Coronakrise Warum die Pandemie die Wettervorhersage schlechter macht

Wegen der Coronakrise sind weniger Flugzeuge in der Luft. Meteorologen fehlen damit wichtige Wetterdaten für ihre Modelle. Doch ein anderes Problem könnte die Vorhersagen schon bald noch viel stärker beeinflussen.
Messstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf dem Brocken im Harz: Neben Messwerten vom Boden sind auch Satelliten- und Flugzeugdaten für die Wettermodelle wichtig

Messstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf dem Brocken im Harz: Neben Messwerten vom Boden sind auch Satelliten- und Flugzeugdaten für die Wettermodelle wichtig

Foto: Swen Pförtner/ dpa

Das Wetter ist durchaus relevant für die Ausbreitung des Coronavirus. Wenn die Sonne scheint, drängt es mehr Menschen nach draußen. Halten sie sich dann nicht an die Abstandsregeln, kann der Erreger leichter weitergetragen werden. Interessanterweise hat die Coronakrise aber auch einen Einfluss aufs Wetter, besser gesagt: auf die Wettervorhersage.

Verantwortlich dafür ist der massive Rückgang des Luftverkehrs. Weil weniger kommerzielle Jets als sonst in der Luft sind - weltweit lag das Minus in der letzten Märzwoche im Vergleich zum Vorjahr bei etwa 70 Prozent  - erhalten Meteorologen aktuell auch weit weniger Daten für ihre Prognosen als sonst.

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Der Deutsche Wetterdienst (DWD) zum Beispiel füttert sein globales Modell "Icon" jeden Tag mit rund 5,3 Millionen Messwerten. Diese stammen zwar zu mehr als 80 Prozent von Satelliten, allerdings auch zu zehn Prozent von Flugzeugen. Die restlichen Informationen steuern zum Beispiel Stationen am Boden bei, aber auch Wetterballons.

Nun fehlen die Messungen, die viele Jets automatisch an das sogenannte Aircraft Meteorological Data Relay Programme (AMDAR) übermitteln. Vor allem aus der Region über dem Atlantik müssen die Modelle mit weniger Daten auskommen. "Es ist nicht so, dass die Systeme total schlecht wären ohne Flugzeugdaten", sagt Detlev Majewski, Leiter der DWD-Abteilung für meteorologische Analyse und Modellierung, dem SPIEGEL. Man riskiere aber zum Beispiel, ein sich jetzt näherndes Tiefdruckgebiet vielleicht einen Tag später zu erkennen als sonst, so der Meteorologe, oder dessen Zugbahn etwas ungenauer als normalerweise vorherzusagen.

Neun speziell ausgerüstete Lufthansa-Jets - und alle am Boden

Warum können nun Satelliten das Problem nicht allein lösen? Kann nicht zum Beispiel das neue europäische Observatorium "Aeolus" Winddaten liefern, die bisher von Flugzeugen kamen? Beim DWD testet man noch, wie sich die Informationen des 2018 gestarteten Satelliten für die Modelle nutzen lassen. Klar sei aber, sagt Majewski: Während der Messfehler bei Windmessungen am Flugzeug bei etwa einem Meter pro Sekunde liege, betrage er beim Satelliten zwei bis zweieinhalb Meter pro Sekunde.

Besonders stark fallen die fehlenden Flugzeugdaten beim zweiten Computermodell ins Gewicht, das der DWD betreibt. Es heißt "COSMO-D2" und umfasst Deutschland und seine Nachbarländer. Im Vergleich zum globalen Modell ist es räumlich deutlich höher aufgelöst. Wichtig ist es zum Beispiel für die Vorhersage von Gewittern. Während nun für die Berechnung des Modells am 1. Februar dieses Jahres noch mehr als 42.000 Flugzeugmesswerte verwendet wurden, waren es am 1. April, also in der vergangenen Woche, nur noch gut 5100.

Der Hauptgrund: Die Lufthansa betreibt für den Deutschen Wetterdienst neun Feuchtemessgeräte an Bord von A321-Maschinen. Deren Daten sind vor allem in den Phasen der Start und Landung interessant, wenn die Maschine innerhalb von kurzer Zeit verschiedenste Höhenniveaus durchfliegt. Doch aktuell passiert genau das eben nicht, alle neun Jets bleiben in der Coronakrise aus Kostengründen am Boden – und die Meteorologen und ihre Gewittervorhersage haben das Nachsehen.

Beim DWD behilft man sich einstweilen damit, an den vier Standorten in Stuttgart, Essen, Meinigen und Oberschleißheim morgens um acht zusätzliche Wetterballons in die Atmosphäre aufsteigen zu lassen.

Wetterballon mit Radiosonde: Beim DWD gibt es jetzt zusätzliche Messungen, um Datenlücken aufzufüllen

Wetterballon mit Radiosonde: Beim DWD gibt es jetzt zusätzliche Messungen, um Datenlücken aufzufüllen

Foto: dpa

Wie ein Koch, der das Salz vergessen hat

Florian Pappenberger leitet am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) im britischen Reading die Vorhersage-Abteilung. Die Organisation mit ihren 22 europäischen Mitgliedstaaten betreibt ein weltweites Modell, das unter anderem für sehr präzise Hurrican-Vorhersagen bekannt ist. Spricht man ihn auf die fehlenden Flugzeugdaten an, vergleicht er die Situation mit einem Koch, der an seinem Gericht das Salz vergessen hat. Das sei nicht unbedingt dramatisch, aber eben nicht ideal.

Für die Meteorologen sei die Datenlücke durchaus ein großer Verlust. "Als Normalbürger wird man das vermutlich nicht merken." Das EZMW hat mit den Messwerten des Jahres 2019 simuliert, um wie viel schlechter die Vorhersage komplett ohne Flugzeugdaten wäre. Das Ergebnis: Besonders merklich ist der Qualitätsrückgang der Prognose in dem Höhenbereich der Atmosphäre, in dem auch die Jets normalerweise unterwegs sind, also in 10 bis 12 Kilometer Höhe. Hier kommt es teils zu Fehlern von über zehn Prozent. Am Boden liegt die Abweichung, je nach Vorhersagemodell, bei etwa vier Prozent.

Bei der Einordnung dieser Werte hilft eine Daumenregel: Pro Jahrzehnt werden die Prognosen der Meteorologen um etwa zehn Prozent besser. "Das heißt, wir sind jetzt vielleicht um drei bis fünf Jahre zurückgeworfen", sagt Pappenberger. Außerdem ließe sich ein Teil des Problems auch durch zusätzliche Daten lösen. Durch die zusätzlichen Wetterballons zum Beispiel, aber auch dadurch, dass inzwischen auch vermehrt kleine Flugzeuge Wetterdaten an den Boden übermitteln.

Bescheidenes Wetter zu Ostern vorhergesagt

Sorgen macht Pappenberger eher etwas anderes. Gerade hat die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf davor gewarnt , dass auch die Zahl der Wettermessungen am Boden derzeit merklich sinkt. Betroffen seien vor allem Entwicklungsländer, in denen die Daten nicht automatisch, sondern noch per Hand gesammelt würden. Hier habe es in den vergangenen zwei Wochen einen deutlichen Rückgang bei den übermittelten Informationen gegeben. Schuld daran, so die WMO, könnte die Corona-Pandemie sein. Genau wisse man das aber noch nicht. "Das könnte relativ große Auswirkungen haben", warnt Meteorologe Pappenberger, "weil es aus diesen Ländern ohnehin wenige Messungen gibt."

Für die bevorstehenden Ostertage sehen die Wettermodelle aktuell übrigens eher durchwachsenes Wetter voraus . Für den Ostersonntag prognostiziert der DWD für den Norden und in der Mitte Deutschlands gebietsweise etwas Regen. Nur im Süden solle es zunächst noch heiter sein. Für den Montag wird dann für alle viel Regen in Aussicht gestellt. Im Kampf gegen das Coronavirus wäre das eine gute Nachricht – weil nicht so viele Menschen ins Grüne wollen. Aber vielleicht täuscht sich die Wettervorhersage ja auch.

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