Coronavirus Warum jetzt weniger Menschen an Covid-19 sterben

Mehr Infektionen, weniger Tote: Gemessen am rasanten Anstieg der Neuinfektionen mit dem Coronavirus stagniert die Sterberate auf niedrigem Niveau. Forscher und Ärzte haben dafür mehrere Erklärungen.
Versorgung eines Covid-19 Patienten: Die Ärzte haben mittlerweile mehr Erfahrung

Versorgung eines Covid-19 Patienten: Die Ärzte haben mittlerweile mehr Erfahrung

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Xavi Herrero/ ZUMA Wire/ imago images

Mit jedem Tag kommt derzeit eine schlechte Nachricht: Seit Ende September steigt die Zahl der Menschen in Deutschland wieder, die sich mit dem Coronavirus infizieren. Am heutigen Samstag meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) 4721 neue Corona-Infektionen. Damit ist Deutschland zwar noch weit von den Ansteckungsraten vom Frühjahr von über 6500 Menschen pro Tag entfernt, aber die Zahlen zeigen einen klaren Trend nach oben.

Doch nicht alles ist so, wie es am Anfang der Pandemie war - und das macht Hoffnung. Eine entscheidende Variable hat sich drastisch zum Positiven entwickelt: Trotz der hohen Ansteckungsrate genesen in Deutschland inzwischen mehr Menschen an Covid-19. Pro Tag sterben in Deutschland derzeit  rund 15 Menschen an Covid-19, bei mehr als 4700 Neuinfektionen. Im April waren es an manchen Tagen  rund 300 Tote, bei einer Neuansteckung von knapp über 3500 Menschen pro Tag.

Auch das Robert Koch-Institut vermeldete in seinen Tagesberichten, dass der Anteil der Covid-19-Verstorbenen derzeit kontinuierlich unter einem Prozent liege - und damit im Vergleich zum Infektionsgeschehen im Frühjahr deutlich abgenommen habe.

Über die Ursachen können auch die Mediziner erst einmal nur spekulieren. Sie haben unterschiedliche Erklärungen, sind sich aber in einem einig: Niemand geht davon aus, dass das Coronavirus ungefährlicher geworden ist. Eine Veränderung des Virus, die zu einem milderen Krankheitsverlauf führt, hält auch das Robert Koch-Institut für unwahrscheinlich .

Im Juni sorgten die Aussagen eines italienischen Mediziners Alberto Zangrillo aus Mailand für Furore, das Virus werde weniger gefährlich und sei seltener tödlich. Dem widersprachen aber schon damals internationale Infektiologen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die Wissenschaftler des RKI erklären sich die geringere Sterblichkeit hingegen eher dadurch, dass aktuell jüngere Menschen häufiger erkranken. Sie gelten als die Ursache für das derzeitige Explodieren der Ansteckungszahlen, haben aber normalerweise nur milde Covid-19-Symptome. Bisher gab es in Deutschland überhaupt nur zwei Todesfälle von unter 20-Jährigen ; 85 Prozent aller Todesfälle waren Menschen über 70 Jahre.

Das RKI rechnet zudem damit, dass die Kurve mit den Todesfällen erst zeitversetzt ansteigt. Schwere Krankheitsverläufe würden erst nach einiger Zeit sichtbar. "Die Krankengeschichte mit möglichem Tod ist meist sehr lang", so das RKI.

Weniger Virenlast bedeutet weniger Todesfälle

Doch auch unabhängig von Statistiken haben Ärzte in den vergangenen Wochen und Monaten festgestellt, dass Covid-19-Patienten weniger krank sind als noch im März und April. Diese Annahme bestätigt eine Studie des Mediziners Said El Zein  von der Wayne State University in Detroit. Zwischen März und Juni nahm El Zein im Detroiter Krankenhaus über 700 Abstriche von Covid-19-Patienten und prüfte diese auf ihre Virenlast. Bereits nach wenigen Wochen konnte er einen klaren Trend ausmachen: Immer mehr Proben zeigten eine geringere Virenkonzentration an.

"Alles deutet auf einen Zusammenhang zwischen anfänglicher Viruslast und Sterblichkeitsrate hin", erklärte El Zeihn. Der Studienautor geht davon aus, dass Abstand und Maskentragen, also die vermehrte Vorsicht der Menschen, zu einer geringeren Virendosis geführt hat. Denn je weniger Viren in den Rachenraum und schließlich in die Lunge eindringen, desto mildere Symptome hat der Infizierte.

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Das bestätigt auch Monica Gandhi, Ärztin für Infektionskrankheiten  an der Universität von Kalifornien in San Francisco. Durch das Tragen von Masken würde der Körper weniger Coronavirus-Partikel aufnehmen und es so dem Immunsystem leichter machen, mit der Krankheit umzugehen.

Konsens herrscht in der Forschung trotzdem nicht. Man rätselt nach wie vor. Manche Mediziner glauben beispielsweise, dass die erste Welle bereits die schwächsten Patienten hinweggerafft habe. Einige machen aber auch die besseren Behandlungsmethoden dafür verantwortlich - in vielen Krankenhäusern hat man dazugelernt. Dabei berichten Lungenärzte etwa vom richtigen Beatmungszeitpunkt, welche Medikamente in welcher Phase der Erkrankung helfen und dass mittlerweile auf Thrombosen und Lungenembolien geachtet werde.

Sinkende Todeszahlen sind ein weltweiter Trend

Auch weltweit entwickeln sich die Zahlen von Neuinfektionen und Todesfällen auseinander. Allerdings liegt in manchen Ländern die offizielle Zahl der Corona-Toten systematisch zu niedrig. Das passiert beispielsweise, wenn nur Tote in die Statistik eingehen, die zuvor positiv auf das Virus getestet worden waren, und in anderen Fällen keine Obduktionen stattfinden.

Bei den absoluten Sterberaten - also dem Anteil der Todesfälle aller bisher gemeldeten Ansteckungen in einem Land - liegen laut Daten der Johns-Hopkins-Universität  immer noch Italien und Mexiko ganz vorn. Die USA liegen mit 2,8 Prozent noch vor Deutschland, das sich mit insgesamt drei Prozent Sterberate im Mittelfeld befindet.

Freuen sollte man sich bei Corona ohnehin nie zu früh. In Deutschland steigt derzeit wieder die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Zuletzt befanden sich laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) 487 Menschen in Intensivbehandlung, 239 von ihnen müssen beatmet werden. So viele waren es seit Juni nicht mehr.

Laut RKI wurden im Frühjahr  rund 20 Prozent aller an Covid-19-Erkrankten ins Krankenhaus eingeliefert, in den vergangenen Wochen waren es rund fünf bis sechs Prozent.

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