Christian Stöcker

Corona-Verschwörungstheorien Detlef, Ken und Attila wissen Genaueres

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
In den sozialen Medien und mittlerweile auch auf der Straße formiert sich in Sachen Corona gerade eine Allianz des Schwachsinns. In Teilen gewaltbereit. C-Prominente mit Sehnsucht nach Aufmerksamkeit machen mit.
Reichweite mit Aluhut: Es formiert sich eine neue Allianz des Schwachsinns, über Geschäftsmodelle hinweg.

Reichweite mit Aluhut: Es formiert sich eine neue Allianz des Schwachsinns, über Geschäftsmodelle hinweg.

Foto: Boris Roessler/ dpa

Im Jahr 2004 zog der Fernseh-Tanzlehrer Detlef D! Soost gemeinsam mit anderen in eine Almhütte ein, um sich beim Güllebad filmen zu lassen. Ich habe Leute, die ihren Lebensunterhalt mit solchen Sachen verdienen, damals als "mediale Dorfdeppen" bezeichnet, das war nicht nett, zugegeben.

Aber im Moment scheint der Begriff eine Art unheilvolle neue Aktualität zu gewinnen. Im Gedächtnis geblieben ist mir eine Szene aus "Die Alm", in der Soost einem ebenfalls zum Ensemble gehörenden Ex-Boxer im Kontext eines Nacktbades nachdrücklich empfahl, sich "endlich mal den Schwanz zu rasieren" (aus dem Gedächtnis zitiert). Schon da hatte ich das Gefühl, dass Soost mit solchen barsch vorgetragenen Anweisungen ein bisschen seinen Kompetenzbereich überschritt.

Das macht er jetzt wieder, aber diesmal geht es um mehr als Körperbehaarung. Auf Instagram folgen Soost knapp 48.000 Leute, die in der Regel vermutlich eher an Fitnesstipps oder seinen Motivationsratschlägen interessiert sind. Im Moment aber interessiert sich der Tanzlehrer selbst mehr für Pandemiebekämpfung und Bürgerrechte.

Im Dialog mit einem Apotheker und einem offenbar sehr aufgeregten Publikum schwadronierte er diese Woche live von einer angeblich kurz bevorstehenden "Impfpflicht" gegen Corona (während ein Impfstoff noch nicht einmal in Sicht ist), brachte das irgendwie mit dem Thema "Meinungsfreiheit" in Verbindung und redete auch sonst allerlei Unsinn. Dazwischen sagte er dann mit weit aufgerissenen Augen, augenscheinlich in Reaktion auf einen Kommentar im Livechat: "KenFM ist jetzt nicht so schlecht. Extrem, aber hat auch den einen oder anderen positiven Ansatz!" Dann verlas er gleich noch einen Demo-Aufruf aus dem Chat.

Wir nennen es nicht Lager, wir nennen es Corona-Krankenhäuser"

Was der "Chefredakteur" (Selbstbezeichnung) von KenFM, Ken Jebsen, unter einem "positiven Ansatz" zum Thema Covid-19 versteht, kann man in etwa so zusammenfassen: Die Corona-Auflagen sind ein von einer dunklen, globalen "Elite" geplanter Schritt in eine "Diktatur". Ärztinnen und Pflegekräfte sind im Grunde die SS von heute: "Wir nennen es nicht Lager, wir nennen es Corona-Krankenhäuser". Auch KZ, Josef Mengele, die "Rassegesetze" (sic) und "Menschenexperimente" der Nazis haben Auftritte in dem zitierten Video. Alles vorgetragen in einem heiteren, superaufgeklärten Flüsterton. Der Ken kennt sich aus!

Im gleichen Clip, in dem die erstaunlichen KZ-Vergleiche auftauchen, behauptet Jebsen, es sei ja in Deutschland "wahnsinnig gefährlich" im Moment "irgendwas zu sagen". Was vermutlich an dieser Weltverschwörung liegt, die eine Pandemie in Gang gesetzt hat, angeführt von Bill und Melinda Gates. Das Wort "Machtergreifung" fällt und der Satz, dass es nicht einmal im Bombenkrieg unter Hitler eine "Ausgangssperre" gegeben habe. "Positive Ansätze"?

Dinge mit dem Holocaust vergleichen

Die Nazizeit, der Holocaust und Dinge mit dem Holocaust zu vergleichen sind die eigentlichen Fixpunkte in Jebsens erratischem Werk. Das hat ihn vor Jahren auch seinen Job bei einem öffentlich-rechtlichen Radiosender gekostet , und seitdem klärt er auf, was das Zeug hält, finanziert von Leuten, die so etwas mögen. Und fragt sich die ganze Zeit, wer "die Medien" eigentlich "kontrolliert". Jebsen ist eine Art Aushilfs-Alex-Jones ("Infowars") im deutschen Kleinformat. Nur Wunderpillen verkauft er noch nicht.

Jebsens eigentliches Kernpublikum ist die Sorte von Leuten, die jetzt auch den Demonstrationsaufrufen des YouTube-Koches Attila Hildmann folgen: Verschwörungsgläubige, Rechtsradikale und andere Durchgeknallte. Allerdings empfehlen mittlerweile auch eine Vocoder-unterstützte Popsängerin (aktueller Song: "Fuckboy") und eine Dame, die sich für Instagram in Unterwäsche fotografieren lässt, Jebsens Videos. Beide haben viel Social-Media-Reichweite, die Sängerin sogar noch mehr als die Dame in Unterwäsche. Irgendwo im Hintergrund schluchzt Xavier Naidoo leise in eine Kamera .

Allianz des Schwachsinns

Am vergangenen Mittwoch traf sich, von Naidoos Kumpel, dem Koch Attila Hildmann eingeladen, vor dem Reichstagsgebäude ein illustres Grüppchen: Leute in Neonazi-Mode, Fans der Reichsbürgeridee von der illegitimen "BRD GmbH" und andere, die irgendetwas wissen, was dem Rest von uns verborgen bleibt. Einer hatte ein Schild mit der Aufschrift "Gib Gates keine Chance" dabei. Hildmann selbst sprach in eine Kamera hinein auch von Bill Gates, der Teile der Menschheit ausrotten wolle. Und von der "NWO", der sogenannten New World Order, was im Grunde die aktuelle Abkürzung für "jüdische Weltverschwörung" ist, von "Bilderbergern", "Geheimgesellschaften" und "Freimaurern".

Dem "Tagesspiegel" zufolge  nannte Hildmann Gates in einem geschlossenen Kanal im Messenger Telegram danach auch noch "Kinderschänder" und "Satanist". Das wiederum verweist auf die aktuell hippe QAnon-Verschwörungstheorie, deren Fans Donald Trump für den Heiland halten, und die offenbar auch den Massenmörder von Hanau inspiriert hat (und diverse Gewaltverbrechen in den USA). Das FBI hat QAnon als terroristische Bedrohung eingestuft.

Hildmann lässt sich mittlerweile auch von erfahrenen kommerziell motivierten Verschwörungserzählern in seinem Instagram-Account besuchen. Es formiert sich eine neue Allianz des Schwachsinns, über Geschäftsmodelle hinweg. Hauptsache Reichweite.

Jetzt wird es schmerzhaft

Im Verlauf der Hildmann-Demo in Berlin attackierte ein korpulenter Glatzkopf einen Tonmann der ARD mit einem Tritt und wurde daraufhin von mehreren Polizisten zu Fall gebracht und verhaftet.

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Wenige Tage vorher griffen 15 bis 20 Leute offenbar gezielt ein Team der "heute-show" extrem brutal und offenbar teils bewaffnet an. Zwei Tage vorher hatte ein "Kommentator" bei KenFM den Besuch dieses "heute-show"-Teams bei der Demo erbost angekündigt. In dem Text kommen auch die Begriffe "Widerstand", "Wut" und "die Faust in der Tasche" vor.

Das ist alles nicht mehr lustig

Mit anderen Worten: Was der Detlef, der Ken, der Xavier und der Attila da machen, ist schon lange nicht mehr lustig. Die medialen Dorfdeppen überzeugen zwar nicht allzu viele Leute mit ihrem Unsinn, aber sie erreichen im Zeitalter der sozialen Medien eben deutlich mehr Publikum, als das früher möglich war. Und es gibt mehr Nachschub an Schwachsinn. Naidoo weiß jetzt auch, wo Atlantis liegt , kein Witz.

Und von denen, die sich gern überzeugen lassen, sind ein paar offenbar zu Gewalt bereit.

Wenn jemand die eigentlich ja am Ende doch immer gleiche Basis-Verschwörungserzählung von der globalen Elite, die uns alle heimlich kontrolliert, erst mal glaubt, lässt sich jedes beliebige Nachrichtenereignis in dieses erzählerische Gerüst einhängen. Auch, mit etwas Logik-Gymnastik, eine globale(!) Pandemie.

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Ist man dem Klub der Erleuchteten erst einmal beigetreten, findet man sich auf Demos dann plötzlich neben Nazis und Reichsbürgern wieder. Aber egal! Gelegentlich muss man halt noch ein paar zusätzliche Berufsgruppen zum Kreis der Verschwörer hinzufügen. Zuerst waren es Journalisten, dann Klimaforscher und jetzt eben Mediziner. Die Verschwörung muss mittlerweile gigantische Ausmaße haben.

Ein kleines bisschen Hoffnung

Anders als Detlef, Ken, Attila, Xavier und all die anderen nicht müde werden zu behaupten, herrscht in Deutschland durchaus Meinungsfreiheit. Das kann man gut daran erkennen, dass sie selbst folgenlos und fortgesetzt Unsinn verbreiten und Leute aufhetzen dürfen. Auch wenn sie noch so oft demonstrativ vor der Kamera um ihr Leben bangen oder ankündigen "in den Untergrund" zu gehen, wie Hildmann.

Umgekehrt steht es der deutschen Mehrheitsgesellschaft frei, die Verschwörungserzählungen als Schwachsinn zu betrachten, die Tanzlehrer, Köche, Sängerinnen, YouTuber und Unterwäschemodels verbreiten. Und das tut sie ja auch überwiegend.

Bei manchen der Verschwörungsweitererzähler könnte man allerdings die Hoffnung haben, dass sie vielleicht doch nicht ganz glücklich mit ihren neuen Fans sind. Damit, dass sie jetzt eine Klientel anfeuern, zu der Leute gehören, die Kamerateams mit Totschlägern angreifen.

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