Verstopfungen im Abwassersystem Droht die nächste Klopapierkatastrophe?

Weil viele Haushalte in der Coronakrise Klopapier hamstern, behelfen sich manche Menschen verstärkt mit anderen Tüchern - und stellen damit das Abwassersystem vor gewaltige Probleme.
Mann auf der Toilette: Feuchttücher oder Küchenpapier gehören nicht ins Klo

Mann auf der Toilette: Feuchttücher oder Küchenpapier gehören nicht ins Klo

Foto: Piotr Marcinski/ EyeEm/ Getty Images

Es heißt, dass Not erfinderisch macht. Und die Not war in der vergangenen Woche wohl bei einigen Bewohnern der nordkalifonischen Stadt Redding groß. Weil Toilettenpapier in Zeiten der Coronakrise dort knapp - oder zumindest ungleich verteilt - ist, nutzen sie zerschnittene T-Shirts als Ersatz. Im Abwassernetz führte das zu einer Verstopfung, die laut dem lokalen Entsorger nur durch das schnelle Ausrücken eines Reparaturtrupps noch rechtzeitig behoben  werden konnte.

Eine elektronische Anzeigetafel ermahnt die Menschen in Redding nun, ausschließlich Toilettenpapier im Abfluss herunter zu spülen. Auch mit einem YouTube-Video will die Stadt auf das Problem aufmerksam machen – mit bisher bescheidenem Erfolg: Über das Wochenende kam der Clip  noch nicht einmal auf 200 Aufrufe.

Egal ob in South Carolina , Ohio  oder Massachusetts : Landesweit warnen Entsorgungsunternehmen  in den USA vor verstopften Abwassersystemen, weil die Menschen in der Coronakrise vermehrt Dinge in die Toilette werfen, die dort nichts zu suchen haben: Desinfektionstücher für Oberflächen, Servietten, Kosmetik- und Küchentücher, Windeln. Oder eben zerschnittene T-Shirts.

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Auch der nordenglische Abwasserentsorger Northumbrian Water berichtete, dass in der Coronakrise vermehrt Wischtücher und Zeitungspapier die Abwassersysteme belasteten. "Wir verstehen, dass einige Menschen, die von der begrenzten Verfügbarkeit von Toilettenpapier betroffen sind, vielleicht keine andere Wahl haben, als alternative Produkte zu verwenden", erklärte der verantwortliche Manager Simon Cyhanko der BBC . Die Folgen für die Häuser der Region und die Umwelt könnten aber verheerend sein. Wird ein Stau nicht rechtzeitig aufgelöst, staut sich das Abwasser und kann in Badezimmern unerwartet aus den Leitungen sprudeln.

Faseriges Material, das aus dem Abwassersystem von Berlin entfernt wurde

Faseriges Material, das aus dem Abwassersystem von Berlin entfernt wurde

Foto: Berliner Wasserbetriebe

Droht nun auch Deutschland nach der Klopapierkrise 1.0, also dem wegen Hamsterkäufen teils knappen Angebot in den Supermärkten , eine Krise 2.0, in der aller möglicher Müll die Abwasserkanäle verstopft? Auf den ersten Blick bestätigt sich dieses Szenario derzeit eher nicht, zumindest nicht bei stichprobenartigen Nachfragen bei Entsorgern. Allerdings ist aus einigen Orten durchaus von Problemen zu hören.

"Intensive Zunahme an Feuchttüchern"

Das Gemeinschaftsklärwerk der niedersächsischen Gemeinden Oyten und Ottersberg beklagt  zum Beispiel gerade eine "intensive Zunahme an Feuchttüchern, die über die WCs im Kanalnetz landen". Und auch Gerd Lautenschläger, Chef der Kläranlage im südhessischen Mörfelden-Walldorf, berichtet dem SPIEGEL davon, dass an der Abwasserpumpstation Walldorf derzeit etwa doppelt so viele Feuchttücher anfallen wie üblich: "Normalerweise sind das 400 bis 600 Kilogramm pro Woche, jetzt sind wir bei 1000 Kilogramm."

In Küchenrollen und Taschentüchern werden sogenannte Nassfestmittel auf Basis von biologisch schwer abbaubaren Polyamid-Epichlorhydrinharzen eingesetzt. Sie sorgen dafür, dass diese im Gegensatz zu Toilettenpapier nicht einfach bei der Abwasserbehandlung zerfallen. "Diese Produkte überstehen sogar problemlos einen Waschgang in der Waschmaschine", heißt es beim Umweltbundesamt. Noch problematischer sind Feuchttücher, die aus synthetischen oder natürlichen Textilfasern bestehen. Sie sind wegen ihres Materials und ihrer reißfesten Struktur unkaputtbar. "Papiertaschentücher, Küchenrollen und Vliestücher sind aus unserer Sicht kein geeigneter Ersatz für Toilettenpapier", lautet das Fazit des Umweltbundesamtes.

Ein Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe entfern einen faserigen Zopf aus einer Abwasserpumpe

Ein Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe entfern einen faserigen Zopf aus einer Abwasserpumpe

Foto: Berliner Wasserbetriebe

Dass sie sich in der Toilette problemlos herunterspülen lassen, täuscht über die Probleme hinweg, die Küchenpapiere, Feuchttücher und anderes den Abwasserbetrieben machen. In deren Pumpwerken sammeln sich so viele von den Tüchern, dass sie ganze Anlagen lahmlegen und zum Fall für den Entstördienst machen. Die Stadtentwässerung Dresden etwa rechnet vor , dass so jedes Jahr Zusatzkosten von 100.000 Euro anfallen.

Meterlange Zöpfe aus Fasern - "so dick wie die Oberschenkel eines Gewichthebers"

Bevor sie in die Knie gehen, verquirlen die Pumpen die Feuchttücher zu langen Strängen, "Diese Zöpfe können meterlang sein und so dick wie die Oberschenkel eines Gewichthebers", sagt Stephan Natz von den Wasserbetrieben Berlin. Manche Pumpen verfügen über Sensoren, die vor einer Gefährlichen Materialansammlung warnen. Sie wechseln dann in einen Stottermodus oder laufen kurz rückwärts. Doch oft genug reicht das nicht aus.

Das Problem macht Abwasserentsorgern schon seit Jahren zu schaffen, nicht erst seit Corona. Doch jetzt fallen mögliche Probleme besonders ins Gewicht: "Was die Abwasserbetriebe aktuell gar nicht brauchen, sind zusätzliche Reinigungseinsätze bei verstopften Pumpen", erklärt  der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der rund 1500 Stadtwerke und kommunalwirtschaftliche Unternehmen in Deutschland vertritt. Auch einzelne Unternehmen wie die Wasserverbände Emschergenossenschaft und Lippeverband appellieren  bereits an die Menschen, Küchenpapier und Feuchttücher im Hausmüll zu entsorgen. Und nicht in der Toilette. "Da wir in unserem Betrieb zurzeit das Personal reduziert haben, um Reservepools aufzubauen, sollte es auf der Hand liegen, dass das Letzte, was wir nun benötigen, unnötige Reinigungseinsätze sind", sagt auch Ole Braukmann von Hamburgwasser.

Einstweilen, so zeigen etwa Nachfragen bei Entsorgungsbetrieben in Berlin, Hamburg und Dresden, gibt es in der Krise bisher aber wenig zusätzliche Schwierigkeiten durch die Faserzöpfe. Allerdings ist der Aufwand ohnehin schon beträchtlich: Im Schnitt sechs Mal am Tag muss zum Beispiel der Entstördienst in der Hauptstadt in eines der 168 Abwasserpumpwerke fahren, um wieder ein Wirrwarr von verquirlten Feuchttüchern aus einer havarierten Pumpe zu ziehen. In Hamburg fielen im Jahr 2018 immerhin 354 solcher Einsätze an, also etwa einer pro Tag. Und auch beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) müssen die Pumpen ein bis zwei Mal pro Woche von Tüchern gesäubert werden.

Bisher habe man die Teams nicht zu zusätzlichen Reparatureinsätzen schicken müssen, sagt OOWV-Pressesprecher Heiko Poppen. "Das Problem tritt aber vielleicht auch erst mit zeitlicher Verzögerung auf." Ähnliches vermutet man auch in Hamburg.

Dass es bisher nicht zu größeren Blockaden gekommen sei, so ist bei einem Abwasserbetrieb zu hören, habe womöglich auch gerade damit zu tun, dass sich die Menschen in Deutschland in den vergangenen Wochen so umfassend mit Toilettenpapier eingedeckt hätten: "Die Leute haben so viel, dass sie nicht zu Alternativen greifen." Und folgten sie den Empfehlungen zum verstärkten Händewaschen im Kampf gegen das Virus, sei das vielleicht sogar gut für die Kanalsysteme: "Dann steht mehr Wasser als Transportmittel zur Verfügung."