Folgen der P.1-Variante für die Pandemie Amazonas-Mutation auf dem Vormarsch

Schon die Coronamutante B.1.1.7 erschwert die Pandemiebekämpfung in Deutschland massiv. Könnte sich die Lage durch die brasilianische Variante weiter verschlimmern? Was bisher bekannt ist.
Corona-Feldlazarett im brasilianischen Santo Andre: Untersuchungen zeigen, dass P.1 in 25 bis 61 Prozent aller Fälle die durch frühere Infektionen gewonnene Immunabwehr umgeht

Corona-Feldlazarett im brasilianischen Santo Andre: Untersuchungen zeigen, dass P.1 in 25 bis 61 Prozent aller Fälle die durch frühere Infektionen gewonnene Immunabwehr umgeht

Foto: Andre Penner / dpa

Zuletzt mehr als 2000 Tote täglich, rund 12 Millionen Infizierte und ein Trend bei den Fallzahlen, der nur eine Richtung kennt: nach oben. Weil in Brasilien die Coronapandemie in den vergangenen Wochen nahezu vollständig außer Kontrolle geraten ist, entwickelt sich das Land mehr und mehr zu einem globalen Epizentrum in der Viruskrise. Während die Krankenhäuser in so gut wie allen großen Städten am absoluten Limit arbeiten, warten immer mehr Menschen auf ein freies Intensivbett. Brasilien rangiert bei den weltweiten Fallzahlen auf Platz zwei, direkt hinter den USA.

P.1 lautet der Name einer besonders aggressiven Virusmutation, die zu großen Teilen für die verheerende Lage in dem Amazonasstaat sorgt. Sie habe sich inzwischen in mindestens sieben Bundesstaaten durchgesetzt und sei auch im Nachbarland Uruguay auf dem Vormarsch. Inzwischen sei die Variante zusammen mit einer weiteren heimisch geworden, hieß es zu Beginn der Woche aus Brasilien. Doch wurde P.1 nun auch in mindestens 25 weiteren Ländern nachgewiesen – Tendenz steigend.

Die häufigsten Virusvarianten in Deutschland nach Kalenderwochen: Der farbig dargestellte Bereich zeigt den relativen Anteil der jeweiligen Linie bezogen auf alle zum Zeitpunkt detektierten Virusvarianten

Die häufigsten Virusvarianten in Deutschland nach Kalenderwochen: Der farbig dargestellte Bereich zeigt den relativen Anteil der jeweiligen Linie bezogen auf alle zum Zeitpunkt detektierten Virusvarianten

Foto: RKI

Auch in Deutschland ist die Mutante angekommen. Ende Januar entdeckten Experten durch die Sequenzierung von Virenproben erstmals einen Fall in Hessen. Bisher sind nur wenige Infektionen bekannt, laut dem letzten Bericht  des Robert Koch-Instituts liegt der Anteil von P.1 noch bei maximal einem Prozent aller hierzulande sequenzierten Virenproben. Wie sich die Ausbreitung weiter entwickelt, ist allerdings offen.

Entwicklung der Mutationsverbreitung in Deutschland laut RKI: Die Daten stammen aus den Analysen der Erhebung des Laborverbundes

Entwicklung der Mutationsverbreitung in Deutschland laut RKI: Die Daten stammen aus den Analysen der Erhebung des Laborverbundes

Foto: RKI

P.1 wurde erstmals im Januar in Tokio nachgewiesen, bei vier Personen, die aus dem Amazonasgebiet in Brasilien einreisten. Experten gehen davon aus, dass die Mutation dort zwischen November und Dezember entstanden ist und auf die Linie B.1.1.28 von Sars-CoV-2 zurückgeht. In Brasilien grassiert zudem noch die P.2-Variante, die sich etwas früher entwickelt hat. Sie scheint weniger problematisch zu sein und unterscheidet sich deutlich von P.1.

Früher gewonnene Immunabwehr umgangen

Nach allem, was man weiß, vereint P.1 gleich mehrere Eigenschaften bisheriger Mutationen: Offenbar ist sie, ähnlich wie die britische Variante, bis zu doppelt so infektiös wie der Wildtyp  des Virus, Infizierte haben eine vielfach höhere Viruslast, was sie potenziell infektiöser macht, und P.1 weist gleich 17 Veränderungen im Erbgut auf. Zehn davon betreffen das Spike-Protein, mit dem das Virus an menschliche Wirtszellen andockt. In den genetischen Veränderungen ähnelt es zudem der Variante aus Südafrika (B.1.35) – beide tragen die Mutation mit der Bezeichnung E484K.

Wissenschaftler nehmen für P.1 eine Reduktion der Wirksamkeit neutralisierender Antikörper bei Genesenen und Geimpften an. Das heißt, trotz eines Impfschutzes oder einer durchgemachten Infektion könnten Menschen anfällig sein für das Virus. In Laborbefunden konnten Forscher bereits belegen, dass sich Antikörper nicht so gut an das Virus binden können, um es wirksam zu bekämpfen. Eine Untersuchung aus Brasilien und Großbritannien hatte zudem gezeigt, dass P.1 in 25 bis 61 Prozent aller Fälle die durch frühere Infektionen gewonnene Immunabwehr umgeht.

Die Situation im nordwestbrasilianischen Manaus zeigt, welche Auswirkungen diese Zahlen auf den Pandemieverlauf haben können: In der Millionenstadt gab es zuletzt erneut eine große Zunahme von Coronafällen, obwohl dort bereits viele Menschen bei der ersten Welle im Frühjahr des vergangenen Jahres eine Infektion durchgemacht hatten. Laut einer Studie im Fachblatt »Science«  lag die Rate damals bei 66 Prozent, weshalb Epidemiologen seinerzeit sogar von einer Herdenimmunität ausgingen.

Wenn aufgebaute Immunisierung durch eine durchgemachte Infektion nicht sicher vor einer Infektion mit P.1 schützen sollte, ist auch fraglich, wie gut die bisher zugelassenen Impfstoffe wirken. Noch liegen dazu aber kaum verlässliche Daten vor. Laut dem brasilianischen Virologen Atila Iamarino hätten Labortests gezeigt, dass die Impfstoffe des chinesischen Herstellers Sinovac und des britisch-schwedischen Unternehmens AstraZeneca gegen die Mutation effektiv wirken könnten, ohne angepasst zu werden. Ob sich das bei der Anwendung mit Patienten bestätigt, ist noch offen. Andere Ergebnisse hatten gezeigt, dass die AstraZeneca-Vakzine gegen die südafrikanische Variante, die P.1 ähnlich ist, signifikant weniger wirksam war.

Widersprüchliche Wirksamkeitsdaten

Eine noch nicht begutachtete Studie  von Forschern der Universität Oxford lieferte immerhin positive Ergebnisse. Demnach würden die Impfstoffe von Biontech und AstraZeneca besser gegen P.1 wirken als zunächst angenommen. »Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass P.1 möglicherweise weniger resistent gegen Impf- und Immunantworten ist als die südafrikanische Variante.« Die Mittel hätten eine ähnliche Wirkung wie bei der britischen Variante.

Eine andere noch nicht begutachtete Studie kommt dagegen zu einem anderen Schluss: Gegenüber P.1 sei die Wirksamkeit der Mittel von Biontech und Moderna signifikant  geringer.

Zulassungsstudien für das Mittel von Johnson & Johnson wurden auch in Südafrika und Brasilien durchgeführt, als dort bereits Mutationen auftraten, berichtet die University of California  in San Francisco. Deshalb gebe es Daten, die zeigten, dass der Impfstoff gegen Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe zuverlässig schütze. Insgesamt sei aber mit einer weniger starken Wirksamkeit als gegen den Wildtyp zu rechnen.

Auch wenn sich zeigt, dass die bisherigen Impfstoffe zumindest einen gewissen Schutz bieten, birgt die weiter eskalierende Coronalage in Brasilien weitere Gefahren: Weil die Infektionszahlen hoch sind, hat das Virus viele Gelegenheiten, sich erneut zu verändern. Experten fürchten, dass sich eine Art Supervirus entwickelt, gegen den dann tatsächlich keiner der bekannten Impfstoffe mehr helfen könnte.

joe