Christian Stöcker

Populismus und Corona Stunde der Wahrheit für die Politik der Lüge

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
In den USA, Brasilien und Großbritannien regieren Männer, denen Fakten egal sind, wenn es um ihre Macht geht. Eine Pandemie aber lässt sich nicht weglügen. Das zeigt sich jetzt immer deutlicher.
Trump und Johnson als Wandgemälde in Bristol

Trump und Johnson als Wandgemälde in Bristol

Foto: Matt Cardy/ Getty Images

Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen den USA, Brasilien und Großbritannien was das politische System, die Traditionen, das Selbstverständnis und die Geschichte angeht. Eines aber haben die drei Länder gemeinsam: Sie gehören zur weltweiten Spitzengruppe, was die täglichen Todesfälle durch Covid-19 angeht.

Auch die politischen Anführer Donald Trump, Boris Johnson und Jair Bolsonaro verbindet ein entscheidender Zug: Sie betrachten Fakten als optional. Sie haben keinerlei Scheu davor, öffentlich zu lügen. Sie interessieren sich mehr für ihr eigenes Fortkommen als für die Interessen ihrer Bevölkerung. Die populistische Lüge als primäres Mittel der Politik hat allen dreien in der Vergangenheit gute Dienste geleistet.

Alles verziehen, alles ignoriert

Mit der Lüge als Mittel der Politik ist es aber so eine Sache: Sie kann kurzfristig hervorragend funktionieren und dem Lügner, wenn er auf eine verführungswillige Wählerschaft trifft, erstaunliche Erfolge bescheren. In gewissen Grenzen, das hat vor allem Donald Trump aufs Schauerlichste bewiesen, kann man sogar mit fortgesetzten, nachweislichen Lügen Erfolg haben. So lange nämlich, wie die eigene Wählerbasis alles ignoriert oder verzeiht, was sich ignorieren oder verzeihen lässt, wenn nur die eigenen Ressentiments verlässlich weiter bedient werden.

Donald Trump und Jair Bolsonaro fördern das Wohlbefinden ihrer rechten bis rechtsextremen Wählerschaft, indem sie Minderheiten abwerten. Und Boris Johnson streichelte lange sehr erfolgreich die geschundenen postimperialen Seelen all jener Pro-Brexit-Briten, die ihr Land einfach gern wieder so wichtig, mächtig, unabhängig und unerschrocken sehen wollten wie zur Kolonialzeit.

Die nachgewiesenen, fatalen Lügen der Brexiteers sind längst ziemlich deutlich sichtbar, aber die Bereitschaft, das eigene Ressentiment über die Realität zu stellen, scheint bei Teilen der britischen Wählerschaft ungebrochen.

Die Reflexe der Lügner

Die Reflexe der drei populistischen Lügner waren auch im Zusammenhang mit dem Coronavirus die gleichen: abwiegeln, für irrelevant erklären, sich über die Besorgnis von Fachleuten lustig machen, mit dem Ignorieren von sinnvollen Ratschlägen zum Selbstschutz "Männlichkeit" demonstrieren. Boris "Ich gebe weiterhin jedem die Hand" Johnson sieht all das nach seinem Corona-bedingten Aufenthalt auf der Intensivstation sicher ein bisschen anders. Versagt hat seine Regierung bei der Bekämpfung der Pandemie trotzdem. Kein anderes europäisches Land hat das Virus so hart getroffen wie Großbritannien. Auch Spanien oder Italien nicht, wenn man sich die Zahl der Opfer ansieht.

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Und die Briten haben das auch verstanden. Eine überwältigende Mehrheit ist mit der Leistung ihrer Regierung in der Krise unzufrieden , Johnsons eigene Popularitätswerte sind zwar nach wie vor erstaunlich hoch, sinken aber . Eine Mehrheit ist der Meinung, dass er seine Arbeit nicht gut macht. Prognose: Das wird noch schlimmer.

"Schlecht oder schrecklich"

Aus Brasilien gibt es keine aktuellen Zahlen, aber schon Ende Mai sagten 49 Prozent der Brasilianer einer Umfrage zufolge, sie rechneten damit, dass der Rest von Bolsonaros Amtszeit "schlecht oder schrecklich" verlaufen würde. Und das war, deutlich bevor Brasilien sich an die Spitze der Statistik für Covid-19-Tote pro Tag setzte. Dank der Besonderheiten des politischen Systems in Brasilien muss das Bolsonaro aber womöglich zunächst gar keine großen Sorgen machen . Sehr peinlich jedenfalls, dass ein Gericht ihn jetzt zwingt , endlich eine Maske aufzusetzen.

Am deutlichsten sieht man, wie sich Realitätsverleugnung im Angesicht einer Pandemie auch politisch rächt, in den USA. Über die bemerkenswerten Umfrageergebnisse von Kandidat Joe Biden im Vergleich zu Donald Trump ist in der vergangenen Woche viel geschrieben worden. Einer der interessantesten Teilaspekte ist, welche Wählergruppen, die eigentlich den Republikanern zuneigen, sich gerade von Trump abwenden: Weiße im Rentenalter  zum Beispiel.

Tödliche Propaganda

Ein drastischer Beleg für die tödliche Wirkung der Propaganda, die Trump und seine Verbündeten in den Medien verbreitet haben, zeigt sich in aktuellen Studien zum Zusammenhang von Medienkonsum und Umgang mit dem Virus: Fans von Trumps Lieblingsmoderator bei Fox News, Sean Hannity, ignorierten empfohlene Schutzmaßnahmen  demnach beispielsweise besonders lang. So etwas hat Folgen.

Man kann den Trump-Effekt auch direkt an der Anzahl neuer Fälle ablesen, die in Bundesstaaten oder Kreisen auftreten, die bei der Wahl 2016 mehrheitlich für ihn gestimmt haben: Dort steigen die erfassten Neuinfektionen an, während sie in Gegenden, in denen Hillary Clinton vorn lag, abnehmen.

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Die eher demokratisch orientierten Küstenregionen traf es zuerst, die Staaten des mittleren Westens und Südens aber wird es womöglich umso härter treffen - auch deshalb, weil viele dort die Propaganda von Trump und Fox News glauben, das Tragen von Masken  sei ein linker Spleen.

Düstere Gemeinsamkeit

In den USA scheinen die Infektionszahlen im Moment eher wieder zu- statt abzunehmen. Fachleute rechnen mit einem weiteren heftigen Anstieg der Opferzahlen  in den kommenden Wochen.

Weiße Wähler über 65, wie sie etwa im "Battleground State" Florida in großer Zahl zu finden sind, fragen sich offenbar langsam doch, ob der Präsident wirklich auf ihrer Seite  steht. Weit über 80.000 der mehr als 120.000 Covid-19-Toten in den USA stammen aus ihrer Altersgruppe. "Die Leistung des Präsidenten und sein demonstratives Interesse dafür, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, statt Tote unter den besonders Verletzlichen zu verhindern, kam bei diesen Wählern nicht gut an", so eine Kommentatorin in der "New York Times".

Hier liegt eine düstere Gemeinsamkeit zwischen Großbritannien, Brasilien und den USA: Je mehr Menschen an dem Virus sterben, desto größer wird die Zahl derer, denen die Pandemie plötzlich auf entsetzliche Weise konkret erscheint. Immer mehr Menschen, immer mehr Wähler, werden jemanden persönlich kennen oder von jemandem wissen, der an Covid-19 gestorben oder zumindest schwer erkrankt ist. Ein persönlicher Bezug macht die Krise real - und entlarvt die Abwiegel-, Ablenk-, Ausweich- und Leugnungstaktik der Populisten nachhaltiger, als jeder Medienbericht es jemals könnte.

Trump-Hilfe hilft nicht mehr

Die Anzeichen mehren sich, dass auch der Enthusiasmus von Donald Trumps Wählerbasis schwindet, nicht nur wegen der für den Präsidenten enttäuschenden Besucherzahlen seiner Wahlkampfveranstaltung in Tulsa. Von Trump favorisierte Kandidaten verloren bei mehreren Vorwahlen der Republikaner. Mehrere republikanische Kandidaten für den Senat, die Trumps Unterstützung haben, stehen in Umfragen schlechter da als die demokratischen Konkurrenten . Wenn wieder mehr Menschen sterben, werden sich mehr und mehr republikanische Kandidaten fragen, ob es wirklich klug war, ihr politisches Schicksal von einem narzisstischen Lügner abhängig zu machen.

Wie immer bei Trump gilt hier selbstverständlich: Wie es am Ende ausgeht, wird man erst nach der Wahl im November sehen.

Im Moment aber scheinen die Entwicklungen in Brasilien, Großbritannien und den USA eines zu bestätigen: Die Politik der Lüge funktioniert nicht mehr, wenn Menschen sterben.

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