Christian Stöcker

Pandemie und Klima Überraschte Politiker sind schlechte Politiker

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die dritte Coronawelle hat Deutschland erfasst, und manche Politiker sind wieder überrascht. Leider ist das ein globaler Trend: Exponentielles Tempo und damit ständige unangenehme Überraschungen werden zum Alltag.
CDU-Vorsitzender Armin Laschet

CDU-Vorsitzender Armin Laschet

Foto: Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Michael Ryan, bei der Weltgesundheitsorganisation für Pandemienotlagen zuständig, muss man ernst nehmen. Er war zum Beispiel 2000 und 2001 in Uganda, um den dortigen Ebola-Ausbruch zu bekämpfen. Im März 2020 sagte Ryan bei einer WHO-Pressekonferenz zur Coronapandemie:

»Perfektion ist der Feind des Guten, wenn es um Notfallmanagement geht. Geschwindigkeit schlägt Perfektion. Und das Problem, das wir im Moment haben, ist, dass alle Angst haben, einen Fehler zu machen, einen Irrtum zu begehen. Aber der größte Fehler ist, nichts zu tun. (…) Das Virus wird Sie kriegen, wenn Sie nicht schnell sind.«

Leute wie Ryan, die in ihrem Leben schon ein paar todbringende Epidemien bekämpft haben, nehmen die Welt anders wahr als die meisten. Das liegt daran, dass sie die katastrophalen Auswirkungen viraler – und das heißt im Zweifelsfall: exponentieller – Ausbreitung aus eigener Anschauung kennen.

Überraschte Fachleute überall

Wir Menschen sind leider sehr schlecht darin, exponentielles Wachstum zu verstehen . Das führt dazu, dass wir in Situationen mit exponentiellen Entwicklungen ständig überrascht werden. Man kann das im Moment an vielen Orten immer wieder beobachten, achten Sie mal darauf. Immer wieder kann man live miterleben, wie ausgewiesene Fachleute in ihren eigenen Fachgebieten Überraschungen erleben.

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Bergsteiger kennen das aus eigener Erfahrung

Wenn Sie schon einmal in den Bergen wandern waren, kennen Sie das: Man spaziert zunächst einen langsam ansteigenden Weg hinauf, steigt dann irgendwann durch den Wald deutlich steiler nach oben, die Oberschenkel fangen an zu brennen, der Atem wird schneller. Irgendwann dreht man sich um – und was erlebt man dann?

Man ist überrascht, dass man schon so weit oben ist. Das liegt daran, dass man die wachsende Steigung nicht in sein mentales Modell von der eigenen Position einbaut: Man ist viel weiter oben, als man dachte.

Armin Laschet, öffentliches Modell

So ungefähr muss man sich den menschlichen Geist im Umgang mit Exponentialkurven vorstellen: Die Kurve steigt zuerst relativ flach an, sie sieht fast aus wie eine konstante Steigung, eine Gerade. Der immer steilere Anstieg weiter hinten ist unter den Bäumen versteckt. So ist das wirklich: Viele Menschen setzen, wenn man ihnen Aufgaben vorlegt, in denen es um exponentielles Wachstum geht, als gedankliche Abkürzung ein lineares Wachstum ein und machen deshalb grobe Fehler.

Beschleunigung geht schlecht in unsere Köpfe, und das gilt nachweislich  auch für Pandemien.

Der CDU-Vorsitzende Armin Laschet liefert im Moment eine Art öffentliches Modellbeispiel für diese kognitive Einschränkung. Im März 2021 sagte Laschet im Landtag in Düsseldorf: »Wir hatten die Hoffnung, aus der Erfahrung des letzten Jahres, dass, wenn der Frühling kommt, es wärmer wird, die Virusansteckungen zurückgehen und die Zahlen sinken, und wir erleben im Moment genau das Gegenteil.«

Die Beine tun schon weh

Unklar blieb, wen genau Laschet mit »wir« meinte, denn eigentlich hatte das kaum jemand erwartet. Laschet wirkte wie ein Bergwanderer, der mitten im Hang hofft, dass es demnächst bestimmt mal wieder bergab geht, weil ihm die Beine schon wehtun.

Über Ostern dachte Laschet dann nach. Das Ergebnis war offenbar die Wortschöpfung »Brücken-Lockdown«. Es seien mehr Tempo und klare Entscheidungen notwendig, fand Laschet jetzt.

Politik muss schneller werden, unbedingt

Als Laschet mit dem Nachdenken begann, lag die Zahl der Coronapatienten in Intensivbehandlung bei 3729. Als er zu Ende nachgedacht hatte, lag sie bei 4144. Es waren also in vier Tagen 415 Corona-Intensivpatienten dazugekommen, das sind über 11 Prozent. Am Donnerstag lag die Zahl dann bei 4474, das ist eine Zunahme von fast 20 Prozent innerhalb einer Woche. Die Leute an der Front, in den Kliniken, wissen längst, was auf sie zukommt : eine Katastrophe.

Die meisten Covid-Intensivpatienten werden, auch wenn sie überleben, »ihr Leben lang gezeichnet sein«, wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach das kürzlich in einer Talkshow formulierte.

Die deutsche Politik ist im Moment schlicht zu langsam für diese Krise. Der bräsige Alte-Bundesrepublik-Modus, in dem Bund und Länder seit Monaten vor sich hin lavieren, passt nicht zu einer Situation, die von Beschleunigung bestimmt wird. Es ist deshalb gut, wenn der Bund – auch wenn sich das Gesundheitsministerium wahrlich nicht mit Ruhm bedeckt hat in letzter Zeit – jetzt mehr Kompetenzen zur Pandemiebekämpfung an sich zieht. Föderalismus ist gut, um eine Diktatur unwahrscheinlicher zu machen, aber miserabel, wenn es schnell gehen muss.

Land unter, weltweit

Politik muss insgesamt sehr viel schneller und vorausschauender werden, denn exponentielle Krisen bekommen wir noch mehr. Der globale CO₂-Eintrag in die Atmosphäre etwa wächst weiterhin annähernd exponentiell, mit einer kleinen Coronadelle . Wir bewegen uns auf Kipppunkte zu, nach deren Verstreichen das Erdsystem irreversibel verändert sein wird. Eine neue Studie  legt zum Beispiel nahe, dass das Abschmelzen des Antarktis-Eisschilds möglicherweise nicht mehr aufzuhalten ist.

Wenn das passiert, steigt der Meeresspiegel um mindestens zweieinhalb bis drei Meter . Das wird viele Jahrzehnte dauern, aber unaufhaltsam weitergehen. Und auch der Zusammenhang zwischen globaler Durchschnittstemperatur und Meeresspiegelanstieg ist exponentiell: je heißer, desto schneller .

Einer Studie  von 2019 zufolge leben auf der Erde derzeit bis zu 630 Millionen Menschen in Regionen, die dann zu Überflutungsgebieten werden. Man wird für das, was dann passiert, ein größeres Wort erfinden müssen als »Flüchtlingskrise«. Zumal parallel riesige Gebiete durch Dürrekatastrophen unbewohnbar werden könnten, darunter Teile der USA  und Südeuropas .

Wenn wir nicht endlich handeln

Es lauern noch mehr derartig unangenehme Überraschungen in der nahen Zukunft. Wir steuern auf eine Zeit der permanenten globalen Notfälle zu. Überraschung ist eigentlich, wie bei Covid-19, nicht zwangsläufig, denn wir wissen ja längst, dass das so ist.

Noch mal Michael Ryan: »Der größte Fehler ist, nichts zu tun.«