Exit bei Corona-Maßnahmen Welche Zahlen für eine Lockerung sprechen - und welche dagegen

Politiker und Wissenschaftler haben mehrere Kennziffern angeführt, die über eine Lockerung des Shutdowns mitentscheiden. Welche Ziele erfüllt sind - und welche Pläne Wissenschaftler für den Ausstieg haben.
Geschlossene Schule in Bayern. Wird der Shutdown allmählich gelockert? Darüber beraten Bund und Länder am Mittwoch

Geschlossene Schule in Bayern. Wird der Shutdown allmählich gelockert? Darüber beraten Bund und Länder am Mittwoch

Foto: Frank Hoermann/ SvenSimon

Nun sagt, wie habt ihr es mit dem Corona-Lockdown? Wie Faust im Goethe-Klassiker stand die Politik in den vergangenen Wochen vor einer wichtigen Frage - rang jedoch mit der Antwort: "Nach Ostern wissen wir mehr." Zu detaillierteren Aussagen ließen sich die meisten nicht hinreißen. Nach Ostern, diesem Moment fiebert die öffentliche Erwartung seitdem entgegen. Nun ist es so weit: Am Mittwoch beraten Bund und Länder über die Zukunft der aktuell geltenden Regeln gegen die Ausbreitung des Coronavirus.

Der Zeitpunkt für erste Antworten auf die Gretchenfrage scheint damit gekommen. Und anders als Faust hofft die Politik nicht, dass sich die Bevölkerung die Antwort selbst zusammenreimt. Es müssen Entscheidungen her.

Ein Gradmesser allein entscheidet nicht über eine Lockerung

Doch unter welchen Bedingungen wäre der schrittweise Ausstieg überhaupt zu verantworten? Um konkrete Antworten drückten sich Politiker und Wissenschaftler lange herum. Sie nannten verschiedene Kennzahlen.

Besonders häufig wurde in den vergangenen Wochen die Verdopplungszeit zitiert. Sie gibt an, wie viel Zeit vergeht, bis sich die Anzahl der positiv auf das Coronavirus Getesteten verdoppelt hat. "Wir müssen es schaffen, dass die Zahlen sich nur alle zehn Tage verdoppeln, besser länger", sagte beispielsweise NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann Ende März. Später sprach der CDU-Politiker von zwölf oder noch besser 16 Tagen.

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Wie kam es zu der Steigerung? Ältere Patienten sind länger auf Beatmung angewiesen als anfangs gedacht, erklärte Angela Merkel vergangene Woche in einer Pressekonferenz. Der Grund: In Deutschland waren anfangs im Vergleich zu anderen Ländern jüngere Patienten erkrankt, die nicht so lange intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Mittlerweile ist der Anteil älterer Patienten allerdings gestiegen.

Das Problem: Es gibt nicht die eine Verdopplungszeit. Je nach Datengrundlage und Rechenweg können sehr unterschiedliche Ergebnisse herauskommen. Für Deutschland kursierten zuletzt Werte von deutlich über 20 Tagen - die Forderung von Politikern wäre mehr als erfüllt.

Allerdings werden in solche Übersichten teilweise auch Patienten mitgezählt, die mittlerweile wieder gesund sind oder tot. Sie verzerren damit die aktuelle Entwicklung. Und: Die Verdopplungszeit ist vor allem in der Phase der Pandemie aussagekräftig, in der sich ein Erreger exponentiell ausbreitet. In Deutschland hat sich das Wachstum aber mittlerweile wieder abgeflacht. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Auch der Regierung sind diese Unsicherheiten bekannt. Sie hat zudem in der Vergangenheit mehrfach betont, die Verdopplungszeit sei nicht das einzige Kriterium, das für eine Entscheidung über Lockerungen herangezogen werde.

Wegen der Unsicherheiten hat sich der SPIEGEL entschieden, nicht mehr die Verdopplungszeit abzubilden, sondern den Trend bei den Neuinfektionen. Der Wert zeigt auf einen Blick, ob die täglich neu nachgewiesenen Fälle zuletzt im Vergleich zur Vorwoche mehr oder weniger wurden. Demnach ist in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen gegenüber den sieben Tagen davor um rund ein Drittel gesunken.

Allerdings hat sich die Zahl der Neuinfektionen auf einem hohen Niveau eingependelt, erklärte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Und es gebe noch keinen eindeutigen Trend, dass die Zahlen zurückgingen. Um die Epidemie einzudämmen, dürfte die Anzahl der neuen Corona-Fälle pro Tag über mindestens eine Woche hinweg einen gewissen Wert nicht überschreiten. Wie hoch dieser ist, sagte Wieler allerdings nicht.

Als einen entscheidenden Faktor hatte der RKI-Chef zudem immer wieder die Reproduktionszahl ins Spiel gebracht. Sie beschreibt, wie viele Menschen ein Corona-Patient ansteckt. Sind es mehr als einer, breitet sich der Erreger aus, sind es weniger, geht die Zahl der Infektionen zurück. "Wir müssen die Reproduktionsrate unter 1 drücken", sagte Wieler. Anfang März lag der Faktor noch bei drei, mittlerweile hat er sich bei einem Wert um 1 stabilisiert. Laut den zuletzt veröffentlichten Zahlen ist er bundesweit jedoch noch nicht unter 1 gesunken.  

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Kanzlerin Merkel hatte in einer Pressekonferenz auch das Verhältnis von Genesenen und Erkrankten als mögliche Maßzahl der Pandemie ins Spiel gebracht, also ob an einem Tag mehr Menschen an dem Coronavirus erkranken oder sich davon erholen.

In Deutschland ist die Zahl der Genesenen jedoch nicht meldepflichtig. Manche Gesundheitsämter weisen sie aus, andere nicht. Das RKI veröffentlicht inzwischen eine Schätzung der Genesenen. Sie beruht auf der Annahme, dass jemand, bei dem das Coronavirus nachgewiesen wird, die Krankheit innerhalb von zwei Wochen überstanden hat, wenn kein schwerer Verlauf bekannt wird. In den vergangenen Tagen zeigte sich ein erster Trend in positiver Richtung: Die Zahl der täglich (schätzungsweise!) neu Genesenen lag meist höher als die Zahl der bestätigt Neuinfizierten. Allerdings ist dieser Trend noch nicht kontinuierlich und mit Unsicherheiten behaftet. Sowohl das Schätzverfahren bei den Genesenen als auch über die Ostertage womöglich verspätet gemeldete Neuinfizierte können die Werte beeinflussen.

Was folgt aus all dem?

Die strikten Maßnahmen zeigen also durchaus Wirkung. Die Zahl der Infektionen ist in den vergangenen Wochen zurückgegangen. So viel steht fest. Zudem haben einige Kennziffern wie die Verdopplungszeit inzwischen Werte erreicht, die Politiker zuvor als Gradmesser ins Spiel gebracht hatten. Allerdings ist gerade dieser Wert nicht besonders zuverlässig und: Andere Werte, insbesondere die Reproduktionszahl, hinken den Zielen hinterher.

Wissenschaftler haben daher erste Ideen für Exit-Strategien entwickelt. Hier eine Übersicht über die jüngsten Pläne:

  • Die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, hatte am Montag ihre dritte sogenannte Ad-hoc-Stellungnahme  zur Pandemie vorgelegt. Die Forscher aus verschiedenen Disziplinen schlagen beispielsweise vor, Schulen schrittweise zu öffnen, Kindergärten sollten dagegen für den Regelbetrieb noch bis zum Anfang der Sommerferien geschlossen bleiben. Zudem sprechen sie sich für Schutzmasken und Corona-Apps aus. Allerdings fehlt es laut den Forschern an validen Daten zum Infektions- und Immunitätsstatus der Bevölkerung. Ein Fahrplan für eine rasche Lockerung der Corona-Maßnahmen ist die Stellungnahme damit nicht.

  • Ein weiteres Papier  für die politischen Entscheidungsträger kommt von der Helmholtz-Gemeinschaft. "Wenn wir - nach jetzigem Stand - für weitere drei Wochen strikte Maßnahmen ergreifen, können wir die Zahl der Neuinfektionen hoffentlich soweit senken, dass sich dann einzelne Fälle wieder nachverfolgen lassen", sagte Michael Meyer-Hermann dem SPIEGEL. Der Physiker ist einer von 17 Verfassern der Analyse. Also: Weiter Durchhalten, um eine kontrollierte Vorbereitung für den Ausstieg zu ermöglichen. Um die Infektionszahl bestmöglich zu senken, schlagen die Forscher sogar noch striktere Maßnahmen vor.

  • Auch die Wirtschaftsforscher des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf haben sich in einem Statement  gegen einen schnellen Ausstieg ausgesprochen. Wenn es wegen eines vorschnellen Endes zu einer erneuten Welle von Corona-Infektionen käme, würden neben den gesundheitlichen auch die wirtschaftlichen Risiken steigen, so ihr Fazit. In einem solchen Szenario sei die Gesamtdauer der Umsatzausfälle und Betriebsschließungen am Ende größer, ebenso die Ausfälle beim Bruttoinlandsprodukt (BIP). Zudem verursachten die Kontaktbeschränkungen "deutlich weniger als die Hälfte" des Wirtschaftseinbruchs in Deutschland. Ein größerer Teil resultiere aus den Produktions- und Absatzschwierigkeiten des verarbeitenden Gewerbes, zum einen wegen unterbrochener Lieferketten, zum anderen wegen geschwächter Nachfrage im In- und Ausland.

"Wir leben weiter in der Pandemie."

All diese Pläne haben jedoch ein Problem: Ein entscheidender Wert für die Einschätzung der Lage fehlt noch. Es geht darum, wie viele Menschen sich mittlerweile mit dem Coronavirus angesteckt haben, ohne dass ein Test die Infektion nachgewiesen hat. Im Kreis Heinsberg lag dieser Wert bei 15 Prozent, zeigten erste Zwischenergebnisse einer Studie um den Virologen Hendrick Streeck. Die Werte sind jedoch umstritten und nicht repräsentativ für Deutschland. Das Robert Koch-Institut hat Studien angekündigt, die die Immunität in der Bevölkerung zeigen sollen. Im Mai wird mit ersten Ergebnissen gerechnet.

Mehrere Ministerpräsidenten haben die Hoffnung auf schnelle Lockerungen unmittelbar vor den Verhandlungen bereits gebremst. Auch Kanzlerin Merkel hatte zuletzt von kleinen Schritten gesprochen, die immer wieder geprüft werden müssten, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. An den aktuellen Maßnahmen, die bis zum 19. April gelten, soll nicht gerüttelt werden. Was danach kommt, wird sich am Mittwoch zeigen.

Eines jedoch machte Merkel schon vorab deutlich: "Wir leben weiter in der Pandemie." Vielleicht ist das derzeit die einzige Antwort, die Gretchen auf ihre Frage erwarten kann.

Mitarbeit: Almut Cieschinger, Mara Küpper

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