoV-2-Diagnostik als auch für alle anderen wichtigen Bereiche. Allerdings werden in dieser Zeit die Labors geringer besetzt sein, räumt der ALM ein. Die Testung von symptomatischen Personen, von Kontaktpersonen und vulnerablen Gruppen sei aber sichergestellt. Rückstau entstehe derzeit zuallererst, weil die Labors mit Lieferengpässen bei Testreagenzien und sonstigem Material zu kämpfen haben.

Einige Bundesländer äußerten sich ähnlich. Laut dem Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen seien die Personalkapazitäten auch für die Feiertage entsprechend eingeplant. Bei Engpässen werde man die Tests nach Prioritäten abarbeiten und symptomatische Patienten, Proben aus Krankenhäusern oder Proben im Zusammenhang mit einem Ausbruchsgeschehen zuerst behandeln. Auch in Sachsen würden Labors im Wochenendmodus über die Feiertage arbeiten, hieß es auf Anfrage.

Fragezeichen bei Ärzten und Gesundheitsämtern

Die Labors sind aber nur ein Teil der Kette. Es müssen auch genügend Ärzte und medizinisches Personal im Einsatz sein, um Abstriche zu nehmen. »Wir können allerdings nicht valide einschätzen, inwiefern Hausärzte durch Urlaub und Praxisschließung weniger testen«, teilte das Sozialministerium Sachsen mit. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung werde es aber an den Feiertagen eine deutlich höhere Besetzung in den Arztpraxen Sachsens als in den Jahren zuvor geben. Dem bayrischen Gesundheitsamt liegen keine Angaben über die Besetzung von Gesundheitsämtern, kommunalen Testzentren und Arztpraxen vor.

Üblicherweise vergeht zwischen Infektion, Test und Meldung der Testergebnisse an das RKI rund eine Woche. Im Verlauf der Pandemie kam es immer wieder zu Schwankungen vor allem nach Wochenenden. In Bayern wurde Ostern beispielsweise weniger getestet als zuvor. In der Regel werden an Samstagen und Sonntagen weniger Covid-19-Fälle an das RKI übermittelt als an anderen Tagen. Deshalb führt das Institut an Montagen deutlich geringere Fallzahlen auf als an anderen Wochentagen.

Der Wissenschaftler Thorsten Lehr glaubt, dass es schwierig sein wird, die Wirksamkeit der Maßnahmen aus den Statistiken zu erfassen. »Anfang Januar können wir wahrscheinlich erst mal nicht viel erkennen«, sagt der Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes. Er geht von stark schwankenden Zahlen aus und warnt davor, geringere Inzidenzwerte an einem einzigen Tag als Erfolg der Maßnahmen zu werten. Um diese wirklich erkennen zu können, müssten sich langfristigere Trends abzeichnen.

Auch bei der Menge der Krankenhauspatienten mit Corona könne man Anfang Januar noch nicht viel erkennen, da sich auch hier längere Verzögerung ergeben. Und ob das Verhalten der Menschen an Silvester, aus dem möglicherweise viele Neuinfektionen resultieren könnten, bereits in der Woche ab dem 4. Januar vollständig abgebildet werden kann, ist zweifelhaft. Dazu kommen Reiserückkehrer, die teils erst später im Januar einreisen werden.

Es sei auch immer noch nicht ganz klar, welchen statistischen Einfluss die Anfang November geänderte Teststrategie des RKI habe (mehr dazu lesen Sie hier). Seitdem werden bevorzugt Menschen mit eindeutigen Covid-19-Symptomen getestet und nicht mehr solche, mit milderen und unspezifischen Symptomen. Insgesamt werden seitdem rund zehn Prozent weniger Menschen auf das Virus untersucht, um Labors zu entlasten. Dadurch stieg der Anteil an Positivtests. Zudem könnte eine weitere Folge der geänderten Teststrategie sein, dass die Dunkelziffer steigt.

Kläranlagen als Virenmesser

Ein Mittel, um das Infektionsgeschehen besser und aktueller zu verfolgen, könnten systematische Virenanalysen in den Kläranlagen  sein. Über das Abwasser gelangen Ausscheidungen von Infizierten durch die Kanalisation in den Zulauf der Anlagen, wo über die Menge der Viren und die Zahl der angeschlossenen Haushalte Rückschlüsse auf die Verbreitung des Virus gezogen werden können.

In Deutschland wird an mehreren Stellen in diesem Bereich geforscht, um Tests zu entwickeln. Dass diese Strategie erfolgreich sein könnte, zeigt sich beispielsweise in Luxemburg. »Die Menge der Viren im Abwasser dort korrelieren sehr gut mit den Fallzahlen«, so Lehr. Deshalb ließen sich über solche Systeme auch Dunkelziffern leichter erkennen.

Mit Blick auf die Tests erscheint es erneut fraglich, ob der Lockdown Mitte des nächsten Monats beendet werden kann. Immerhin glaubt auch Kanzlerin Angela Merkel, dass es mit einer Prognose schwierig wird: Wie es Anfang Januar weitergeht, können wir heute noch nicht sagen, erklärte sie kürzlich.