Christian Stöcker

Corona und QAnon Das Unbehagen der deutschen Nazis

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Bei der Corona-Skeptiker-Demonstration am vergangenen Samstag war der Verschwörungsglaube QAnon überall präsent. Auch bekannte deutsche Rechtsextreme posierten mit Q-Schildern. Das verwirrte sogar sie selbst.
Christopher Zloch (vorne Mitte) und Gleichgesinnte bei der Demonstration in Berlin Ende August

Christopher Zloch (vorne Mitte) und Gleichgesinnte bei der Demonstration in Berlin Ende August

Foto: Endstation Rechts

Zum Einstieg eine kleine Quizfrage: Wer hat das hier geschrieben? 

"Eine Revolution, die sich gegen ein totalitäres System stellt, kann doch nicht einfach beendet werden, weil der Staat sagt, dass die Party vorbei ist." 

"Die Polizisten waren alles andere als deeskalierend. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass man Gewalt geradezu provozieren wollte." 

"Viele der Menschen, die dort waren, wollen das System nicht verändern - sie sind das System."

Jetzt haben Sie spontan an Linksextremisten gedacht, stimmt’s? Irgendwas mit G20-Protesten oder so. Diese Sätze stammen aber von einem Herrn mit dem bürgerlichen Namen Zloch, den das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz als "bedeutenden Akteur in der bundesdeutschen identitären Musikszene" einstuft, einem zertifizierten Rechtsextremisten also. Sein Künstlername lautet Chris Ares. Mittlerweile klingt der Mann manchmal wie die Vertreter der ganz anderen Seite des politischen Spektrums. In einem mittlerweile gelöschten Messenger-Post nannte er einen brutal vorgehenden Polizisten ein "Sch*ein", das "öffentlich gemacht werden" müsse. 

Zloch ist ein bisschen verwirrt - aber nicht nur in Sachen rechts und links.

Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker eint viel 

Weil er rechtsextrem ist, haben Spotify und YouTube den Mann, der Hip-Hop für seinesgleichen macht, kürzlich hinausgeworfen. Reichlich spät übrigens.

Zloch und Leute wie er haben über Jahre sehr von den spezifischen Eigenschaften der algorithmischen Sortiersysteme von Plattformen wie YouTube und Facebook profitiert, denn sie liefern genau den Wut-erregenden Content, der auf solchen Plattformen am besten läuft .

Das haben Rechtsextreme mit Verschwörungstheoretikern gemeinsam. Und da enden die Gemeinsamkeiten nicht, im Gegenteil. Die momentan erfolgreichste Verschwörungstheorie der westlichen Welt, QAnon, kleidet viele klassische Nazithemen gewissermaßen in ein neues, präapokalyptisches Gewand: den Glauben an eine Weltverschwörung, Antisemitismus, demonstrative Sorge um Opfer von sexueller Gewalt gegen Kinder, den Glauben an einen übermächtigen Führer, der alle erretten und die Welt wieder ins Lot bringen wird.

Telegram-Kanäle mit Hakenkreuzlogo

Trotzdem war ich persönlich dann doch ein bisschen überrascht, als ich Herrn Zloch und eine ganze Truppe von Gleichgesinnten auf einem Foto, das vergangenen Samstag in Berlin aufgenommen wurde, mit großen QAnon-Werbeschildern posieren sah. Neben Zloch kniet in der Szene, die aus einem anderen Winkel aufgenommen auch auf Zlochs offiziellem Instagram-Kanal veröffentlicht wurde, dessen Freund und Mitbewohner, ein Fitnesstrainer. Dieser Mitbewohner hatte, das ist auf einem weiteren Foto zu sehen, die Q-Schilder wohl selbst mitgebracht. Verwirrend waren das Foto und seine Entstehungsgeschichte offenbar nicht nur für mich, sondern auch für die Beteiligten.

Der Messenger Telegram ist längst zum neuen Facebook für Verschwörungsverwirrte und Extremisten geworden, weil dort so gut wie keine Kontrolle ausgeübt wird. Es gibt dort sogar deutschsprachige Kanäle mit Hakenkreuzlogo.

In einem deutschen QAnon-Kanal mit über 24.000 Abonnenten erkannte man auf dem Foto von Zloch und seinen aufgepumpten Kumpels die "Antifa". Die posieren hier doch offenbar in propagandistischer Absicht mit Q-Plakaten: "Merkt Euch die Gesichter!" (der Post ist mittlerweile gelöscht, aber es gibt Screenshots).

Wer hat denn die Schilder nun mitgebracht?

Umgekehrt war auch Zloch im Nachhinein offenbar nicht mehr so richtig glücklich über das Foto mit Q-Propagandamaterial: "Nun haben einige Leute gefragt, ob wir dieser 'Strömung' angehören. Nein, das tun wir nicht." Er habe gar nicht gewusst, "was konkret das zu bedeuten hat". Weiter unten heißt es dann: "Wer sich auf unsere Bilder – bei öffentlichen Treffen – dazustellt, können wir nicht beeinflussen."

Das verwundert etwas, denn mitgebracht hatte die Q-Schilder, wie auf einem anderen Bild deutlich zu sehen ist, eben Zlochs Mitbewohner, er kam gemeinsam mit einer "Jugendbeauftragten"  der AfD im Allgäu. Die hat mittlerweile auch erklärt, sie wisse gar nicht, was das Q bedeute. Zloch selbst kniet auf dem Bild direkt hinter einem Q-Plakat.

Der "Compact"-Chefredakteur mit Q-Button 

Auf einem weiteren Bild von der Begegnung ist die AfD-Jugendbeauftragte mit dem Schilderstapel in der Hand zu sehen, und neben ihr steht Jürgen Elsässer, der Chefredakteur des Magazins "Compact". Das hat der Verfassungsschutz kürzlich als Verdachtsfall eingestuft. Elsässer trägt auf dem Bild einen Button mit dem Buchstaben Q darauf am Revers. Das Magazin war bei der "Demonstration", die schließlich auf die Reichstagstreppe hinauf eskalierte, auch mit einem Schild mit großem Q vertreten (ergänzt um den Begriff "Querdenker") und ließ Augenzeugen zufolge Q-Fähnchen verteilen. 

Manche Hardcore-Q-Leute finden die sogenannten "Querdenker" selbst, die zur Demo aufgerufen hatten, gar nicht gut und sehr suspekt. Alles sehr verwirrend.

Putin als Zweitheiland

Klar ist aber: Ein Teil der deutschen rechtsradikalen und rechtsextremen Szene hat sich der "Trump ist der Heiland"-Verschwörungstheorie bereits offensiv verschrieben. Viele Reichsbürger sind Fans. Mittlerweile spielt auch Wladimir Putin auf manchen Transparenten ein bisschen als Zweitheiland mit, was wiederum gut zu den intensiven Beziehungen der neuen Rechten à la "Compact" und AfD nach Russland passt. Für Putins Propagandisten ist QAnon ein Geschenk des Himmels: ein nahezu perfektes Destabilisierungs- und Verwirrungsinstrument, das sich fast von selbst vermarktet.

Bauchschmerzen bei Herrn Zloch

Manch anderer aber, so wie Herr Zloch, haben mit der direkten Verknüpfung mit dem neuen Verschwörungs-Hit offenbar doch noch ein bisschen Bauchschmerzen. Immerhin geht es bei QAnon ja auch um so unappetitliche Dinge wie unterirdische Geheimeinrichtungen, in denen Kinder gequält werden, um an einen Stoff zu kommen, der die heimlichen "Globalisten"-Eliten dann angeblich unsterblich machen soll. Manchmal ist auch davon die Rede, dass Hillary Clinton heimlich Masken trägt, die aus den abgeschnittenen Gesichtern gequälter Kinder hergestellt werden. Ich denke mir das nicht aus.

In Zlochs Telegram-Kanal finden sich viele weitere, teils durchaus komische Beispiele für die Verwirrung, ob all der neuen Allianzen. Zitat aus Zlochs "Demobericht": "Von kiffenden Rastafari-Männern bis zum rechten Rand war alles dabei; und das ist gut so. Eine pluralistische Gesellschaft muss das aushalten können."

Erschreckend populär

Über den letzten Satz musste ich persönlich laut lachen, immerhin hat Zloch nach den Naziaufmärschen in Chemnitz vor zwei Jahren noch gebrüllt, die heimlichen Herrscher in Deutschland wollten doch nur "ihr krankes, verschobenes, buntes, vielfältiges, tolerantes Weltbild durchpressen", und zwar "mit aller Gewalt". Da fand er das mit der pluralistischen Gesellschaft noch nicht so gut.

"QAnon will jedermann eine Heimat bieten", hat Charlie Warzel, der sich für die "New York Times" intensiv mit der mittlerweile sektenhaften "Bewegung" beschäftigt , kürzlich gesagt. In den USA ist die Verschwörungstheorie, die Trump persönlich immer wieder füttert, weil sie ihm treue Wähler bescheren dürfte, mittlerweile entsetzlich populär. Auch wenn eine aktuelle, erschreckende Umfrage zum Thema  methodisch etwas umstritten ist. Der zufolge halten über 50 Prozent der Wähler der Republikaner QAnon für weitgehend oder teilweise wahr. 

Die deutsche Rechte ringt gerade sehr öffentlich mit der Frage, ob sie sich dem irren Trump-Kult anschließen will – oder sich vielleicht doch eher davor fürchtet, geschluckt zu werden.

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